Anmerkung des Übersetzers: Dieser Beitrag führt eine Diskussion weiter, die Peter Jaworski und Jason Brennan in ihrem wundervollen Buch „Markets without Limits“ begonnen haben. Die Idee ihres Werkes ist simpel: Wenn etwas nicht verboten ist, wenn man es umsonst macht, warum sollte es dann verwerflich sein, dafür Geld zu nehmen? Im Laufe des Buches werden Themen von Stimmenkauf über Designerbabies (siehe auch  hier und hier) bis hin zu Organhandel betrachtet. Den Vortrag von Jaworski beim Cato Institute sollte man in diesem Zusammenhang auf keinen Fall verpassen.

Der berühmte zeitgenössischen Philosoph Michael Sandel bringt folgenden Einwand: „Selbst wenn Käufer die Kinder, die sie erwerben, nicht misshandeln, würde ein solcher Kindermarkt die falsche Art, Kinder zu wertschätzen, fördern. Kinder sollten nicht als Ware, sondern als Wesen, die es wert sind, geliebt und umsorgt zu werden, betrachtet werden.“ Jaworski und ich nennen das den „falsches Signal“-Vorwurf an den Markt. Wir widerlegen diese und andere semiotische Entgegnungen hier.  Aber selbst wenn wir uns dieser semiotischen Einwände entledigt haben, bleiben andere unbeantwortet.

Einwand: Kinder sind kein Eigentum, also darf man sie nicht verkaufen!

Die Debatte um den Verkauf von Babies dreht sich nicht wirklich darum, ob man sie wie Eigentum verkaufen und kaufen dürfen sollte. Die interessante Frage in der Kommodifizierungsdebatte ist stattdessen, ob es zulässig ist, Adoptionsrechte zu verkaufen.

Wie Adoptionsmärkte unsere Behauptung unterstreichen

Erinnern wir uns an die zentrale Behauptung, die wir vertreten: Wenn du jemand etwas geben darfst, dann darfst du es ihm oder ihr auch verkaufen. Wenn du etwas umsonst annehmen darfst, dann solltest du es auch kaufen dürfen. Wenden wir diese Argumentation auf unseren konkreten Fall an. Manche Menschen sind strikt gegen einen Markt für Adoptionsrechte. Wenn ihre Einwände sich jedoch allein auf den Markt für Adoptionsrechte beziehen, müssen sie zwei Dinge vertreten:

  1. Es gibt Fälle, in denen man Adoptionsrechte kostenlos veräußern darf, aber
  2. Es wäre inhärent falsch, diese Rechte für Geld zur verkaufen.

Wir sind der Meinung, dass sich die interessanten moralischen Fragen bei der Adoption nicht wirklich um den Markt für Adoptionsrechte als solchen drehen. Stattdessen stellen sich für uns zwei wichtige ethische Fragen:

  1. Wann, wenn überhaupt, ist es einer Person erlaubt, ihr elterliches Recht über ihr Kind freiwillig und ohne Kompensation aufzugeben?
  2. Welche Umstände und Eigenschaften befähigen potentielle Eltern, ein Kind zu adoptieren, unabhängig von ihrer Bereitschaft und Fähigkeit, Adoptionsrechte zu erwerben?

Unserer Ansicht nach reduziert sich die ethische Betrachtung von Adoptionsmärkten auf die Antworten zu diesen beiden Fragen. Der Markt selbst spielt keine entscheidende Rolle bei der Frage, ob es falsch ist, Adoptionsrechte zu kaufen.

Wir selbst haben keine Antwort auf die erste Frage, aber das spielt keine entscheidende Rolle. Stellen wir uns vor, Sie glauben, dass Eltern ihre Rechte über ihre Kinder nur dann freiwillig aufgeben dürfen, wenn sie sich in einer schween Notlage befänden. Unsere Antwort wäre dann: Wenn diese Sichtweise korrekt ist, dürfen nur Eltern in Notlage ihre elterlichen Rechte verkaufen. Oder nehmen wir an, Sie glauben wie viele unserer linksliberalen Kollegen, dass biologische Eltern immer freiwillig ihre elterlichen Rechte abtreten dürfen – vorausgesetzt, sie finden ein passendes neues Zuhause für ihre Kinder bzw. eine staatliche oder private Organisation, die sich um das Wohl ihres Nachwuchses kümmert. Unsere Antwort darauf wäre: Wenn diese Ansicht korrekt ist, darf jeder seine elterlichen Rechte verkaufen, auf den obige Beschreibung zutrifft. Zuletzt können wir überlegen, was in dem Fall wäre, dass Sie glauben, Eltern dürften diese Rechte niemals aufgeben. Unsere Antwort: Gesetzt, dass das korrekt ist, dürfen Eltern niemals Adoptionsrechte verkaufen. Allerdings nicht, weil das Verkaufen per se falsch wäre, sondern weil sie diese Rechte nicht veräußern dürfen, Punkt.

