Wir leben heute in der friedlichsten aller Zeiten – so die Kernthese, die Steven Pinker in seinem Buch „Gewalt“ verfolgt. Verrückt! Wo wir doch jeden Tag in den Nachrichten sehen, wie viel Gewalt es in der Welt gibt. Warlords, der IS, die Ukraine… überall üben Menschen Gewalt aus. Doch es lohnt sich, Pinkers 1.000-seitige Argumentation einmal anzuschauen. Das Buch ist eine Hommage an den Fortschritt – und tritt den Konservativen und Kulturpessimisten kräftig in den Hintern.

Schon auf den ersten Seiten wurde mir schlecht! Im ersten Kapitel führt Pinker anschaulich aus, welche Gräueltaten sich Menschen in vorstaatlichen Gesellschaften, in der Antike oder im Mittelalter gegenseitig antaten. Nach der Lektüre war ich dankbar, zu einer Zeit in Europa zu leben, in der wir uns über die Legitimität des Kopftuches bei Grundschullehrerinnen streiten.

Nach diesem Schock war ich den folgenden Argumenten wohl zugänglicher. Das Buch ist sehr übersichtlich strukturiert und so ziehen sich die historischen Fakten für den Rückgang der Gewalt von den vorstaatlichen Gesellschaften bis zum 20. Jahrhundert chronologisch geordnet durch das Buch. Für jeden Zeitabschnitt behandelt Pinker die verschiedenen Formen von Gewalt, die in der jeweiligen Periode rückläufig wurden. Er bedient sich dabei einer angenehm einfachen Sprache.

Cover-Pinker-Gewalt

Er gibt sich nicht mit den reinen Fakten zufrieden, sondern sucht nach den politischen, soziologischen, kulturellen und psychologischen Gründen für die immer stärkere Gewaltaversion der Menschen. Den Zirkelschluss „Menschen sind gewalttätig, weil sie in einer gewalttätigen Kultur leben“ durchbricht er dabei argumentativ.

Bemerkenswert ist, wie Pinker mit den Daten umgeht, die er in jedem Abschnitt des Buches hinzuzieht. Er macht den Siegeszug des friedlichen Zusammenlebens in erster Linie an der Wahrscheinlichkeit fest, mit der ein Mensch in einer bestimmten Epoche einen gewaltsamen Tod stirbt. Warum er welche Zahlen verwendet und wie sie aufbereitet wurden, ist dabei auch für Nicht-Statistiker sehr transparent. Auch seine Quellen sind auf über 100 Seiten im Anhang offen gelegt.

Studententauglich?

„Gewalt“ bekommt von mir in jedem Fall das Siegel „Studententauglich.“ Es behandelt das Phänomen Gewalt interdisziplinär, vermittelt seine Information in lockerer Sprache und bleibt dennoch sachlich und wissenschaftlich. Die Kernaussage macht Mut für die Zukunft und für jene Regionen, die auch heute noch von Gewalt geprägt sind. Auch sie werden den Weg des Friedens gehen.

Einen kleinen Vorgeschmack findet ihr auch in diesem Interview, das Amnesty International mit Steven Pinker geführt hat.