„Gier ist gut.“ Studiert man einige Jahre Volkswirtschaftslehre, scheint die Tugend der Gier allgemein anerkannt zu sein. Sie ist es nicht. In einer zufällig ausgewählten sozialen Umgebung ist Gier brutal. Wenn Sie einen Koffer mit Gold mit sich führen und einen gut bewaffneten Fremden in einem weit entfernten Dschungel treffen, werden Sie nicht sagen: „So lange er nur aus Gier handelt, habe ich nichts zu befürchten.“ Das Wissen, dass ein Nigerianischer Spammer Ihnen nur aus Gier E-Mails schreibt, bringt Sie noch nicht dazu, ihm Geld zu senden. Wenn Sie sich für einen Pfleger für ihre alte Mutter umschauen und erfahren, dass ein Bewerber „überaus gierig“ ist, wird das wohl ein starkes Argument gegen seine Einstellung sein. Oder wie Marge Gunderson traurig am Ende des Filmes Fargo sinniert:

„Die Frau, die auf dem Boden gelegen hat, war Mrs. Lundegaard, richtig? Und der im Holzhäcksler ist wohl ihr Komplize gewesen. Sowie die drei Menschen, die in Brainerd gestorben sind. Und wofür das alles? Einfach nur für ein bisschen Geld. Es gibt mehr im Leben als ein bisschen Geld, wissen Sie? Wissen Sie das etwa nicht? Und jetzt sind Sie gefangen und es ist so ein wunderschöner Tag… naja, ich versteh‘ es einfach nicht.“

Was die Ökonomie lehrt, ist nicht, dass Gier gut ist, sondern, dass wir durch richtige Anreize von diesem fragwürdigen Motiv großartige Ergebnisse erwarten können. Gier zusammen mit Eigentumsrechten, Wettbewerb, Rationalismus und Reputation ist gut. Nur die Gier alleine ist einfach film noir.

In der Public Choice Theorie, auch bekannt als Neue Politische Ökonomie, gehen wir in der Regel davon aus, dass Politiker nicht nur durch Gier, sondern durch Verlangen nach Macht motiviert sind. Natürlich nutzen wir kaum das Wort „machthungrig“. Wir nutzen dafür „Wählermaximierung“, genau wie wir die Gier „Profitmaximierung“ nennen. Doch wenn die Public Choice Theorie Politiker charakterisiert, so zeigt sie Menschen mit der Gier nach Macht.

Ist diese Zeichnung der Psyche eines Politikers angemessen? Absolut. Dass sich Politiker mehr Macht wünschen, ist genauso wenig zu leugnen, wie die Tatsache, dass Geschäftsmänner sich mehr Profit wünschen. Wenn Sie sich die politische Landschaft vor dem Aufkommen der Demokratie anschauen, werden Sie nur auf Diktatoren blicken, die ihre Macht nach innen zementieren und ihre Macht nach außen erweitern wollten. Wenn diese Diktatoren Kriege verloren, büßten sie Territorium und Menschen ein, weil wirklich jeder Diktator nach Macht über möglichst viel Land und Menschen strebte.

In der Demokratie sind Politiker weit weniger aufrichtig, wenn es um ihre Motive geht – sie müssen uns dazu bringen, sie zu mögen und „Machthunger“ ist keine sympathische Eigenschaft. Doch bedenkt man, dass diese in der Geschichte allgegenwärtig war: Kann man wirklich davon ausgehen, dass sie heute kein entscheidendes Motiv mehr darstellt? Einer meiner geschätzten politischen Insider nennt Politiker beider Parteien (Demokraten und Republikaner – Anm. d. Ü.) „Psychopathen“ – und das hat etwas für sich. Ein Erklimmen der Macht-Pyramide ist hart, es sei denn die Liebe zur Macht treibt einen an.

In einer zufällig ausgewählten sozialen Umgebung ist Machthunger – wie Gier – brutal. Ein Blick in die Geschichte der Kriegsführung und ihrer ganzen Abscheulichkeit genügt – in diese endlosen Blutbäder um Territorien. Überlegen Sei einmal wie die Anführer ihre Rivalen terrorisiert haben, oder ihre potentiellen Rivalen, oder ihre bloß eingebildeten Rivalen. Es ist widerwärtig. Wenn Fargo eine Kriegsgeschichte erzählen würde, in der Marge Gunderson Kriegsverbrecher jagt, so würde sie wohl traurig sinnieren:

„Das war also Sarajevo auf dem Boden, richtig? Und die im Massengrab sind wohl ihre Komplizen gewesen. Sowie die dreihundert Tausend Menschen, die in Bosnien gestorben sind. Und wofür das alles? Einfach nur für ein bisschen Macht. Es gibt mehr im Leben als ein bisschen Macht, wissen Sie? Wissen Sie das etwa nicht?“

In Diktaturen ist die Kausalkette von Machthunger zu schlechten Resultaten offensichtlich. Die fundamentale Frage der Public Choice Theorie aber ist: Bringt die Demokratie machthungrige Politiker zu guten Entscheidungen, trotz ihrer schlechten Absichten? Mein geschätzter Widersacher Donald Wittman argumentiert unermüdlich dafür, doch zu keinem erkennbaren Nutzen. Die Demokratie sticht die Diktatur natürlich aus, doch das allein wäre ein vernichtend schwaches Lob.

Wenn Sie also Gott danken, dass Sie nicht von Ludwig XIV oder Lenin regiert werden, bleibt doch eine bittere Wahrheit: Demokratie gibt machthungrigen Politikern deutlich schlechtere Anreize als es der Markt bei gierigen Geschäftsmännern tut. Insbesondere haben Wähler – nicht wie Konsumenten – keinen Anreiz rational zu wählen. Das spornt machthungrige Politiker noch mehr an, Demagogie zu predigen und zu praktizieren. Es wurde zuletzt schlimmer, doch es war bereits immer schrecklich. Die Demokratie hat Politiker nicht zu anständigen Menschen erzogen, sie hat ihre Machtgier nur mit altruistischer Heuchelei abgerundet.

Was können wir in dieser Zwickmühle tun? Es gibt hierauf keine einfachen Antworten, aber ich weiß, womit wir anfangen könnten. Wie Alkoholiker müssen wir uns eingestehen, dass wir ein Problem haben. Durch die Geschichte hinweg und auf der ganzen Welt: niederträchtige Herrschaftssysteme. Wir sollten aufhören, Politiker zu bewundern, insbesondere Politiker „auf unserer Seite“ – und sie als die Übeltäter wahrnehmen, die sie sind.

 

Dies ist eine Übersetzung von Timotheus Stark. Das Original ist hier zu lesen.