Smith war der Meinung, dass der Mensch von Natur aus mit anderen mitfühlt. Mitgefühl beginnt damit, dass wir uns in die Position eines anderen hineinversetzen; Oft bewegt uns das Leiden der Menschen in unserer direkten Umgebung, manchmal sogar das Leiden fiktiver Personen:

Unsere Freude für die Rettung eines fiktiven Helden ist genauso ehrlich wie unser Mitleid, falls dieser in Not ist, und wenn wir seine Probleme nachempfinden, ist das genauso real, wie wenn wir uns über sein Glück freuen. Wir sind genauso seinen treuen Freunden dankbar, die ihn nicht alleine lassen, wenn er in Schwierigkeiten ist, genauso wie wir seine Wut gegen jene teilen, die ihn verraten, verletzen oder verlassen. Die Gefühle des Zuschauers entsprechen fast immer den Gefühlen, welche er für die Gefühle des leidenden Protagonisten hält.

Theater und Literatur beeinflussen unsere Gefühlswelt, da sie uns an einer Geschichte teilhaben lassen. Und ein literarisches Werk ist für uns schwer zugänglich, wenn wir uns nicht mit den handelnden Personen identifizieren können; Wenn ihre Persönlichkeiten, Umstände oder Interessen fremd, schockierend oder gar seltsam sind, sodass wir keine Sympathie für sie empfinden können.

Um das Verhalten anderer Leute beurteilen zu können, muss man erst einmal wissen, was anständiges oder normales Verhalten überhaupt ist. Meistens ist es so, dass eine Situation nicht nur eine einzige angemessene Verhaltensweise hat, sondern dass es eine ganze Fülle an möglichen Reaktionen auf diese Situation gibt. Wie benimmt man sich bei einem Abendessen oder bei einer Beerdigung? Wie drückt man korrekt Dankbarkeit aus? Wie viel Hilfe wird von einem erwartet, wenn der Nachbar, oder ein Fremder einen um Hilfe fragt? Es gibt einige Fragen dieser Art, und es gibt auf jede eine Reihe zufriedenstellender Antworten. Smith sagt nun, dass wir solche Themen mit einer gewissen Distanz beurteilen sollen: Wir sollen uns überlegen, wie ein unbeteiligter Beobachter die Situation bewerten würde.

Eine Situation so zu bewerten, wie es ein unbeteiligter Beobachter tun würde, hat nichts mit kalter Logik oder ähnlichem zu tun. Aus unseren emotionalen Reaktionen gegenüber bestimmten Verhaltensweisen kann man eine ganze Menge lernen. Oder, um es in Michael Polanyis Worten zu sagen: „wir wissen mehr als das, was wir sagen können“. Dasselbe gilt für soziale Normen und für die Anständigkeit. Dies war einer der Gründe, warum Hayek Traditionen radikaler sozialer Veränderung vorzog. Was wir über Anstand wissen, ist teilweise nur implizites Wissen, und es ist auch teilweise verstreut. Wir beobachten jene Menschen, die wir bewundern, und versuchen deren Verhaltensweisen nachzuahmen. Unsere Vorstellungen bezüglich des Anstands können nur durch die Anwesenheit einer Person beeinflusst werden, dies weiß jeder, der eine Mutter hat. Und weil unsere moralische Urteilskraft auf implizitem und verstreutem Wissen beruht, kann es keine zentrale moralische Autorität geben – ein weiteres Argument gegen den Staat als werteerhaltende Instanz.

Aber was geschieht sonst noch, wenn wir die Sichtweise eines unbeteiligten Beobachters einnehmen? Die meisten Menschen haben sehr stark ausgeprägte und vor allem selbstbezogene Gefühle, und um diese Gefühle für andere verständlich zu machen, muss man diese Gefühle mäßigen. Gleichzeitig müssen aber Außenstehende ihr Mitgefühl verstärken, um das Handeln der Personen, die die Situation betrifft, nachempfinden zu können. Bevor sie die Handlungen der in eine Situation involvierten Person beurteilen können, müssen sie deren Gefühle und Gedanken zuerst einmal Beachtung schenken. Sowohl die Vorlieben der Handelnden Person als auch der Person, die über sie urteilt, werden durch das Berücksichtigen der Sichtweise des unbeteiligten Beobachters korrigiert.

Durch diesen „Mann in der Brust“ (man within the breast) äußert sich der unbeteiligte Beobachter bei uns. Dieser ist nicht nur unser Gewissen, das uns entweder Gewissenbisse oder ein Gefühl des Stolzes bereitet. Der „Mann in der Brust“ beschränkt und mäßigt auch unsere Leidenschaften und Gefühle, indem er eine Art internen Dialog startet:

Es ist die Vernunft, unsere Prinzipien, unser Bewusstsein, eben der „man within the breast“, der über unser eigenes Handeln urteilt. Wann immer wir mit unseren Handlungen das Glück eines anderen Menschen beeinträchtigen könnten, ist es er, der uns daran erinnert, dass wir nur einer von vielen sind, nicht mehr oder weniger wert als jeder andere. Und wenn wir uns egozentrisch verhalten, dann werden wir in der Regel von den anderen Menschen mit Abscheu und Verachtung bedacht. Nur durch den „man within the breast“ können wir die Nichtigkeit unserer selbst und unserer Angelegenheiten erkennen.

Dieser innere Vertreter hilft uns, uns anständig zu verhalten. Smith schreibt, dass er „fähig ist, jede noch so überhebliche Leidenschaft zu erschüttern“. Der „man within the breast“ ist in der Lage, Menschen davon zu überzeugen ihre dringendsten Bedürfnisse oder materiellen Interessen aufzugeben. Im moralischen Gefüge Adam Smiths ist der „man within the breast“ für gutes, bzw. lobenswertes Verhalten bei uns verantwortlich.

Allerdings sind moralische Urteile auch teilweise intuitiv. Oft haben wir bestimmte Meinungen zu Verhaltensweisen, die wir nicht direkt erklären können. Wir spüren, dass sich jemand falsch verhalten hat, obwohl wir nicht einmal wissen, was diese Person hätte anders machen sollen. Smith spricht sehr oft von der Schönheit oder Hässlichkeit einer bestimmten moralischen Handlung. Denn manchmal fällen wir unsere moralischen Urteile, weil wir glauben, dass eine bestimmte Handlung „schön“, oder eben nicht schön ist. Dementsprechend kommt unsere Anerkennung für selbst-aufopfernde Handlungen daher, dass wir sie, unabhängig von ihrem Nutzen für die Gesellschaft, als „nobel“ oder eben „schön“ ansehen.

Dieses Verhältnis zwischen Verstand und Gefühl macht einen wichtigen Aspekt der Smithschen Moraltheorie aus. Menschen sind weder komplett rational noch komplett gefühlsbestimmt; Mitgefühl führt Verstand und Gefühl zusammen.

 

Teil 3 von 5.

Dies ist eine Übersetzung von Marcus Rumler. Das Original ist hier zu lesen.