Schockiert sahen wir die Bilder von Paris im Fernsehen, saßen bis in die Nacht vorm Laptop und hofften, dass die Menschen im Theater Bataclan doch noch gerettet werden. Doch 89 Menschen starben, als sie die Eagles Of Death Metal auf der Bühne erleben wollten – eine Band, die ich selber höre und auch schon in Aktion sehen durfte. Auch in Beirut und Ankara gab es Anschläge.

By Stuart Sevastos [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

By Stuart Sevastos [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Nicht weit entfernt spielte die deutsche Nationalmannschaft. 22 Spieler standen auf dem Spielfeld, Millionen schauten zu und auch Außenminister Steinmeier saß im Stadion. Das Ergebnis war am Ende nebensächlich. Die Nationalmannschaften blieben über Nacht im Stadion und der französische Nationalspieler Diarra verlor an diesem Abend seine Cousine. Der deutsche Nationalspieler Bastian Schweinsteiger brachte es am Ende aber gut auf den Punkt:

„Egal, aus welchem Teil der Erde man kommt oder welcher Religion man angehört – wir sind vereint.“

Vereint – in unserer Trauer, aber auch unserem Glauben an die Freiheit und die offene Gesellschaft. Diese Offenheit wurde noch am selben Abend demonstriert – nicht in Berlin, Madrid, sondern in Paris! Unter dem Hashtag #PorteOuverte (Deutsch: Offene Tür) boten Pariser den Touristen noch in der Horrornacht einen Unterschlupf an.

Nun kommen Floskeln wie „Damit hat der Islam nichts zu tun“ und „Daran hat der Islam Schuld“ wieder auf. Der Islam ist aber so vielseitig und heterogen, dass man sich davor hüten sollte, über „den Islam“ zu reden. Einige fordern gar, dass sich nun alle Muslime sofort von dem Attentat distanzieren müssen. Müssen wir uns auch immer noch für die Taten unserer Vorfahren im zweiten Weltkrieg verantworten? Die Muslime, die hier vielleicht schon ihr ganzes Leben lang wohnen, wollen bestimmt auch nicht mit dem Attentat in Verbindung gebracht werden. Sicher ist aber, dass die Konflikte zwischen islamistischen Ideologen und der westlichen Welt hauptsächlich von Muslimen und muslimischen Gelehrten gelöst werden müssen. Alle anderen können aber dabei helfen – hierzu drei Gedanken.

Muslime sind bereits Teil der offenen Gesellschaft

Überall auf der Welt reagierten Muslime geschockt auf die Attentate in Paris. Sie empfanden Schmerz, Wut und auch Scham, weil dort verwirrte und indoktrinierte Menschen den Islam für Gräueltaten missbrauchten. Sie reagierten mit Posts auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken. Sie zeigen, wofür der Islam in seiner Vielseitigkeit heute steht – und wir bauen auf sie. Nein, wir sind stolz auf sie. Mit all den Kriegen in Nahost, den immer wiederkehrenden Despotien in der Region und den immer noch sehr heftigen Konflikten innerhalb des Islams bietet sich ein sehr gefährliches Klima, in dem viele der Versuchung der einfachen Antworten verfallen. Probleme mit der Familie und mit dem Einleben in ein neues Umfeld, oder Trauerfälle in der eigenen Familie – so vieles kann diese Menschen in einen Sog treiben und plötzlich macht alles wieder einen Sinn. Der Psychologe Ahmad Mansour dazu in der Wiener Zeitung:

„Sie machen den Jugendlichen Angebote. Wenn sie heute auf Facebook oder YouTube einfach nach dem Begriff „Islam“ suchen, finden sie unfassbar viele Inhalte, die salafistisch oder islamistisch ausgerichtet sind. Die Gruppe der Radikalen ist eigentlich klein, aber sie beherrscht die Sprache des Internet perfekt – und sie sprechen Deutsch.“

