Konflikt – das Wort bedeutet im Kern nicht mehr, als das Zusammentreffen verschiedener Interessen. Überall in den Zeitungen, dem Internet und dem Fernsehen ist heute von „Konfliktparteien“, „Konfliktschlichtung“ oder auch der „Eskalation eines Konflikts“ die Rede. Wortpaare wie der „Nahost„ und „Syrien„ oder der „Ukraine-Konflikt“ sind ebenso in den kollektiven Sprachgebrauch eingegangen, wie der „Generationen-Konflikt“.

Auch wenn die Fülle dieser Begriffe vermuten lässt, dass der Konflikt ein Phänomen unserer Gegenwart ist, zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass wir es momentan keinesfalls mit einer Streit-Konjunktur zu tun haben. Vielmehr folgen wir dieser Tage einem Trend, der bereits über Jahrhunderte anzuhalten scheint. Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten von Konflikten der vergangenen 200 Jahre, fällt eines sehr schnell auf. Oft geht es um ein zentrales Schlagwort: Freiheit. Im südamerikanischen Dschungel brennt seit vielen Jahren ein Streit zwischen den Ureinwohnern und finanzstarken Investoren. Es geht um Land und Existenzgrundlagen. Die Bewohner kämpfen oft unter der Fahne kommunistischer und sozialistischer Parteien um ihre Freiheit, das Land ihrer Urahnen bewirtschaften zu dürfen, während global agierende Großkonzerne aus dem In- und Ausland auf die Freiheiten beharren, die ihnen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des jeweiligen Landes gestatten.

Unzählige historische Konflikte drehten sich um Fragen der Unabhängigkeit und Freiheit.

Ein anderes Beispiel sind die zahllosen Rebellenkriege, die in Afrika seit dem Ende der Kolonialzeit blutig ausgetragen werden. Unzählige Milizen geben sich den Titel „Freiheitstruppen“. Warlords nennen sich „Befreier“. Auf den ersten Blick scheint also gerade in der Idee und dem Begriff der Freiheit ein nicht unerhebliches Konfliktpotenzial zu liegen. Unzählige historische Konflikte drehten sich um Fragen der Unabhängigkeit und Freiheit. Dazu gehörten nicht nur Kriege. Auch wirtschaftliche Konflikte, wie etwa der Übergang vom Feudalwesen zum Industriezeitalter barg für viele Teile der damals lebenden Bevölkerung ein enormes Konfliktpotenzial. Die Landeigner wurden von dieser Entwicklung zentral in ihrer Freiheit beschränkt, über Ressourcen des täglichen Wirtschaftens zu entscheiden. Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern der Abtreibung ungeborenen Lebens in den 1960er und 1970er Jahren. Dabei ging es auch um die Frage, wie viel Unabhängigkeit den Betroffenen in ihrer Entscheidung zugebilligt wird. Aktuell scheint sich vor allem medial ein Konflikt um den Zuzug von Flüchtlingen zu entladen. Wie viel Freiheit können wir den Fremden in unserem Land eigentlich bieten, ohne unsere eigene hintenan zu stellen?

GEFAHREN DURCH EINE FALSCHE VERMITTLUNG

Im Zeitalter der „Public History“, in der täglich unzählige Fernsehsendungen zu historischen Begebenheiten über den Bildschirm flimmern, sind wir es gewohnt, mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Besonders Konflikte, also Kriege, Terrorakte oder allgemein das Zusammentreffen von gegensätzlichen Parteien, scheint die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen. Dabei geht es nur nachrangig um Gründe oder gar Wurzeln von Konflikten, denn Geschichte im Fernsehen folgt nicht selten der Logik von Hollywood, was vor allem Dramatisierung und Vereinfachung bedeutet. Dies hat auch zu einer Vereinfachung der scheinbaren historischen Wahrheit geführt. Längst wird in den beliebten TV Formaten emsig durcheinandergemischt, ein Sample aus den „Schrecklichsten Diktatoren“ oder den „10 wichtigsten Momenten der Geschichte“ erstellt. Der Blick für das Klare geht verloren und das „Vetorecht der Quellen“, wie der bekannte Historiker Reinhard Kosellek es nannte, weicht allmählich dem Vetorecht der größten Zuschauerzahl oder der aufwändigsten Produktion.

