Was für eine Ethik passt zu einer freien Gesellschaft? Sollte sie auf den Folgen des Handelns basieren, auf Grundrechten oder auf Naturrecht? Sollte sie utilitaristisch oder axiomatisch sein? Dies sind schwierige Fragen, auf die viele kluge Menschen mit den besten Vorsätzen keine gemeinsame Antwort finden. Und die Uneinigkeit verläuft längst nicht nur entlang der Grenze zwischen links und rechts. Mitunter ist sie am stärksten unter Liberalen. Einige Liberale vertreten naturrechtliche Argumente nach Rand und Rothbard, andere Liberale folgen den konsequentialistischen Argumenten Hayeks und Friedmans. Wieder andere folgen der Tradition des scholastischen Naturrechts.

Ich möchte ein weiteres ethisches System zur Diskussion stellen, eines das von Adam Smith und anderen schottischen Aufklärern bekannt gemacht wurde. Für Deirdre McCloskey ist Smiths System eine Art Tugendethik, die auch ethisches Mitgefühl und Zustimmung einbezieht. Sein System verlangt von Menschen, ethische Tugenden gegen soziale Normen im Kontext von Zeit und Ort abzuwägen. Geschmack, Ästhetik und moralischen Empfinden sind notwendig, um in ethischen Fragen ein gutes Urteil zu fällen.

Adam Smith hatte für etwa zehn Jahre die Professur für ethische Philosophie in Glasgow inne, bevor er nach Europa reiste, um den Duke von Buccleuch zu unterrichten. Während dieser Zeit in Glasgow schrieb er seine „Theorie der ethischen Gefühle”. Das Buch war der Versuch einer Studie darüber, wie Menschen tatsächlich ethische Urteile treffen und behandelte die Natur der Moral. Obwohl Smith vorgeworfen wurde, einen ethischen Relativismus zu vertreten, wenn er unterstellt, moralische Autorität erwachse aus dem Urteil eines unparteiischen Beobachters, der je nach Zeit und Ort variieren kann, werde ich darlegen, dass Smith an klare, zeitlose Tugenden glaubte, die sich in verschiedenen Gesellschaften, unter verschiedenen Umständen und bei verschiedenen Menschen unterschiedlich manifestieren.

Doch Gerechtigkeit, argumentierte Smith, besonders ausgleichende Gerechtigkeit, ist eine einzigartige Tugend, deren Regeln „präzise, akkurat und unabdingbar“ sind.

Smiths ethische Theorie hat viele Facetten. Zuerst müssen wir das natürliche Mitgefühl der Menschen für einander verstehen: Warum und wie sympathisieren sie mit ihren Nächsten? Und im Vergleich dazu, warum und wie mit Fremden? Wie entscheiden sie, ob sie ihrem Nachbarn oder einem Flüchtling am anderen Ende der Welt helfen sollten? Danach müssen wir zwei der wichtigsten ethischen Ideen Smiths untersuchen: der Mann in der Brust und der unparteiische Beobachter. Wenn jemand die Richtigkeit einer Handlung beurteilt oder festlegt, was er tun soll, lässt er sich von einem „inneren Mann“ beraten, der für sie repräsentiert, wie ein unparteiischer Beobachter die Situation sehen und wie er sich in ihr fühlen würde. Er sagt, dass die Regeln der Tugend, „locker, wage und unbestimmt“ sind – was bedeutet, dass sie nicht formelhaft sind. Doch Gerechtigkeit, argumentierte Smith, besonders ausgleichende Gerechtigkeit, ist eine einzigartige Tugend, deren Regeln „präzise, akkurat und unabdingbar“ sind. Die Besonderheit der ausgleichenden Gerechtigkeit zieht sich durch die gesamte „Theorie der ethischen Gefühle“ und hat Implikationen für die Frage, welche Aufgaben der Staat übernehmen sollte und was besser der Zivilgesellschaft überlassen werden sollte.

Smiths Ehtik stützt sich darauf, dass Verhalten der Menschen (sowohl unser eigenes, als auch das anderer) zu beurteilen und ein Feedback zu erhalten. Er sagt, dass wir von Menschen natürlich erwarten, dass sie rechtschaffend handeln – was bedeutet, dass sie auf eine Weise handeln, die andere für akzeptabel halten. Es besteht keine klare Trennlinie zwischen lobens- und tadelnswertem Verhalten. Es gibt eine ganze Reihe von akzeptablen Verhaltensweisen, die mit den Sitten übereinstimmen. Die Handlungen der Menschen können auf dieser Bandbreite in ganz unterschiedliche Bereiche fallen. Aber Menschen sind nicht immer damit erfolgreich, sich an die Rechtschaffenheit zu halten. Wenn sie die Rechtschaffenheit weit verfehlen, ist ihr Verhalten tadelnswert. Wenn sie über das, was erwartet wird, hinausgehen, ist ihr Verhalten lobenswert.

Smiths Ethik zielt auf unklare Situationen ab, in denen zwischen konkurrierenden ethischen Gütern abgewägt wird. Fürsprecher des freien Marktes und der freien Gesellschaft sollten eine solche Ethik attraktiv finden.