Wie auch mit der russischen Propaganda wissen wir immer noch nicht so recht, wie wir mit Inhalten im Internet umgehen sollen, die die Leute aufhetzen. Sie erschaffen mit Faktenverdrehungen eine eigene kleine Welt, in der man sich gegenseitig hochpusht. So auch auf Seiten wie die von „Michael Mannheimer“, auf der sich die Pegida-Szene ganz „unabhängig“ informiert. Wir reden hier also von einem Problem, das nicht nur Muslime betrifft, aber eben auch diese. Ahmad Mansour weiter:

„Der politische Islam hat sich verbreitet, weil er sehr gut strukturiert ist, weil er vom Ausland gefördert wird, aber auch, weil die Mehrheitsgesellschaft die Muslime auf die Religion reduziert hat.
Es gibt genug liberale Muslime, auch in Österreich, die von diesen Verbänden diffamiert werden. Diese Gruppe gilt es besonders zu unterstützen. Das sind die Partner, die ohne Wenn und Aber für die Grundgesetze einstehen – ohne dabei im Widerspruch zu ihrer Religion zu stehen. Die Muslime sind Teil dieser Gesellschaft. Wer für Muslime andere Maßstäbe anlegt als für alle anderen Gruppierungen in der Gesellschaft, ist ein Rassist, der aufgrund religiöser Zugehörigkeit differenziert.“

Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Familiengeschichten und Regionen finden ihre ganz eigenen Wege zu den Werten, die uns heute so wichtig sind – Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Demokratie. Gerade deshalb ist es so bereichernd, den Muslimen in der westlichen Welt zuzuhören und sie darin zu unterstützen, diese Werte auf ihre eigene Art und Weise zu verbreiten. Auch der deutsche Sprachraum hatte einige Hindernisse zu überwinden. Keiner von uns kann es sich vorstellen, wie die Welt eines jungen Muslims oder einer jungen Muslima aussieht. Man ist Teil einer offenen, westlichen Gesellschaft und weiß, dass Verwandte in Nahost kaum Rechte haben und täglich vielleicht sogar in Lebensgefahr sind. Nicht-Muslime brauchen den Dialog mit Muslimen, wie auch Muslime den Dialog mit Nicht-Muslimen.

Aus „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“:

„Wenn man wirklich etwas lernen möchte,
dann nimmt man sich kein Buch,
dann spricht man mit jemandem.“

Der moderne Islam findet in der offenen Gesellschaft beste Voraussetzungen

Zur offenen Gesellschaft in Deutschland, Europa, der USA gehören Menschen unterschiedlicher Herkunft und Glaubens. Diese Vielseitigkeit in den Kulturen, Bräuchen und Verhaltensweisen macht den Westen so schön und erfolgreich. Gleichzeitig leben wir in einer sehr wohlhabenden Gesellschaft, in der jeder, auch mit wenig Geld, vieles erreichen und sich selbst finden kann. Wir leben in einer der freiesten Gesellschaften, die es jemals gab und die islamische Theologie kann diese Freiheiten nutzen, um sich offen mit dem Islam auseinanderzusetzen. In Deutschland gibt es hierfür nun auch das Muslimische Forum, das sich um die Vermittlung zwischen Islam und Moderne bemüht. Einer von ihnen ist der bereits erwähnte Ahmad Mansour, aber auch Mouhanad Khorchide ist regelmäßiger Interview-Partner der großen deutschen Zeitungen. So sprach er zum Beispiel im Cicero über „Reformen im Islam“:

„Wenn wir meinen, der Islam brauche Reformen, reden wir über den Islam, als wäre er das Objekt seines Selbst. Es sind aber die Akteure, die den Islam lesen und interpretieren, die diese Reform benötigen. Und die benötigten Reformen beziehen sich einerseits auf das Innere des Menschen, auf seine emotionale Seite, sich selbst ständig zu reflektieren, um sein Ego unter Kontrolle zu halten, und andererseits beziehen sie sich auf eine intellektuelle Ebene, seine Religiosität kritisch zu reflektieren und diese ständig rational zu überprüfen. Religiöse Reform besitzt aber auch eine spirituelle Dimension, in der es darum geht, seine Beziehung zu Gott ständig zu reflektieren: Handelt der Mensch im Sinne der göttlichen bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit, oder nicht?“