Was die zweite Frage betrifft: Manche potentielle Eltern sind ungeeignet und sollten nicht die Möglichkeit haben, Kinder zu adoptieren oder für sie zu sorgen. Andere wäre dazu in der Lage und sollten es folglich auch dürfen. Wir selbst verfügen über keine detailliert ausgearbeitete Theorie, wann Eltern als fähig oder unfähig einzustufen sind. Aber es gibt Philosophen und andere Experten, die sich der Ausarbeitung dieses Unterschieds widmen. Wir stellen uns mit allgemein akzeptierten Vorstellungen zufrieden, so etwa, dass man Pädophilen keine Kinder anvertrauen sollte. Wir sind auch der Ansicht, dass wie selbst in der Lage sind, für Kinder zu sorgen. Man sollte uns unsere eigenen nicht wegnehmen, und es sollte uns möglich sein, andere zu adoptieren. Aber für alle, was über derart unkontroverse Behauptungen hinausgeht, besitzen wir keine vollständige Theorie.

Aber sagen wir doch einfach mal, es gäbe so eine Theorie, die „Korrekte Eignungstheorie“, die erklärt, welche von den potentiellen Eltern  fähig genug sind, um Kinder zu adoptieren. Wir selbst wissen nicht, was die Korrekte Eignungstheorie ist, und wir kennen niemanden sonst, der das wüsste. Aber vermutlich steckt ein Körnchen Wahrheit in dieser Vorstellung.

Der Korrekten Eignungstheorie zufolge kommen manche potentielle Eltern für eine Adoption in Frage, andere nicht. Die Frage danach, wer Adoptionsrechte kaufen darf, reduziert sich auf die Korrekte Eignungstheorie. Sofern dich die Korrekte Eignungstheorie als fähiges Elternteil anerkennt, ist es dir erlaubt, Adoptionsrechte zu kaufen. Wenn diese Theorie zeigt, dass du in der Lage wärest, ein Kind unentgeltlich zu adoptieren, dann, so denken wir, darfst du für eine Adoption so viel Geld ausgeben wie du möchtest.

Unsere größte Sorge in Bezug auf so einen Markt ist, dass Babies nicht an unfähige Eltern geraten. Aber das ist kein inhärent unlösbares Problem des Market, sondern eine Frage seiner Gestaltung und Regulierung.

Das ökonomische Argument pro Adoptionsmarkt

Siehe Landes and Posner. Ebenfalls interessant: Krawiec.

Landes und Posner zufolge gibt es folgende dysfunktionale Aspekte des bestehenden Adoptionsmarktes (zumindest 1978 so beobachtet):

  • Es gibt ein massiven Mangel an gesunden, weißen Babies. Soll heißen, die Nachfrage nach weißen Babies übersteigt das Angebot bei weitem. Es gibt jedoch ein Überangebot an ungesunden Babies mit anderer Hautfarbe.
  • Da der offene Verkauf von Babies illegal ist, werden viele Babykäufe auf dem Schwarzmarkt getätigt. Wie man jedoch erwarten könnte, führt das zu zahlreichen Problem. Die Qualität des „Produkts“ ist niedriger und weniger zuverlässig. Die Verkäufer sind ebenfalls wenig zuverlässig oder vertrauenswürdig. Einige der dort verkauften Babies wurden durch Kidnapping oder Zwang erworben. Und der Preis für Babies wird künstlich stark angehoben.
  • Eltern, die das Kind eines Fremden außerhalb des Schwarzmarktes erwerben wollen, müssen in der Regel auf stark regulierte Adoptionsagenturen zurückgreifen. Dies Agenturen dürfen Gebühren verlangen (und tun dies in der Tat auch), aber sie kompensieren die Mutter nicht, die ihr Kind zur Verfügung stellt. Mütter bekommen etwas Geld für die entstandenen medizinischen Kosten, allerdings kaum genug, um sie für das Austragen des Kindes zu kompensieren – von den emotionalen Kosten ganz zu schweigen. Dazu kommt, dass die geringe Entschädigung für Mütter zu langen Wartezeiten führt: Zu viele angehende Eltern sind bereit, zu diesem niedrigen Preis zu „kaufen“, aber es gibt nicht genug Mütter, die zu diesem Preis „verkaufen“ würden.
  • Fast alle Adoptionen (unter Fremden) werden von lizenzierten Non-Profit-Agenturen vermittelt, die quasi ein Monopol auf dem Markt besitzen. Sie leiden unter den üblichen Problemen von Non-Profits und Monopolisten, sprich, die Qualität ihrer Dienstleistungen ist niedrig.