Oft wird gezerrt und verbogen, bis die Vergangenheit zu einem passenden Argument für die Gegenwart wird.

Eine so vermittelte Geschichte birgt eine große Gefahr: der Blick für das Wesentliche, für Gründe, Zusammenhänge und Folgen von Konflikten kann verloren gehen. Das führt nicht selten zu einer Fehlbeurteilung der Geschichte. Oft wird gezerrt und verbogen, bis die Vergangenheit zu einem passenden Argument für die Gegenwart wird. Häufig ist dies bei politischen Extremen zu beobachten, links wie rechts. Positive Beispiele für den Einfluss der „Public History“ gibt es auch: Es ist sicher einigen der qualitativ anspruchsvollen TV Formate, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, zu verdanken, dass ideologisierende Fanatiker, die den Holocaust leugnen oder davon überzeugt sind, dass der „Führer“ noch unter uns ist, längst zurecht ein Dasein im eigenen abgeschotteten Nebel der geistigen Umnachtung fristen.

Jedem, der sich differenzierter mit der Geschichte, manchmal auch der eigenen und dem darin beigemessenen Wert der Freiheit beschäftigte, mögen Parolen wie „Freiheit von den Bonzen“ oder „Unabhängigkeit vom Markt“ wie ein Schlag ins Gesicht vorgekommen sein.

Ganz anders sieht das auf dem linken politischen Spektrums aus. Auf dem Höhepunkt der RAF-Romantik vor einigen Jahren, als exzellent produzierte Spielfilme über die Terrorgruppe in den deutschen Kinos liefen und in TV-Dokumentationen ehemalige Top-Staatsfeinde ihre Sicht auf die gute alte Zeit schildern durften, war es plötzlich wieder en vogue mal ganz offen an der Uni gegen das „Kapitalistische Schweinesystem“ zu rebellieren; freilich nur wenn gerade keine Vorlesung war. Als sich zur „dagegen“-Stimmung noch die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise gesellten, war der explosive Nährsatz bereitet: Plötzlich erkannten nicht wenige der nun scheinbar gut Informierten in der Vergangenheit ein Beispiel für die Zukunft, rebellieren gegen den Kapitalismus, wie schon Baader und Meinhof.

Den Coolness-Faktor des Revoluzzers gab es oben drauf. Jedem, der sich differenzierter mit der Geschichte, manchmal auch der eigenen und dem darin beigemessenen Wert der Freiheit beschäftigte, mögen Parolen wie „Freiheit von den Bonzen“ oder „Unabhängigkeit vom Markt“ wie ein Schlag ins Gesicht vorgekommen sein. Die Bewertung der historischen Bedeutung des Begriffs der Freiheit unterliegt immer auch aktuellen Trends.

VERSCHIEDENE BLICKWINKEL AUF HISTORISCHE KONFLIKTE

Dies verdeutlicht eines: Es kommt ganz darauf an, unter welchem Licht man historische Konflikte betrachtet. Schon allein der Begriff, den der Duden ganz sachlich als schwierige Situation infolge des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Interessen, Forderungen oder Meinungen beschreibt, unterliegt immer der Perspektive des Betrachters oder sogar des Beteiligten. Was würde ein britischer Soldat des Ersten Weltkriegs sagen, der gerade in Schlamm und Gefechtslärm im Schützengraben liegt, wenn man ihn danach fragen würde, was ein Konflikt ist? Oder ein deutscher Arbeitsloser in der großen Krise der 1920er Jahre, während er in einer langen Schlange vor einer Armenspeisung ansteht? Oder ein amerikanischer Student, der gerade mit seinen Freunden ein Transparent trägt, mit der Aufschrift „Make Love not War“? Aus drei historischen Situationen lassen sich drei oder mehr Definitionen herausfiltern.

