In der aktuellen Asyldebatte wird gerne eine Parallele zwischen der derzeitigen Fluchtbewegung aus den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens nach Europa einerseits und der Massenauswanderung des 19. Jahrhunderts aus Europa in die Neue Welt andererseits gezogen. Ein Land, das selbst Flucht aus wirtschaftlichen, politischen, sozialen und religiösen Gründen erlebt hat – allein zwischen 1830 und 1932 wanderten mehr als sechs Millionen Deutsche nach Amerika aus – könne sich den Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak heute nicht verweigern. Überhaupt, so die moralische Lehre dieses Vergleichs, sei der Spott über Wirtschaftsflüchtlinge und Armutseinwanderer unangebracht, denn nichts anderes seien auch die deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts gewesen.

… allein zwischen 1830 und 1932 wanderten mehr als sechs Millionen Deutsche nach Amerika aus …

Empörung über diesen Vergleich ließ nicht lange auf sich warten. Der Deutsche als bedürftiger Flüchtling, getrieben nicht etwa von edlen Motiven wie dem Durst nach Freiheit (so hätten echte Flüchtlinge schließlich zu sein!), sondern als Wirtschaftsflüchtling gierig auf den Wohlstand der Neuen Welt blickend – das behagt der Volksseele nicht. Dabei ist ein Vergleich keine Gleichsetzung, sondern dient der Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Und was die Motive und die Rezeption der Einwanderer angeht, so gab es viele Gemeinsamkeiten.

Nach Amerika!

Schon lange vor der europäischen Massenauswanderung des 19. Jahrhunderts suchten deutsche Emigranten in der Neuen Welt ihr Glück. Etwa 110.000 gebürtige Deutsche und Schweizer wanderten bis zur Unabhängigkeitserklärung 1776 in das Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten aus. Die Deutschen stellten zeitweise die größte Einwanderergruppe in den englischen Amerikakolonien.

Einige Deutsche flohen vor religiöser und politischer Unterdrückung. Doch die meisten würden wir heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Was die deutsche Flucht nach Amerika von der syrischen Flucht nach Deutschland unterscheidet sind weniger die individuellen Fluchtmotive und Verhaltensweisen der Migranten. Es ist der Umgang des Staates mit der Migration, der den Unterschied macht.

Der Traum von der Religionsfreiheit

Von der heute in weiten Teilen Europas als selbstverständlich wahrgenommenen Religionsfreiheit konnte im 17. Jahrhundert nur geträumt werden. Der Dreißigjährige Krieg 1618 – 1648, im Wesentlichen ein christlicher Bruderkrieg um die religiöse Vorherrschaft, hatte einigen Minderheiten und Sekten vor Augen geführt, dass von religiöser Toleranz in der deutschen Heimat zu träumen sich nicht weiter lohne. 13 Mennonitenfamilien aus Krefeld machten 1683 den Anfang und wagten die Überfahrt nach Pennsylvania, in den Nordosten der heutigen Vereinigten Staaten. Dort gründeten sie als Quäker Germantown, heute ein Vorort Philadelphias.

Die englische Krone garantierte verfolgten christlichen Glaubensgemeinschaften Gewissensfreiheit und einen Neuanfang jenseits der religiösen Repressalien in der Alten Welt – eine frühe Form staatlich gewährten religiösen Asyls, das heute auch manche suchen, die vor dem Islamischen Staat, Al-Qaida und den Taliban nach Europa flüchten. Im 18. Jahrhundert sollten viele weitere christliche Minderheiten aus den deutschsprachigen Staaten eine neue Heimat in Nordamerika finden, darunter Protestanten aus Salzburg, die Herrnhuter Brüdergemeinde und Wiedertäufer wie die Amischen.

Die überwiegende Mehrheit floh vor Armut und Perspektivenlosigkeit. Diese Deutschen waren Wirtschaftsflüchtlinge.

