Warum diskutieren wir also über Smiths Moraltheorie? Welche normativen Aussagen können wir überhaupt über die friedlichen und persönlichen Entscheidungen anderer Menschen treffen? Mises sagte schließlich: „Niemand ist qualifiziert zu erklären, was einen anderen glücklicher oder weniger unzufrieden machen würde“. Können wir Liberale uns nicht auf das Freiheitsprinzip im Bereich der Politik berufen und alles Weitere individuellen Entscheidungen überlassen? Nun, ich denke Smith würde aus zwei Gründen „nein“ sagen: einem öffentlichen und einem privaten Grund. Zunächst hat die Art und Weise, wie jemand sich aussucht zu leben, Einfluss auf andere, selbst wenn kein Zwang involviert ist. Von der Kindererziehung zur Fürsorge für Ältere, von finanzieller Unterstützung der schönen Künste bis zum Lindern von Armut, unsere Entscheidungen haben eine profunde Wirkung auf andere und auf die Verflechtung sozialer Angelegenheiten. Des Weiteren beeinflusst Moral unser eigenes Wohlbefinden. Bei allem Respekt Mises gegenüber: wir können sehr wohl Relevantes über Tugend sagen und anderen empfehlen, dass sie ihre Gewohnheiten ändern.

In der öffentlichen Sphäre wirken sich unsere Normen und Sitten darauf aus, wie wir miteinander interagieren. Höflichkeit, Ehrlichkeit, Offenheit, Geduld, Toleranz und Liebe führen zu besseren Konversationen und Beziehungen als es Normen der Grobheit, des Stolzes, der Apathie, der politischen Korrektheit oder Manipulation tun. Smith schreibt:

Aufrichtigkeit und Offenheit vermitteln Vertrauen … Die Freude an Konversation und Geselligkeit entsteht aus einer gewissen Übereinstimmung von Empfindungen und Meinungen, von einer gewissen Harmonie der Gemüter, welche, wie so viele Musikinstrumente, miteinander im Einklang stehen und gemeinsam das Tempo halten. Aber diese höchst wunderbare Harmonie kann nicht erreicht werden ohne die unbeschränkte Kommunikation von Empfindungen und Meinungen. Wir wünschen uns alle, gemäß dieser Darstellung, zu fühlen wie jeder andere betroffen ist, wir möchten in die Brust des anderen eindringen und die Empfindungen und Neigungen beobachten, die dort existieren. Der Mensch, der uns in diese natürliche Leidenschaft einbezieht, der uns in sein Herz einlädt, der uns sozusagen die Tore seiner Brust öffnet, scheint eine Art von Gastfreundschaft auszuüben, die schöner ist als jede andere.

Die Tugenden der Ehrlichkeit und Offenheit, abgesehen davon dass sie angenehm sind, fördern auch Vertrauen – was von vielen Ökonomen als wichtige Grundlage für Wirtschaftswachstum angesehen wird. Andere Tugenden, wie Respekt, Integrität und Geduld tragen auch etwas zu sozialer Harmonie bei. Moralität betrifft nicht nur Individuen. Es beeinflusst den Charakter unserer Gesellschaft.

Aber rechtfertigen die sozialen Vorteile moralischer Standards und Tugenden ein Einmischen der Regierung? Allgemein gesagt, war Smith nicht dieser Ansicht. Er postulierte, dass nur eine Tugend die Regierung zu Zwang bevollmächtigt: Tauschgerechtigkeit. So wichtig viele Tugenden auch für eine gesunde Gesellschaft sind, Smith hielt Tauschgerechtigkeit kategorisch für bedeutsamer. Obwohl die meisten tugendhaften Handlungen in ihrer Wirkung „wohltätig“ sind, ist

[Wohltätigkeit] weniger essentiell für die Existenz der Gesellschaft als Gerechtigkeit. Die Gesellschaft mag ohne Wohltätigkeit fortbestehen, wenn auch nicht in dem behaglichsten Zustand; aber das Vorherrschen von Ungerechtigkeit wird sie gänzlich zerstören. [Wohltätigkeit] ist wie das Ornament, das verziert, es ist nicht das Fundament, welches das Gebäude trägt… Gerechtigkeit ist dagegen die Hauptsäule, die das ganze Bauwerk aufrechterhält. Wenn sie beseitigt wird, muss das große, immense Gefüge der menschlichen Gesellschaft unmittelbar in kleinste Teile zerfallen.