… installierte eine hörige Politikerkaste, die man nach Belieben austauschen konnte. Dem gab man dann den Beinamen Volksrepublik, Unabhängig oder Demokratisch und fertig war der Bruderstaat.

Ähnliches gilt beim Begriff der Freiheit: Freiheitskämpfer, Befreiungsfront oder Unabhängigkeitsbewegung sind nun einmal keine geschützten Begriffe. Jeder kann sich mit ihnen schmücken. Der tiefere Blick in die Thematik zeigt jedoch auch sehr schnell, dass vor allem antiliberale Konfliktpartner sich gerne und ohne Skrupel auf die Fahne schrieben, als Fürstreiter von Freiheit und Unabhängigkeit aufzutreten. Freiheit als Politikziel wurde auch instrumentalisiert. Insbesondere der Topos der „Befreiung“ war eine der Leiterzählungen sowjetischer Machtstrategien in der Zeit des Kalten Krieges. So entsprach es der Logik des Systems, in unterworfenen Ländern einen Staat nach sowjetischem Vorbild aufzubauen und so einen treuen Satelliten um das eigene Machtzentrum zu schaffen. Man errichtete eine knallharte Militärmaschinerie, stampfte Geheimdienststrukturen aus dem Boden und installierte eine hörige Politikerkaste, die man nach Belieben austauschen konnte. Dem gab man dann den Beinamen Volksrepublik, Unabhängig oder Demokratisch und fertig war der Bruderstaat. Es ging um die totale Machtkontrolle, die Beschränkung der Freiheit des Einzelnen.

Die Bewahrung der selbst definierten Freiheit, wie sie sich das republikanische Amerika der 1950er Jahre vorstellte, war wichtiger, als die Methoden ihrer Bewahrung zu hinterfragen.

Aber auch der Westen kennt Beispiele, in denen die Freiheit oder ihre scheinbare Bedrohung zum Anlass genommen wurde, existenzielle Grundrechte zu beschneiden. In den 1940er und 1950er Jahren wurden tausende Amerikaner verhaftet, weil man ihnen kommunistische Umtriebe vorwarf und sie der Kollaboration mit dem Feind im Osten bezichtigte. Dieses Klima der Angst wurde von der perfiden Rhetorik des Senators Joseph McCarthy getragen und vom FBI unter J. Edgar Hoover vollstreckt. Die Bewahrung der selbst definierten Freiheit, wie sie sich das republikanische Amerika der 1950er Jahre vorstellte, war wichtiger, als die Methoden ihrer Bewahrung zu hinterfragen. Das große historische Beispiel für erfolgreiches Freiheitsstreben ist der Kampf um Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien vom britischen Mutterland. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg veränderte den Fortgang der Geschichte wie kaum ein anderer Konflikt.

Dass man in den USA häufig Straßennamen wie „Liberty Road“ oder „Independence Walk“ findet, ist kein Zufall. Vermutlich ist das einer der Gründe, weshalb Freiheitswerte bis heute zentrale Leitbilder in der amerikanischen Innen- wie Außenpolitik markieren. Diese historische Reihe ließe sich unbegrenzt fortführen. Sie verdeutlicht, dass Freiheit stets eng verknüpft war mit Konflikten, egal welcher Art. Doch was bedeutet das für unsere Gegenwart?

KONFLIKTAUSLÖSER SIND ALLGEGENWÄRTIG

Eines bedeutet es jedenfalls nicht: Freiheit selbst kann nie der Auslöser für Konflikte sein. Ihr wohnt per se kein Konfliktpotenzial inne, da eine universell verstandene Freiheit des Einzelnen immer auch die Freiheit und Freizügigkeit des anderen beinhaltet. Ein so verstandener Liberalismus macht den Konflikt obsolet. Es braucht keinen Streit, wenn keine persönlichen Freiheitsrechte beschränkt werden. Das größte Konfliktpotenzial liegt im Kampf gegen die Freiheit: Im Antiliberalismus und Totalitarismus. Die Geschichte zeigt, dass immer dann, wenn es um die Beschränkung der Rechte des Einzelnen ging, jeder Betroffene unmittelbar zu einem Konfliktpartner wurde, ganz gleich wie groß der Gegner war und ob der Konflikt eine weltweite Dimension hatte.

