Globalisierung, Einwanderung, Marktwirtschaft – Angst ist ein bestimmendes Element im Leben der Menschen. Angst vor Verlust, vor Benachteiligung, vor Unsicherheit. Angst vor dem Tod. Angst führt dazu, dass wir versuchen, Situationen unter Kontrolle zu bringen. Das Ergebnis ist oft Unfreiheit. Wenige haben diese Bedrohung der Freiheit so treffend dargestellt wie der Philosoph Karl R. Popper (1902-1994) in seinem Werk „Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Es ist eine messerscharfe Analyse der Gegner und Feinde der Freiheit. Es ist aber auch ein Manifest des Mutes.

Zeitzeugnis von bleibender Aktualität

Der aus Wien stammende, aber die längste Zeit seines Lebens in London lebende Philosoph hat das Werk in einer Zeit verfasst, in der in weiten Teilen der Welt Diktatoren oder zumindest repressive Systeme das Geschehen bestimmten. Während in der ersten Hälfte der 1940er Jahre fast in der ganzen Welt Krieg tobte, befasste sich Popper fernab in Neuseeland mit den Gründen für das Entstehen von Faschismus, Kommunismus und anderen autoritären Herrschaftsformen.
Die Feinde der Offenen Gesellschaft verfolgte Popper bis in die frühen Zeiten der abendländischen Geistesgeschichte: Den ersten von zwei Bänden widmete er fast ausschließlich dem griechischen Philosophen Platon. Ganz zentral ist in dem Zusammenhang der Begriff des Mythos. In seinen philosophischen Werken nutzt Platon häufiger Mythen, um seine Theorie zu bebildern. Der Mythos bleibt aber immer im Bereich des Ungefähren; er beschreibt nicht, sondern deutet nur an; er appelliert an Gefühle statt an die Vernunft. Und so hat Popper den Band auch überschrieben mit „Der Zauber Platons“. Für ihn, der sich selbst als „kritischen Rationalisten“ bezeichnete, war Platons unpräzise Argumentationsweise ein Graus.

Platons fatale Mythen

Zwei Mythen Platons behandelt Popper besonders ausführlich: den Mythos vom „idealen Urzustand“ und den Mythos vom „Philosophenkönig“. Ersterer hängt mit Platons grundsätzlichem Weltbild zusammen. Er geht davon aus, dass es eine Art paradiesischen Urzustand gegeben hat, von dem wir uns immer weiter entfernen. Das „früher war alles besser“ hat er zu einem philosophischen Prinzip gemacht. Veränderung musste für Platon so stets als Gefahr erscheinen. Durch seinen sehr weitreichenden Einfluss auf die Philosophie hat diese Vorstellung in unser Denken Einzug gehalten – bis hinein in die Literatur, die Religion und natürlich die Politik. Fortschritt wird dann als Bedrohung wahrgenommen und eine Öffnung der Gesellschaft nach Möglichkeiten verhindert, indem man versucht, sie unter Kontrolle zu bringen.

Allerdings ist es eben auch sehr bequem, Verantwortung abzugeben. Wenn nun einer mit dem Anspruch antritt, diese Verantwortung kompetent und natürlich zum Wohle aller zu übernehmen, dann findet er eben oft Abnehmer für dieses Angebot.

Während der Mythos vom Urzustand naturgemäß hauptsächlich von Konservativen und Reaktionären jeder Couleur rezipiert wurde, hat das Ideal der Philosophenkönige bei unterschiedlichsten Machthabern begeisterte Aufnahme gefunden. Es ist die Vorstellung, dass einige Menschen aufgrund ihrer Weisheit und Ausbildung in der Lage sind, über und für andere Menschen zu entscheiden. Eigentlich kommt diese Gefahr für die Freiheit ganz offen und ehrlich daher. Allerdings ist es eben auch sehr bequem, Verantwortung abzugeben. Wenn nun einer mit dem Anspruch antritt, diese Verantwortung kompetent und natürlich zum Wohle aller zu übernehmen, dann findet er eben oft Abnehmer für dieses Angebot. Durch die Menschheitsgeschichte hindurch sind Politikern immer wieder höhere Kompetenz, bessere Absichten und tiefere Einsichten zugeschrieben worden – von anderen und von ihnen selbst. Diese Sonderstellung, die oft genug als Rechtfertigung für Unheil und Unterdrückung herhalten musste, hat Platon mit seinem Mythos der Philosophenkönige in der politischen Theorie hoffähig gemacht.

Geschlossene Gesellschaft: Nation und Klasse

Popper sieht Platon sehr kritisch, erkennt aber auch dessen Verdienste an als bedeutsamer, wenn auch gefährlicher, Intellektueller. Zu einem solchen Zugeständnis ist er nicht bereit bei einem anderen wirkmächtigen Philosophen: Hegel. Dessen Gedanken, die er im zweiten Band „Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen“ behandelt, bezeichnet er knapp und vernichtend als „orakelnde Philosophie“. Der preußische Philosoph sorgt in seinen Schriften für eine Verwirrung der Begriffe und vermeidet präzise Definitionen. Vor allem aber hat er nachhaltig Einfluss genommen auf die ideengeschichtlichen Entwicklungen, die in die totalitären Ideen des 20. Jahrhunderts mündeten. Nationalismus, Kriegsverherrlichung, der Staat als Moralinstanz, das Führerprinzip – all das sind Vorstellungen, die von Hegel mit Vehemenz beworben wurden.

