Für vieles muss die „klassische“ Familie herhalten: Als Keimzelle der Gesellschaft (in eigentümlich frei [1]wird auch von dem „Garant des Erhalts der Gesellschaft“ gesprochen), als die „natürliche Umgebung“ für das Kind oder als Bastion gegen eine „Gender-Ideologie“. Ist das konservative Familienbild – Mann, Frau, Kinder – wirklich ein absoluter Wert, oder dient sie nur vielen Konservativen im Kampf gegen alles vermeintlich Neue, Ungewohnte, Fremde?

Die „klassische“ Familie – Auslaufmodell?

Im konservativen Milieu entdeckt man ziemlich festgefahrene Auffassungen von Familie und Kind. Vater und Mutter mit ihren biologischen Kindern gelten als Norm, an die sich jeder zu orientieren hat. Manch einer wünscht sich sogar alte Rollenbilder zurück: Der Mann geht zur Arbeit und die Ehefrau passt auf die Kinder auf. Sicher ist diese Erscheinungsform von Familie sehr häufig vertreten und auch hat sie ihre christlichen Wurzeln, jedoch kann sie nicht als Alleinstellungsmerkmal für eine funktionierende Familie dienen. Stand 2013 nimmt diese „klassische“ Form noch 70% aller Lebensgemeinschaften ein – Tendenz fallend[2].

Gegen diese Tendenz kämpft zurzeit Putins Partei „Einiges Russland“: Als Antwort auf die Regenbogenflagge der LGBT-Bewegung, hat sie eine Flagge zum Einsatz für die Familie entworfen – die „Hetero-Flagge“[3]. „Das ist unsere Antwort auf die gleichgeschlechtliche Ehe, auf die Verspottung des Konzepts der Familie. Wir müssen vor dem Schwulenfieber warnen und unsere traditionellen Werte unseres Landes verteidigen“, sagte Lisovenko, der Kopf der Moskauer Parteizentrale, der russischen Zeitung Izvestia. Geht es bei diesem Kampf wirklich noch um Liebe und Fürsorge oder eher um eine Angst vor Lebensformen und –stilen, die einem selber befremdlich erscheinen? Auch in Deutschland wird in der AfD wieder Politik für die „klassische Familie“ gemacht, während andere Lebensformen benachteiligt werden sollen.[4]

Die Ehe? Nicht so romantisch…

Die klassische Ehe fand sich ab dem 15. Jahrhundert[5] meist in einem Nutzenkalkül wieder. Nicht die gegenseitige Zuneigung war der Grund für die Ehe, sondern Besitz, Stand oder Einfluss. Diese Kriterien wurden auch weniger von den zwei Eheleuten, als vielmehr von deren Familien geprüft. Familien aus verschiedenen Ständen trafen ebenfalls seltener aufeinander. Je höher der Stand, desto schwieriger war es auch, einen geeigneten Partner zu finden.[6] In Zeiten politischer Unsicherheit war es wichtig, durch die Heirat Freunde und Verbündete dazu zu gewinnen. Ein weiteres typisches Hindernis für die Ehe war der Militärdienst, der in den jungen Jahren begann.

Bedenkt man, dass die Lebenserwartung nicht sehr hoch war, gab es anschließend nicht mehr viel Zeit, um eine passende Frau zu finden.
Wenn die Ehe einmal geschlossen wurde, hieß das ebenfalls nicht, dass sie auch lange währte. Zu hoch waren die Gefahren, dass einer der beiden Eheleute sterben konnte, als dass man von einer langen und harmonischen Ehe sprechen konnte. Der Tod lauerte in Form von Krankheit, Krieg oder einer hohen Muttersterblichkeit bei der Geburt eines Kindes. Die Familie bestand also gar nicht so oft aus Vater, Mutter und Kindern, vielmehr sorgten sich oft Bekannte und andere Familienmitglieder um die Kinder. Ein „klassischer“, also über lange Zeit fester, Familienbegriff ist das – de facto – also nicht.