Auch wenn katholischen Einwanderer zunehmend skeptisch begegnet wurde, ihnen bisweilen die Konversion nahegelegt wurde – die Bedeutung der Neuen Welt als Hoffnungsort der religiös Verfolgten kann nicht überschätzt werden. Doch schon vor Einsetzen der europäischen Massenauswanderung des 19. Jahrhunderts wurde der größte Teil der deutschen Amerika-Auswanderer von wirtschaftlichen Motiven getrieben. Ende des 18. Jahrhunderts machten die christlichen Sekten nur noch etwa ein Zehntel der deutschen Auswanderer aus. Die überwiegende Mehrheit floh vor Armut und Perspektivenlosigkeit. Diese Deutschen waren Wirtschaftsflüchtlinge.

Deutsche Wirtschaftsflüchtlinge

So kam es im „Hungerwinter“ 1709/10 zur Auswanderung von 11.000 verarmten Pfälzern in das Königreich Großbritannien und seine amerikanischen Kolonien. Getrieben von hoher Steuerlast, Missernten durch einen katastrophal kalten Winter und allgemeiner Armut beriefen sich die Pfälzer auf ein angebliches Angebot der britischen Königin Anne: In England garantiere man ihnen Versorgung und Landbesitz, wenn sie sich nur in London melden und die ihnen zugewiesenen Ansiedlungsgebiete akzeptieren. Abenteuerliche Gerüchte verbreiteten sich rasch über Broschüren in ganz Süddeutschland. Die Deutschen packten ihre sieben Sachen und setzten nach London über.

Die anfängliche Ratlosigkeit wich schnell der Fremdenfeindlichkeit.

Schnell zeigten sich die Behörden der Stadt London durch die Ankunft der deutschen Wirtschaftsflüchtlinge überfordert. Um 1700 lebten etwa 575.000 Menschen in London. Die Poor Palatines stellten auf einen Schlag fast zwei Prozent der Stadtbevölkerung. In Auffanglagern und Zelten wurden sie notdürftig untergebracht, versorgt durch die englische Krone: Bis 1711 waren 135.775 Pfund Sterling aufgewandt worden – ein enormer Betrag, der für Empörung im Parlament sorgte. Die anfängliche Ratlosigkeit wich schnell der Fremdenfeindlichkeit. Die Poor Palatines galten als Schmarotzer, unkultiviert und eine Gefahr für Londoner Arbeiter und Frauen. Katholische Pfälzer wurden zwangskonvertiert oder zurückgeschickt. Man beschloss, die deutschen Armutseinwanderer auf die amerikanischen Kolonien und Irland zu verteilen.

Von den 3000 Pfälzern, die anschließend nach New York geschickt wurden, überlebten etwa 2500 die Atlantik-Überfahrt. Weitere 500 starben nach ihrer Ankunft an Typhus. Der Rest hatte die Kosten der Überfahrt über Jahre abzuarbeiten. Für die meisten Pfälzer Auswanderer verwirklichte sich der Traum von einem besseren Leben nicht. Das Auswanderungsfieber stoppte diese Erfahrung allerdings nicht. Ihren Höhepunkt erreichte die Emigration des 18. Jahrhunderts um 1750, als 37.000 Deutsche und Schweizer in Philadelphia eintrafen.

Vom Pfälzer Flegel…

Migration ist ein komplexes Phänomen. So wie die deutsche Auswanderung von Beginn an durch unterschiedliche Motive getrieben war, so sind auch die Motive der heute nach Europa kommenden Menschen vielfältig. Religiöse oder politische Unterdrückung mochte und mag oft den Ausschlag geben – aber dem Flüchtling ökonomische Motive abzuerkennen, hieße, ihn zu infantilisieren. Das galt für den Deutschen im 18. Jahrhundert wie für den Syrer im 21.. Dass heute abfällig von Wirtschaftsflüchtlingen gesprochen wird, ist eine Konsequenz unserer Einwanderungspolitik: Der Asylantrag ist für viele migrationswillige Menschen die einzige Chance, Deutschland zu erreichen. Dabei ist es weder schändlich noch überraschend, dass Menschen aus der Armut fliehen.