In der Beschränkung persönlicher Freiheitsrechte, von der Urlaubsreise bis hin zur Berufsausbildung, lag das Konfliktpotenzial, welches das System zum Einstürzen brachte und die Menschen auf die Straße gehen ließ.

Ein Beispiel dafür sind die Bürgerbewegungen in den zerfallenden sowjetischen Staaten der 1980er Jahre. Die historische Konstellation von maroder Wirtschaft und überholtem politischem System machte es möglich, dass die Menschen, die jahrzehntelang durch das totalitäre Sowjetregime unterdrückt worden waren, einen politischen Umwälzungsprozess in Gang setzen konnten. In der Beschränkung persönlicher Freiheitsrechte, von der Urlaubsreise bis hin zur Berufsausbildung, lag das Konfliktpotenzial, welches das System zum Einstürzen brachte und die Menschen auf die Straße gehen ließ.

Ein Beispiel für das Konfliktpotenzial des Antiliberalismus findet sich in den USA. Die Abschaffung der Sklaverei bedingte keinesfalls die Gleichstellung der Farbigen in der amerikanischen Gesellschaft. Die Verbindung von anhaltender Unterdrückung und dem politischen Durchsetzungsvermögen ermöglichte die Anerkennung elementarer Freiheitsrechte für die Schwarzen in Amerika. Die Unterstützer der Gegenseite, die bis weit in die 1960er Jahre und stellenweise darüber hinaus eine faktische Rassentrennung vor dem Gesetz und im Alltag praktizierten, wurden zu den Verlierern dieses Konflikts. Auf der Seite der Freiheit zu sein bedeutete auch in diesem Konflikt auf der Seite der Gewinner zu sein.

VERTEIDIGUNG DER FREIHEIT

Eine allzu romantische und idealistische Sichtweise wäre jedoch auch dem kühnsten Liberalen als weltfremd, ja sogar naiv anzulasten. So einfach ist es nicht. Auch, wenn von der Freiheit als Wert kein Konfliktpotenzial ausgeht, so hat die Vergangenheit doch gezeigt, dass sie verteidigt werden muss. Mit Blick auf die Auseinandersetzungen des Kalten Krieges zwischen dem antiliberalen und totalitären Verständnis von Staat und Gesellschaft auf der einen und der Freiheit des Einzelnen samt Schutz des Individuums auf der anderen Seite lässt sich für die Gegenwart vor allem eines lernen: Freiheit muss beharrlich und bisweilen robust verteidigt werden.

Das bedeutet keinesfalls den Konflikt zu schüren, nur um ihn austragen zu können. Und doch darf man sich nicht der Logik des Zusammentreffens zweier unterschiedlicher Standpunkte entziehen. Das „Gleichgewicht des Schreckens“, bestehend aus gegenseitig aufgebauten Szenarien des nuklearen Overkills, sicherte in vielen brenzligen Situation der bilateralen Politik des Kalten Krieges den Frieden und damit das Überleben der Menschheit. Abrüstung wurde zu einem Schlagwort, Nachrüstung aber auch.

FREIHEIT IST EFFIZIENT

Und in diesem politischen Konflikt darf nicht vergessen werden: seine Auflösung war in erster Linie eine wirtschaftliche. Die Ineffizienz der staatlich gelenkten Planwirtschaft führte zum politischen Niedergang der Sowjetunion, indem die Bevölkerung auch gegen die zunehmend prekäre Versorgungslage rebellierte. Nicht zuletzt kosteten Raketen und Soldaten auch Geld. Die effizienten und freien Marktwirtschaften des Westens trugen die Logik der Abschreckung und sicherten so auf ihre Weise den Frieden. Freiheit hat sich in der Vergangenheit auch deshalb oft durchgesetzt, weil sie effizient sein kann ohne einzuschränken. Die Frage bleibt, welche Antworten die Verfechter der Freiheit und der Unabhängigkeit, des Individualismus und der Marktwirtschaft auf die Fragen der jüngsten Konflikte finden werden.