Tauschgerechtigkeit aufrechtzuerhalten ist essentiell für die Existenz einer freien Gesellschaft. Ohne sie gibt es soziale Disintegration und Chaos. Der Staat kann diese Aufgabe der Erzwingung von Gerechtigkeit in akzeptabler Weise erfüllen, weil er genug Wissen über die entsprechenden „präzisen und akkuraten“ Regeln hat. Aber die anderen Regeln der Tugend sind von Natur aus vage und entwickeln sich kontinuierlich – was dazu führt, dass der Staat besonders schlecht dafür geeignet ist, sie durchzusetzen.

Smith zufolge fördert Moral allerdings nicht nur das Wohl anderer, oder das der Gesellschaft, sondern auch unsere eigene Zufriedenheit. Er liefert zwei Erklärungen, warum Menschen glücklich sind, eine umweltbezogene und einen internale. Zu der umweltbezogenen Begründung sagt er: „Was kann zu dem Glück eines Menschen, der gesund ist, der ohne Schulden ist, und der ein reines Gewissen hat, noch hinzugefügt werden?“ Smith macht diese Beobachtung nicht, um zu suggerieren, dass jemand nicht noch glücklicher gemacht werden könnte, sobald diese Bedingungen erfüllt sind, sondern dass jeder Zuwachs an Glück relativ klein sein würde, gemessen an dem, was er schon hat.

Smith betrachtet auch, welcher internale Zustand der Seele zum Glück führt. Er argumentiert dafür, dass ein stoisches Verständnis von innerer Ruhe dies am besten tut, denn „Glücklichsein besteht in Ruhe und Vergnügen. Ohne Ruhe kann es kein Vergnügen geben: und dort wo perfekte Ruhe herrscht, gibt es selten irgendetwas, was nicht potentiell Vergnügen bereiten kann.“ Mit Ruhe meint Smith nicht einen friedlichen Zustand der Welt, sondern einen friedlichen Zustand des Geistes und des Gewissens. In einem solchen Zustand der Ruhe ist die eigene Zufriedenheit ziemlich unabhängig von Umständen. Die Launen von Ruhm und glücklichen Zufällen tangieren einen nur wenig. Wie erreicht man einen Zustand von innerer Ruhe? Indem man aus Sicht des unparteiischen Beobachters rechtschaffend lebt, das heißt, durch tugendhaftes Leben. Smith behauptet, dass wir zufrieden sein können, wenn wir wissen, dass wir richtig gehandelt haben und Lob verdient haben – auch wenn wir garkeines erhalten.

Konservative Gelehrte wie Russell Kirk haben über die Bedeutung einer „beständigen moralischen Ordnung“ und der Notwendigkeit von Tugend für Autonomie geschrieben. Verschiedene andere Konservative, von Richard Weaver über William Buckley zu Wendell Berry, haben solche Ideen ebenfalls bekräftigt. In Debatten zwischen Konservativen und Liberalen werden diese beiden Sichtweisen oft dadurch voneinander abgegrenzt, dass sie unterschiedliche Schwerpunkte bei Moral und Tugend setzen – Liberale werden hier als moralisch „laissez-faire“ oder „freisinnig“ kategorisiert. Aber Liberale sollten das Thema „Moral“ nicht den konservativen Denkern überlassen. Eine freie und gedeihende Gesellschaft braucht die Tugendhaftigkeit. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir uns, sobald wir Regierungsgewalt auf das Durchsetzen von Tauschgerechtigkeit begrenzt haben, zurücklehnen können und der Gesellschaft dabei zuschauen können, tugendhaft zu werden. Tatsächlich ist breit praktizierte Tugend notwendig, um größere Freiheit zu fördern und zu erhalten. Wir Liberale müssen eine umfassendere Moraltheorie vertreten, so wie die von Smith: Eine, die weit darüber hinausgeht, sich nur gegenseitig in Ruhe zu lassen. Aber wir müssen es tun, ohne uns dabei auf den Staat zu verlassen. Tugendhaft zu leben fördert das Wohlergehen anderer und es trägt auch zu unserem eigenen Glück bei.

 

Dies ist eine Übersetzung von Micha Sprick. Das Original ist hier zu lesen.

Die war zudem Teil 5 von 5 – vielen Dank für das Interesse!