Aber, wie Popper sagt: „Der Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten, erzeugt stets die Hölle.“

Etwas besser weg kommt Marx in Poppers Kritik. Während Hegel seine Orakel verkündet, ist Marx tatsächlich daran interessiert, das Leben der Menschen zu verbessern. Marx‘ gute Absichten zeitigen aber in ihrer Umsetzung schlimme Folgen. Das Problem ist, dass Marx das Ziel – die klassenlose Gesellschaft – klar identifiziert, und darum auch genau zu wissen glaubt, was richtig und was falsch ist. Das rechtfertigt dann den politischen Zwang, der zum Erreichen dieses Zieles nötig ist. Aber, wie Popper sagt: „Der Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten, erzeugt stets die Hölle.“ Popper stellt diesem Ideal der klassenlosen Gesellschaft seine Offene Gesellschaft entgegen, die das Individuum und seine Entscheidungen zur Geltung kommen lässt. Nur wenn individuelle Gerechtigkeit angewandt wird, und nicht pauschale, ist gewährleistet, dass jeder so richtig wie möglich behandelt wird. Wer Menschen gleich machen will, muss notwendigerweise Freiheit beschränken.

Eine Ordnung des Lernens

Popper misstraute zutiefst den Denkern, die mit allen Mitteln eine bessere Welt herstellen wollten. Als „kritischer Rationalist“ vertraute er zwar grundsätzlich der Vernunft des Menschen, warnte aber gleichzeitig immer mit Nachdruck vor deren Überschätzung – daher das „kritisch“. Gerade wer sich ehrlich seiner Vernunft bedient, muss auch bald deren Grenzen erkennen. Die Überschätzung der Vernunft ist in sich eine Perversion. Erst wenn sich der Mensch ehrlich der Kritik stellt, sind Erkenntnisfortschritt und Lernen für ihn überhaupt erst möglich. Und dieser Fortschritt ist das Ziel jedes Menschen, der nicht dem irrationalen Wahn verfällt, bereits alles zu verstehen und zu wissen.

Der freundliche, aber kritische Diskurs ist die beste Umgebung, um die eigenen Gedanken zu verbessern und weiterzuführen.

Dieses Lernen findet aber nicht nur innerhalb der eigenen Gedanken statt. Es ist ein Austausch- und Kommunikationsprozess. Meist können andere uns viel besser und treffgenauer hinterfragen als wir selbst es können. Der freundliche, aber kritische Diskurs ist die beste Umgebung, um die eigenen Gedanken zu verbessern und weiterzuführen. Und deswegen ist auch die Offene Gesellschaft der angemessene Rahmen. Denn hier herrschen keine Ideologien, hier gibt es keine staatlich verordnete Doktrin, hier werden Widerspruch und Opposition nicht bestraft, sondern begrüßt.

Mut und Demut: Die ethische Dimension

Die Konzepte des Kritischen Rationalismus und der Offenen Gesellschaft sind aber nicht nur intellektuelle Konzepte. Sie haben auch eine ethische Dimension. Zwei Tugenden sind Grundvoraussetzungen dafür, dass eine Offene Gesellschaft gelingen kann: Mut und Demut. Die Demut besteht darin, den eigenen Verstand nicht zu überschätzen und den anderer nicht zu unterschätzen. Wer sich selbst zum Richter erhebt und sich für das Maß aller Dinge hält, kann nicht anders als die Freiheit des Anderen einzuschränken. Darum sind Vorschriften, Regulierungen, Verbote und vor allem diejenigen, die sie erlassen, stets mit Misstrauen zu beobachten. Denn allzu schnell wird da alle Demut über Bord geworfen. Dann wird dekretiert und entschieden, was für andere gut und richtig ist. Die Offene Gesellschaft lebt aber wesentlich vom Respekt vor dem Anderen und seinen Entscheidungen.

Beide sind nicht bereit zu der oben beschriebenen Demut und beide haben Angst vor der Ungewissheit.

Mut ist die andere Tugend, die unerlässlicher Bestandteil einer Offenen Gesellschaft ist. Angst führt dazu, dass man alles tut, um Situationen im Griff zu behalten. Man möchte nicht die Kontrolle verlieren. Das ist die treibende Kraft hinter den gesellschaftlichen Zentralplanern der Rechten und Linken. Die einen wollen mit aller Macht eine Veränderung verhindern, um den Status Quo zu erhalten oder gar einen früheren Status herzustellen. Und die anderen wollen mit aller Macht eine bessere Welt herbeiführen, die ihren Vorstellungen entspricht. Beide sind nicht bereit zu der oben beschriebenen Demut und beide haben Angst vor der Ungewissheit. Wir müssen uns den Herausforderungen und Chancen einer immer mehr vernetzten Welt stellen. Denn die Entwicklung einer Offenen Gesellschaft ist weder vorhersehbar noch planbar. Sie fordert von uns die Bereitschaft, uns immer wieder auf Neues einzustellen. Und darum lebt sie von dem Mut, den Menschen an den Tag legen, indem sie bereit sind, eine freie Entwicklung zuzulassen. Dieser Mut ist es, der uns als Menschen ausmacht. Es ist der Motor unserer Entwicklung: der individuellen wie auch unserer ganzen Gattung und menschlicher Zivilisation. Um mit den Worten Poppers zu schließen:

„Wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft. Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse und ins Unsichere weiterschreiten.“

 

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Print-Magazin. Als PDF hier zum Download.