Eine der größten Stärken einer Ethik, die auf Rechtschaffenheit und Mitgefühl aufbaut, ist, dass sie Grauzonen und Zwiespältigkeiten anerkennt. Handelt jemand couragiert oder rücksichtslos? Ist man umsichtig oder egoistisch? Wie sehr kann man seine eigenen Finanzmittel ausweiten, bevor es in unangebrachte Gier ausartet? Fragen wie diese treten in unbegrenzter Anzahl auf, ähnlich wie in der modernen Gesellschaft Produktionsveränderungen und Entscheidungen im Konsumbereich in fast unendlicher Anzahl auftreten – Entscheidungen, die vom kurzlebigem Wissen über Zeit, Raum und von persönlichen Präferenzen festgelegt werden. Smiths Ethik zielt auf unklare Situationen ab, in denen zwischen konkurrierenden ethischen Gütern abgewägt wird. Fürsprecher des freien Marktes und der freien Gesellschaft sollten eine solche Ethik attraktiv finden. Sie kombiniert das pragmatische Element, verschiedene Umstände, Motive und Konsequenzen abzuwägen, mit dem Festhalten an moralischen Prinzipien, die über Zeit und Raum hinausgehen.

Ein anderer Grund, weshalb eine Ethik des Mitgefühls attraktiv für Liberale oder Libertäre sein sollte, ist dass ihre Mechanismen privater Natur sind. Lob und Tadel kommen von anderen Individuen, nicht von der Regierung oder dem Staat. Jeder hat eine ethische Pflicht, Verhalten zu tadeln oder zu loben. Jeder spielt eine Rolle dabei, einen angemessen Umgangsstandard zu bewahren. Denn eines ist völlig klar: man kann es einfach nicht vermeiden, ethische Urteile zu treffen. Jedes Mal, wenn wir etwas befürworten oder ablehnen, bewerten wir einen Aspekt der moralischen Güte. Jim Otteson argumentierte, dass dieses ethische System wie ein Markt ist, auf dem Menschen Urteile wie Zustimmung, Ablehnung und Ambivalenz gegenüber Verhaltensnormen, Gewohnheiten und den Entscheidungen anderer austauschen. Aus dieser Anwendung ethischer Werte entsteht natürlich auch ein Lern- und Verbesserungspotential.

Die Pflicht, für ethisches Verhalten zu sorgen, hat nichts mit der Anwendung von Gewalt oder Zwang zu tun, sondern viel mehr mit Überredung und Kritik. In Smiths System gibt es auch variierende ethische Normen innerhalb der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Gemeinschaften können damit experimentieren, verschiedene Normen anzunehmen oder durchzusetzen, die für Außenstehende nicht gesetzlich bindend sind. Allerdings könnten diese Außenstehenden auf Ablehnung oder Kritik stoßen, wenn sie die Tabus dieser Gemeinschaft verletzen. Da Abweichungen und Experimente in der Anwendung ethischer Prinzipien erlaubt sind, ist dies für große, multikulturelle Gesellschaften, wie z.B. den Vereinigten Staaten, besonders ansprechend.

Doch selbst diese scheinbar absoluten und universellen Untaten können in Grenzfällen unklarer werden. Ist es Kindesmisshandlung, wenn Eltern ihre Kinder „versohlen“? Ist es unehrlich bei einem Handel Information zurückzuhalten (im Gegensatz zur aktiven Falschaussage)?

Selbstverständlich gibt es in dieser Ethik noch immer grundsätzliche moralische Prinzipien, die über bestimmte gemeinschaftliche Normen hinausgehen. Diese moralischen Prinzipien ermöglichen es Außenstehenden die Normen verschiedener Gemeinschaften zu bewerten, ohne dabei in eine Art Kulturrelativismus zu verfallen, nach dem „alle Kulturen gleich sind“. ISIS betreibt einen inakzeptablen Barbarismus, ob sie nun unter der Flagge der islamischen Kultur agieren oder nicht. Mord, Diebstahl, Vergewaltigung und Ignoranz sowie Unehrlichkeit und Gewalt können über soziale Gruppen hinaus verurteilt werden. Doch selbst diese scheinbar absoluten und universellen Untaten können in Grenzfällen unklarer werden. Ist es Kindesmisshandlung, wenn Eltern ihre Kinder „versohlen“? Ist es unehrlich bei einem Handel Information zurückzuhalten (im Gegensatz zur aktiven Falschaussage)?

Durch den Prozess des Gesprächs und des Beurteilens reifen, entwickeln und verbessern sich gesellschaftliche Normen, was soziale Harmonie und Kooperation fördert.

Ich bin kein Ethiker und behaupte keinerlei Expertise darin zu haben, diese und viele andere schwierige, ethische Fragen zu beantworten. Die Schönheit von Smiths Ansatz liegt im Gegensatz zu Rothbards und Rands Ansatz darin, dass er Grauzonen und Unklarheiten sehr viel Aufmerksamkeit widmet. Anstatt sich nur auf Gerechtigkeit zu fokussieren, so wichtig das auch sein mag, betont Smith die Wichtigkeit, nicht nur eines tugendhaften Lebens, sondern auch die Wichtigkeit des Debattierens, Beurteilens und sogar des Kritisierens anderer dafür, dass sie nicht tugendhaft leben. Durch den Prozess des Gesprächs und des Beurteilens reifen, entwickeln und verbessern sich gesellschaftliche Normen, was soziale Harmonie und Kooperation fördert.

 

Dies ist eine Übersetzung von Micha Sprick. Das Original ist hier zu lesen.

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