Wie ich in meinem letzten Artikel andeutete, entspringt Smiths kluger politischer Ansatz seiner Tugendethik. Er weist ethische Systeme, die auf axiomatischen Rechten oder deontologischen Argumenten basieren zurück. Tugendethik, wie Smith sie beschreibt, schließt das Formen und Korrigieren menschlichen Verhaltens ein. Gleichzeitig ist sie flexibel und anpassungsfähig in weniger klaren Situationen und wenn sich Geschmäcker und Gefühle ändern. Wegen ihrer Flexibilität und Vielseitigkeit ist Smiths Ethik untrennbar mit freien Märkten und freie Gesellschaften verbunden. Es ist ein System privater Ethik, das durch Lob, Tadel und Kritik waltet. Obwohl Regierungen Zwang anwenden können, um „ausgleichende Gerechtigkeit“ herzustellen, können sie den Zwang nicht einsetzen, um eine tugendhafte Gesellschaft zu machen. Wegen ihrer „lockeren, vagen und unbestimmten“ Natur wird Tugend am besten durch private Individuen und Organisationen gefördert, die sowohl soziale Normen und Rechtschaffenheit erschaffen als auch sie an diese halten.

Mitgefühl ist essentiell in Smiths Ethiksystem. Er behauptet, dass Menschen sich von Natur aus vorstellen, wie andere denken und fühlen. Durch ihre Vorstellungskraft können sie sich in andere hineinversetzen:

Für wie egoistisch auch immer man den Menschen hält; es gibt offensichtlich einige Prinzipien seines Wesens, durch die er sich für das Wohl anderer interessiert und die deren Wohl notwendig für ihn selbst machen. Und das obwohl er nichts daraus zieht, als die Freude, es mitanzusehen… Da wir nicht unmittelbar erfahren können, was andere Menschen fühlen, ist es für uns nicht möglich, deren Gefühlslage zu verstehen, außer wenn wir überlegen, wie wir uns selbst in vergleichbarer Situation fühlen würden.

Menschen haben von Natur aus einen Bezug zueinander – und dieser Bezug leitet ihre Gefühle und ihr Verhalten. Smith nennt dies „Sympathie“, wir benutzen dafür heute das Wort „Empathie“. Sympathie bedeutet hier nicht dem zuzustimmen, wie andere fühlen oder handeln, als vielmehr zu verstehen, wie die Gefühle und Motive anderer sind und wie sie sein sollten.

Aber warum ist es wichtig, dass wir naturgemäß miteinander sympathisieren? Wie übersetzen wir die Fähigkeit, uns selbst in die Situation eines anderen zu versetzen, in konkrete ethische Urteile? Smith beschreibt vier Quellen ethischer Zustimmung, vier Dimensionen anhand derer wir Handlungen beurteilen können:

Erstens, wir sympathisieren mit den Motiven des Handelnden; zweitens, wir können die Dankbarkeit derer, die von seinen Handlungen profitieren, nachvollziehen; drittens, wir beobachten, dass die Handlung des Handelnden mit den allgemeinen (moralischen) Regeln übereinstimmt, die jene zwei Fälle von Sympathie mit sich ziehen; und zuletzt, wenn wir glauben, dass eine Handlungen zum Entstehen eines Verhaltenssystems beitragen, das entweder das Glück des Individuums oder der Gesellschaft fördert, dann scheinen die Handlungen eine Schönheit von dieser Nützlichkeit abzuleiten, die der Schönheit einer gut durchdachten Maschine gleicht.

Bevor wir einer Handlung zustimmen, betrachten wir folgendes: Die Motive der handelnden Person, die Reaktion der betroffenen Person, ob die Durchführung zu den Regeln und Erwartungen der Situation passt und wie diese Handlung zum Gesamtsystem aus Normen, Regeln und Gesetzen passt. Bei jedem dieser Punkte müssen wir entscheiden, ob wir mit den Gefühlen und Motiven der Beteiligten „mitziehen“ können (go along with, eine Phrase, die in der Theorie der ethischen Gefühle über 35 Mal verwendet wird). Zustimmung in ethischen Fragen erfordert Empathie, Vorstellungskraft und ein moralisches Gespür (was laut Smith Ästhetik involviert). Aber wie lernen wir, solche komplexe, ethische Entscheidungen zu treffen?