Kurzum, es gibt bereits einen Markt für Babies. Allerdings ist der legale Markt dysfunktional, da der gesetzlich festgelegt Preis für weiße Babies künstlich niedrig gehalten wird. Dies führt erwartungsgemäß zu einem Mangel an Babies mit langen, ineffizienten Warteschlangen. Gleichzeitig führt es, ebenfalls erwartungsgemäß, zu einem Schwarzmarkt mit künstlich hohen Preisen und allen anderen unerwünschten und gefährlichen Folgen eines Schwarzmarktes.

Landes und Posner sind der Meinung, dass ein weniger restriktiver Markt viele Probleme des existierenden Marktes abmildern würde. Sie denken, dass man so das fehlende Angebot steigern, den Schwarzmarkt eliminieren oder zumindest stark beschränken, Wartezeiten verkürzen und für eine bessere Allokation der Babies – die eher den Interessen der Babies entspricht – sorgen könnte. Indem man freie Preisbildung für Adoptionsrechte zulässt, wird es wahrscheinlicher, dass ältere oder weniger wünschenswerte Kinder adoptiert werden. Wenn ich sehe, dass ein Neugeborenes $25.000 kostet, ein zehnjähriger Junge dagegen nur $2,000, könnte es gut sein, dass ich das ältere Kind adoptiere, auch wenn ich bei gleichem Preis das Neugeborene bevorzugt hätte. Ein weniger regulierter Markt würde es sowohl möglichen Verkäufern wie auch Käufern erlauben, Verträge miteinander abzuschließen, um sich gegen bestimmte Risiken abzusichern.

Zuletzt ist zu bemerken, das Landes und Posner nicht fordern, dass Babies einfach ungeachtet aller anderen Überlegungen an den Höchstbietenden gehen sollte. Natürlich sollten die Bietenden geeignete Eltern sein. Bekannte Pädophile und andere sollten nicht das Recht haben, Kinder zu kaufen.

Einwand: Wenn es einen Markt für Adoptionsrechte gibt, bekommen nur die Reichen die dort angebotenen Kinder

Das ist ein Beispiel für etwas, was Jaworski und ich einen “Allokationseinwand“ gegen den Markt nennen. So wie bei jeder Art von Allokation könnten man darauf antworten: „Ok, wenn das deine einzige Sorge ist, warum dann nicht trotzdem einen Markt zulassen, aber in durch einen subventionierten Adoptionsmarkt mit Gutscheinen für die Armen ergänzen? Wäre das nicht besser?

Eine andere Antwort, die uns zur Verfügung stünde, wäre: Man räumt zwar ein, dass der Einwand berechtigt ist, hinterfragt aber, welchen moralischen Wert er hat. Die wenigsten, die den Film Juno gesehen haben, haben sich darüber beschwert, dass Juno ihr Baby der reichen und erfolgreichen Vanessa anstatt einer anderen geeigneten, aber weniger erfolgreichen Mutter gab. Wie es aussieht, scheinen die meisten Menschen kein Problem damit zu haben, dass Eltern, die ihr Kind freiwillig abgeben, sich frei aussuchen können, wem sie es übergeben. Wenn man die Menschen frei entscheiden lässt, haben einige bessere Chancen als andere. Aber das ist nicht unbedingt falsch. Wie auch immer: Man müsste uns noch ein Argument liefern, warum alle möglichen, geeigneten Eltern die gleichen Chancen haben sollten, ein bestimmtes Baby zu bekommen.