Dass heute abfällig von Wirtschaftsflüchtlingen gesprochen wird, ist eine Konsequenz unserer Einwanderungspolitik…

Vor Armut floh auch der deutsche Auswanderer des 18. Jahrhunderts. Er kam entweder mit seiner ganzen Familie – die in manchen christlichen Sekten auch schon einmal recht groß ausfallen konnte. Oder er kam alleine, männlich, jung und aus den unteren Schichten. Hätten diese jungen, wehrfähigen Männer nicht daheim bleiben und ihr jeweiliges Fürstentum oder Bistum verteidigen sollen? Wem diese Frage absurd vorkommt, der mag sich fragen, für was ein syrischer Flüchtling heute kämpfen soll.

Ein Smartphone hatte der deutsche Armutsflüchtling nicht dabei, dafür aber Kleidung und Nahrung für einen ganzen Winter. Manch einem Zeitgenossen musste es wie beispielloser Wohlstand vorkommen, wenn er den vollbepackten Auswanderer auf dem Weg zum Hafen von Rotterdam so sah. Eine solche Reaktion war 1750 freilich ähnlich borniert wie der Smartphone-Neid mancher Zeitgenossen heute.

Thomas Jefferson befürchtete, der durch absolutistische Herrschaft und religiöse Illiberalität geprägte Deutsche sei demokratieunfähig.

Der englischen Sprache war der Palatine boor (zu Deutsch: Pfälzer Flegel) nicht mächtig. Im Gegenteil: In den zahlreichen Germantowns lebend bildete er streng abgeschottete Parallelgesellschaften, in denen neben unverständlichen Dialekten auch merkwürdige Bräuche und Werte gepflegt wurden. Thomas Jefferson befürchtete, der durch absolutistische Herrschaft und religiöse Illiberalität geprägte Deutsche sei demokratieunfähig. Die bereits erwähnten Quäker wendeten sich bereits 175 Jahre vor Lincoln gegen den doch amerikanischen Brauch der Sklaverei.

Benjamin Franklin stellte 1750 fest: „Anstatt dass die Deutschen unsere Sprache lernen, müssen wir die ihre lernen oder wie in einem fremden Lande leben. Schon jetzt beginnen einige Engländer, bestimmte Wohngegenden zu verlassen, die von Deutschen eingekreist sind, weil sie sich dort aufgrund der abstoßenden, ungehobelten Manieren der Deutschen nicht mehr wohlfühlen.“ – über 250 Jahre später heißt der Deutsche Syrer und der Engländer Deutscher, die Ängste vor den fremden Barbaren sind geblieben.

… zum deutschamerikanischen Musterknaben

Dabei war die Furcht vor deutscher Dominanz unbegründet. Rein quantitativ war die englische Hegemonie zu keinem Zeitpunkt bedroht, wenngleich die Deutschen im 18. Jahrhundert die größte europäische Einwanderergruppe stellten. Mit der Zeit fügten sich die deutschen Einwanderer in die sich herausbildende amerikanische Gesellschaft ein, strebten die Staatsbürgerschaft an, meldeten sich zum Krieg gegen Indianer und Franzosen und anglisierten ihre Nachnamen. Kein noch so starker Wille zur Abgeschiedenheit und Brauchtumspflege konnte die Deutschamerikaner vor der Integration bewahren – das gelang lediglich den Amischen.

Schon bevor die Deutschamerikaner während des ersten Weltkriegs langsam an Sichtbarkeit verloren, stiegen sie im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer erfolgreichen und respektierten Einwanderergruppe auf. Dass sie als Armutseinwanderer, ohne Sprachkenntnisse und oft in religiösen Parallelgesellschaften ihre Bräuche pflegend immigrierten, konnte die Integration langfristig nicht verhindern. Wie wurde die deutsche Amerikaeinwanderung zur Erfolgsgeschichte? Ein Grund dafür waren sicher die nordamerikanische Weite und der Überfluss an herrenlosem Land – Indianer galten damals nicht als Herren. Doch entscheidend war der staatliche Umgang mit der Migration: Weitgehende Freizügigkeit statt Asylmanagement. Der staatliche Umgang mit den Amerikaemigranten soll Thema des nächsten Teils sein.

 

Zur Vertiefung:

Brunner, Bernd (2009): Nach Amerika: Die Geschichte der deutschen Auswanderung

C.H.Beck Fogleman, Aaron Spencer (1996): Hopeful Journeys: German Immigration, Settlement, and Political Culture in Colonial America, University of Pennsylvania Press