Smith argumentiert, dass unser Mitgefühl sowohl angeboren als auch gelernt ist. Wir empfinden von Natur aus Sympathie gegenüber anderen. Menschen schrecken vor dem Elend zurück und werden von dem Wohlergehen anderer aufgemuntert. Kleinkinder nehmen die mimischen und verbalen Eingebungen der Personen in ihrer Umgebung auf und antworten entsprechend. Gleichzeitig weisen wir Kinder darauf hin, wie sie sich in der Situation eines anderen fühlen würden. „Joey, wie würdest du dich fühlen, wenn Tom ankommen und dein Spielzeug nehmen würde?“ Smith hat eine großartige Passage darüber, wie Kinder von Gleichaltrigen lernen:

Wenn [ein Kind] alt genug ist, um zur Schule zu gehen, oder um unter Gleichaltrige zu kommen, findet es bald heraus, dass ihnen keine verwöhnende Voreingenommenheit [wie sie Eltern oder Nannies haben] entgegengebracht wird. Es wünscht sich von Natur aus die Gunst der anderen und versucht ihren Hass oder ihre Verachtung zu meiden. Es findet bald heraus, dass dies nur geht, indem es nicht nur seinen Zorn, sondern auch all seine anderen Leidenschaften zügelt, zumindest bis zu einem Grad mit dem Spielkameraden und Gefährten zufrieden sind. Und so tritt es in die große Schule der Selbstbeherrschung ein und lernt immer mehr Herr über sich selbst zu werden. Es beginnt über die eigenen Gefühle eine Disziplin auszuüben, bei der selbst das längste Leben selten ausreicht, um Perfektion zu erreichen.

Die Schule der Selbstbeherrschung ist nicht nur für Kinder geeignet. Menschen, ob sie nun zwei, 25 oder 75 Jahre alt sind, lernen durch das Interagieren mit anderen. Sie werden daran erinnert, dass sich die Welt nicht nur um sie und ihre Wünsche dreht. Da wir in Gesellschaft mit anderen leben, müssen wir unsere Leidenschaften moderieren, um nicht als engstirnig betrachtet oder heftig kritisiert zu werden.

Freie Gesellschaften erfordern Gerechtigkeit – inklusive Toleranz – nicht eine Wischi-Waschi-Decke aus Selbstgerechtigkeit und Zustimmung zu jeglichen Entscheidungen und Meinungen anderer.

Das Mitgefühl, das wir anderen gegenüber empfinden, hilft uns, zu erkennen, ob wir gut oder schlecht handeln. Wir stimmen ihren Taten zu oder lehnen sie ab. Und sie stimmen unseren Taten zu oder lehnen sie ab. Dieses Zustimmen ist ein ethisches Urteil. Wir glauben, dass ihr Verhalten oder Handeln zu einem guten Ziel führt oder einem rechten Prinzip folgt. Wir alle leben in Moral-Gemeinschaften. Selbst wenn unsere Freiheit nur wenigen Zwängen und Restriktionen ausgesetzt ist, sollten wir nicht erwarten frei von ethischer Verurteilung oder Opposition zu leben. Libertäre sollten keine „Laissez-faire“ Einstellung haben, wenn es um ethische Themen geht – und das gilt nicht nur für ethische Themen wie Gewalt und Zwang. Das Argument, dass keine Regierung ein bestimmtes Set an Tugenden fördern oder auferlegen sollte, bedeutet nicht, dass es keine richtigen Tugenden und Glaubensinhalte gibt. Obwohl Menschen die Freiheit haben sollten, soziale Sitten und Gebräuche zu verletzen, sollten sie nicht erwarten (noch weniger fordern, wie im Fall von vielen Identitätspolitik-Aktivisten), frei von Verdammung, Ablehnung oder Kritik zu sein. Freie Gesellschaften erfordern Gerechtigkeit – inklusive Toleranz – nicht eine Wischi-Waschi-Decke aus Selbstgerechtigkeit und Zustimmung zu jeglichen Entscheidungen und Meinungen anderer.

 

Dies ist eine Übersetzung von Micha Sprick. Das Original ist hier zu lesen.

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