Eine zweite Antwort wäre festzuhalten, dass das Angebot an zur Adoption freigegebenen Babies nicht fix ist. Es ist Teil des Marktes. Wenn Adoptionsrechte verkauft werden können, würde das einige Menschen, die ihre Kinder sonst nicht abgeben würden, dazu bewegen, es zu tun. Ein Markt für Babies wird das Angebot an Babies erhöhen. Denken wir zum Beispiel an den klassischen Fall der Studentin, die ungewollt schwanger wird. Derzeit entscheiden sich viele (wenn nicht die meisten) dieser Studentinnen für einen Abtreibung und dagegen, dass Baby auszutragen und es a) zur Adoption freigeben oder b) es selbst großzuziehen. Wenn Studentinnen jedoch einen finanziellen Anreiz hätten, Option a) zu wählen, würden mehr von ihnen von der Abtreibung absehen.

Man könnte leicht der Versuchung erliegen, dass ein Markt für Adoptionsrechte einfach den Preis für Adoption erhöhen würde und Babies so schwerer zu bekommen wären. Allerdings geht derzeit der Großteil des Geldes an Adoptionsagenturen statt an die Mutter, die das Kind zur Verfügung stellt. Doch wie Landes und Posner richtig bemerken, würde es Müttern auf einem weniger regulierten Markt möglich sein, einen höheren Preis für ihre abgegeben Elternrechte zu verlangen. Die Adoptionsagenturen würden dagegen ihre Rolle und ihre Einnahmen schrumpfen sehen. Wenn das so ist, ist es gut möglich, dass das Angebot an Babies steigt und somit den Preis senkt. Mütter, die ihr Kind zur Adoption freigeben, würden mehr Geld bekommen, und trotzdem würde der Preis einer Adoption für angehende Eltern fallen.

Einwand: Weiße Babies würden mehr kosten, und das ist abstoßend

Ein letzter Einwand gegen einen Markt für Adoptionsrecht lautet, dass die dort erzielten Preise die unterlegenden ethnische Vorlieben reflektieren würden. Die meisten Menschen adoptieren bevorzugt Kinder ihrer eigenen Rasse, und da in den USA Weiße statistisch gesehen mehr verdienen als Schwarze, wird die Nachfrage nach weißen Babies effektiv höher sein. Gleichzeitig sind mehr schwarze Kinder für eine Adoption verfügbar als weiße. Daher werden weiße Babies einen höheren Preis erzielen. Das scheint zunächst einmal mindestens geschmacklos.

Wir stellen dazu fest, das in der derzeitigen Situation, in der Eltern Adoptionsagenturen zwar bezahlen, den Müttern jedoch nur eine symbolische Entschädigung leisten dürfen, weiße Babies auch schon mehr kosten als schwarze. Die Wartezeiten für sie sind ebenfalls länger, was bedeutet, dass die non-monetären Kosten für weiße Babies jetzt schon höher sind. Wenn der Kritiker nicht in der Lage ist zu zeigen, dass ein weniger regulierter Markt diese Tendenzen verstärken würde, zeigt er nur, dass er keine wirklichen Einwände gegen eine Deregulation vorzubringen hat.

Soweit wir das beurteilen können, führt der Markt keine unmoralischen Vorzüge für bestimmte Hautfarben ein, sondern reflektiert nur eben solche unterliegende Präferenzen. Er reflektiert noch viele weitere unterliegende Probleme und Ungleichheiten wie beispielsweise, dass Schwarze aufgrund historischer Ungerechtigkeiten weniger verdienen als Weiße. Das Problem ist nicht der Markt. Der Markt bringt keine neuen Probleme, die nicht schon von Anfang an da waren.

Fazit:

Unterm Strich kommen die meisten Menschen, die sich etwas mit der Ökonomie von Adoptionsmärkten befasst haben, zu dem Schluss, dass es gute Argumente für einen solchen Markt gibt. Das bedeutet nicht zwingend, dass es einen unregulierten Markt auf diesem Gebiet geben sollte, aber überhaupt einen zu haben ist besser, als keinen zu haben. Trotzdem finden viele Leute diese Idee „eklig“ oder „abstoßend“. Wie Peter und ich im letzten Teil von Markets Without Limits schreiben, rührt die Ablehnung der Kommerzialisierung zu einem großen Teil von der Projektion dieser Abneigung her (d.h. Menschen projizieren ihre persönlichen Werturteile, Konventionen und Vorstellungen von Sitte und Anstand auf einen Bereich, der damit nichts zu tun hat. Die Frage, ob mir etwas zusagt, ist unabhängig davon, ob es legal sein sollte; ein klassischer Kategoriefehler – Anm. d. Ü.).

Dies ist eine Übersetzung von Daniel Issing. Der Artikel erschien ursprünglich hier.