Ich beendete meinen letzten Artikel damit, dass ich das Spannungsverhältnis zwischen Vernunft und Gefühl in Adam Smiths ethischer Theorie ansprach. Einerseits wenden wir Vernunft an, wenn wir zwischen den Einwänden des „Mannes in der Brust“ und unseren eigenen Leidenschaften und Sehnsüchten abwägen. Doch Mitgefühl schließt andererseits auch Emotionen und persönliche Vorlieben mit ein. Manchmal werden wir von dem Leid anderer bewegt, ohne darüber zu reflektieren. Manchmal offenbaren unsere emotionalen Reaktionen auf bestimmte Situationen oder Verhaltensweisen ethische Standards und Erwartungen, die uns nur implizit bewusst sind. Und manchmal kann sich unsere Gefühlslage ändern, nur weil wir reflektieren.

Smiths Literaturanalogie, mit der er die Gerechtigkeit von den anderen Tugenden abzugrenzen versucht, ist einer der wichtigsten Aspekte der Theorie der ethischen Gefühle. Smith zieht in Betracht, wie Genauigkeit und Unklarheit, klare Regeln und ambivalente Ideale bei moralischen Urteilen relevant sind:

Die Regeln der Gerechtigkeit können mit den Regeln der Grammatik verglichen werden, Regeln anderer Werte dagegen mit den Regeln, nach denen (Kunst-)Kritiker entscheiden, ob sie eine Komposition für erhaben oder elegant halten. Die einen sind präzise, akkurat und unbedingt. Die anderen sind locker, vage und unbestimmt und liegen uns eher in Form einer allgemeinen Vorstellung von Perfektion vor, die wir erreichen sollten, als mit einer bestimmten und unfehlbaren Weisung, mit der man sie tatsächlich erreichen kann. Ein Mensch kann vielleicht lernen, anhand der Regeln grammatisch richtig und mit der höchsten Fehlerlosigkeit zu schreiben und so kann man ihn vielleicht lehren, gerecht zu handeln. Aber es gibt keine Regeln, deren Beachtung uns fehlerfrei Eleganz und Erhabenheit beim Schreiben erreichen lässt. Obwohl es welche gibt, die uns – in gewissem Maße – dabei helfen können, uns der vagen Ideen zu versichern oder sie zu korrigieren. Und wie wir wissen gibt es keine Regeln, die uns fehlerfrei lehren könnten, wie man mit Umsicht, Großherzigkeit oder angemessener Wohltätigkeit in allen Fällen handeln kann: Obwohl es auch hier – in bestimmten Aspekten – welche gibt, die uns der unvollkommenen Vorstellungen versichern oder mit denen wir sie korrigieren können.

Wir finden sehr viel Klarheit und Bestimmtheit in den Regeln der Gerechtigkeit. Das bedeutet aber nicht, dass keine schwierigen oder grauen Fälle existieren. Es bedeutet vielmehr, dass wir ergründen können, ob Handlungen gerecht oder ungerecht sind – genau wie wir darüber diskutieren können, ob jemand die Regeln der Grammatik beachtet oder ob er sie verletzt. Aber was andere Werte betrifft, haben wir ein anderes Problem. Verhaltensleistungen zu bewerten erfordert mehr als Vernunft. Es erfordert auch ein gewisses Gespür für Moral und Ästhetik.

Zu definieren, was das Erhabene oder Elegante bei Kompositionen ausmacht, ist knifflig. Vielfach wird gutes Schreiben von denen festgelegt, die gut schreiben. Das Niveau selbst kann von vielen Experten entwickelt und diskutiert werden. Doch trotz der „Ich-weiß-es-wenn-ich’s-seh“-Eigenschaft des Richtens über „lockere, vage und unbestimmte Regeln“, können wir moralisch schlechtes oder gutes Verhalten immer noch erkennen. Die Tatsache, dass wir zu keiner für alle zufrieden stellenden Antwort kommen, bedeutet nicht, dass wir keine produktive Debatte über das Thema führen können – genau wie wir eine produktive Debatte darüber führen können, ob ein Film gut ist.

Interessanterweise schließt das Handeln in Begriffen der Tauschgerechtigkeit Schuldzuweisungen ein, nicht aber das Loben. Man kann gerecht handeln und nicht dafür gelobt werden, genauso wie man in der Schule nicht dafür gelobt wird, die Grammatik richtig anzuwenden. Aber es ist schwierig sich vorzustellen, dass jemand außerordentlich gerecht ist, so wie man außerordentlich dankbar oder großzügig sein kann. Tauschgerechtigkeit erfordert vor allem, andere nicht zu verletzen, aber nicht unbedingt, ihnen etwas Gutes zu tun:

Der Mensch, der es gerade noch vermeidet, die Person, das Grundstück oder das Ansehen seiner Nachbarn zu verletzen, hat wohl kaum einen positiven Verdienst geleistet. Er erfüllt jedoch alle Regeln der Gerechtigkeit im engeren Sinne.  Er tut alles, wozu seine Gleichgestellten ihn mit gutem Recht zwingen oder wofür sie ihn bestrafen könnten, wenn er dies nicht tut. Sehr oft können wir die Regeln der Gerechtigkeit einhalten, indem wir stillsitzen und nichts tun.

Aber es gibt andere Vorstellungen von Gerechtigkeit, bei denen man gelobt oder getadelt werden kann, wenn man respektive über oder unter der Rechtschaffenheit handelt: „Verteilungsgerechtigkeit“ und „Gerechtigkeit der Wertschätzung“. Diese zwei Begriffe stellen Gerechtigkeit in verschiedene Kontexte. Verteilungsgerechtigkeit bedeutet einen vorteilhaften Gebrauch des Eigentums zu machen. Gleichberechtigte können einen nicht dazu zwingen, die eigenen Ressourcen und Talente gut einzusetzen. „Gerechtigkeit der Wertschätzung“ bedeutet andere Menschen und Objekte angemessen wertzuschätzen, ihnen gerecht zu werden. Aber wie andere Werte haben auch diese Formen von Gerechtigkeit keine klaren und präzisen Regeln. Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und der Gerechtigkeit der Wertschätzung hängen von der Meinung und dem Geschmack moralischer Autoritäten ab.

Smith behauptet, dass es schwieriger ist, andere Werte als die Tauschgerechtigkeit zu bewerten. Eine der Unklarheiten bei der Theorie der ethischen Gefühle ist, weshalb Smith diese Art der Gerechtigkeit besonders behandelt. Meine Meinung ist, dass die Unterscheidung zwischen Tauschgerechtigkeit und anderen Werten wichtig ist, weil in gleichberechtigen Beziehungen nur Verletzungen dieser Gerechtigkeit Zwang rechtfertigen – als Strafe oder Präventionsmaßnahme – daher meine Argumentationen zu Smiths Ansichten über Freiheit, Politik, Regierung und Gerechtigkeit. Aber Smith glaubte, dass Tugend, nicht einfach nur Freiheit von Zwang oder Maximierung des Konsums wesentlich für das Glück ist.

Teil 4 von 5.

Dies ist eine Übersetzung von Micha Sprick. Das Original ist hier zu lesen.