Toleranz und Diskurs werden auch in der islamischen Debatte die Grundlage dafür sein, dass der Islam fester Bestandteil der westlichen Vielfalt wird. Nur wer mit anderen Menschen kritisch über etwas diskutiert, kann auch an der Diskussion wachsen. Der Journalist Mustafa Akyol beleuchtet in einem sehenswerten TedX-Talk unter Anderem, wie viele kulturelle Riten, die unvereinbar mit einer freien Gesellschaft sind, ihren Platz in muslimisch geprägten Regionen fanden. Obwohl deren Ursprung nicht im Kern des Islam zu finden ist. Diese kritische Betrachtung gilt es zu fördern und zu verbreiten. In der islamischen Debatte, die aufgrund der vielen verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen und Denkschulen immer vielseitig bleiben wird, müssen alle Menschen miteingebunden werden – auch die Nicht-Muslime. Wir brauchen eine offene Debatte, die eigentlich Konsens sein müsste. Es fehlt eine respektvolle Streitkultur. Weil Muslime Teil unserer multikulturellen Gesellschaft sind und mit uns gemeinsam hier leben. Khorchide spricht im TheEuropean auch von einem notwendigen „Wir-Gefühl“:

„Wenn der Bundespräsident sagt, der Islam gehöre zu Deutschland, wird monatelang diskutiert. Bei den Muslimen wirkt das nicht wie eine intellektuell-historische Diskussion, sondern wie eine um Zugehörigkeit. Sie fühlen sich als Objekte der Hinterfragung. Es ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, in Europa von einem Wir zu sprechen.“

Dabei scheut er selbst nicht die Debatte mit Hamed Abdel-Samad, der leider immer weiter in den Populismus abschweift. Denn gegenseitige Vorwürfe und Vorurteile werden uns nicht weiterbringen. Respektvolle Kritik, Reflektieren und auch ein Nachgeben, so schwer das einem auch fallen kann, werden eine islamische Kultur schaffen, die zum Westen gehört, wie der Westen zum Islam.

Alle im Westen können helfen – wenn sie für ihre Werte einstehen!

Wir sind uns in vielen Punkten nicht einig. Wir sind konservativ, sozial-demokratisch oder liberal geprägt. Wir haben verschiedene Lebensstile. Wir sind religiös oder auch nicht. Und genau diese Pluralität wollen wir verteidigen – mit Stolz und Selbstbewusstsein. Denn die Werte Freie Meinung, Selbstbestimmung und Demokratie sind die Basis für unsere Freiheit und ein friedliches Miteinander. Langfristig wird die Offene Gesellschaft auch im Nahen Osten als Erfolgsmodell ihren Platz finden, solange wir für sie streiten und sie am Leben halten. Clemens Schneider auf dem Prometheus Blog:

„Terroristen haben keine Armeen außer der schleichenden Angst, die eine Gesellschaft durchsetzt. Sie wollen keine Gebiete erobern außer die Hirnregionen, die bei uns Beklemmung und Furcht, Unsicherheit und Misstrauen hervorrufen. Ihr Ziel ist es nicht, eines Tages auf dem Kanzleramt, dem Weißen Haus und der Downing Street ihre Fahne zu hissen. Ihr Ziel ist es, unsere Gesellschaft zu zerstören. Sie verachten den Individualismus, das Konzept der Selbstbestimmung und die Offene Gesellschaft, die diese Vorstellungen umsetzt. Und sie begreifen, dass es die Angst ist, die uns dazu bringt, die Offene Gesellschaft zu verraten und aufzugeben.“

Lasst uns also einstehen für Respekt, Vielfalt und Freiheit. Christen, Muslime, Agnostiker, Atheisten… alle zusammen! So erhalten wir nicht nur unsere Freiheit im Jetzt, sondern können auch in der Zukunft eine noch vielfältigere, wohlhabendere und friedlichere Welt erwarten!

Wir haben die besseren Argumente – und deshalb geht bei uns die Musik weiter.

PEACE LOVE LIBERTY – AND DEATH METAL