„Gay Pheleps“ by Paul M. Walsh – Own work by Paul M. Walsh. Licensed under CC BY 2.0 via Commons – http://tinyurl.com/zcqjjep

Das Bild von der „klassischen“ Familie nahm erst Formen an, als marktwirtschaftliche und freie Strukturen in der westlichen Welt Fuß fassten. Durch Innovationen, vor allem in der Medizin, wurde das familiäre Zusammenleben, das wir heute kennen, erst möglich. Mit dem wachsenden Wohlstand ging auch eine höhere Lebenserwartung einher. Es wurde weniger auf dem Land und mehr in den Fabriken gearbeitet. Handel und ein bürgerliches Leben in den Städten waren nun üblich und die Familie konnte versorgt werden. Kinder konnten im Laufe des 19. Jahrhunderts in größerem Umfang in die Schulen geschickt werden, die anfangs auch durch Arbeiter- und Genossenschaftsverbände selbst organisiert wurden. Das Bild vom arbeitenden Mann, der oft schwere Tätigkeiten ausführen musste und der Frau zu Hause mit den Kindern wurde hier manifestiert.

Marktwirtschaft: Selbstbestimmung und – entfaltung

Dank hohem Wohlstand und vielen Möglichkeiten sind heute zahlreiche Varianten von Lebensgemeinschaften möglich. Genau wie die „klassische“ Familie sind sie Produkt der Marktwirtschaft und der offenen, liberalen Gesellschaft. Gleichgeschlechtliche Paare können Kinder adoptieren und sogar selbst bekommen – etwa durch eine Leihmutter oder durch künstliche Befruchtung. Auch andere Lebens- bzw. Vertrauensgemeinschaften sind denkbar. Der Liberalismus hat für eine Vielfalt des Zusammenlebens gesorgt. Man heiratet heute aufgrund gemeinsamer Interessen, nicht aufgrund passenden Standes oder Berufs. Zentral für das harmonische Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern sind die Zuneigung und das gegenseitige Vertrauen. Genauso wenig, wie man häusliche Gewalt und hierarchische Strukturen pauschal einer „klassischen“ Familie ankreiden kann, kann man pauschale Urteile gegen andere Lebensgemeinschaften heranziehen.

Konservatives Bauchgefühl

Man stelle sich vor: Ein oder sogar beide Elternteile sterben unerwartet und die Großeltern oder Bekannte der Familie nehmen sich der Erziehung an. Sie möchten den Kindern eine schöne Zukunft ermöglichen und kümmern sich um die Kinder, als wären es ihre eigenen. Das könnte beispielsweise die Großmutter sein, die die Kleinen zu Hause bei sich aufnimmt. Hier denken die meisten erst einmal an eine rührende Versorgung der Kinder. Möchte nun aber ein gleichgeschlechtliches Paar ein Kind adoptieren, das aus verschiedenen Gründen nicht bei den biologischen Eltern aufwachsen kann, werden oft erst einmal große Zweifel gehegt. Es wird gefragt, ob dies auch die „richtige Umgebung“ für ein Kind sei. Braucht das Kind nicht beide Geschlechter zu Hause? Hier bewirken unterschiedliche Bilder ganz unterschiedliche Bauchgefühle. Die herzliche Großmutter ist dann auch mal zweigeschlechtlicher als das lesbische Paar.

Familie sollte kein durchdekliniertes Konzept sein. Familie kann aus Mann, Frau und Kindern bestehen. Familie kann aber auch bedeuten, dass zwei oder mehr Menschen in großer Zuneigung füreinander – und auch für ein Kind – sorgen. Was zählt, sind keine romantisierten, verstaubten Ideale, sondern die Liebe, die die Menschen – jetzt auch wieder an Weihnachten – füreinander empfinden und die sie anderen Menschen mitgeben möchten.

 

Lesetipp: Homo-Ehe: Die Ehe ist Privatsache

 

[1] http://ef-magazin.de/2015/01/22/6272-idealbild-familie-ist-das-eine-wertung

[2] https://www.tagesschau.de/inland/familien-101.html

[3] http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/einiges-russland-stellt-hetero-flagge-vor-13693997.html

[4] http://www.alternativefuer.de/statements-der-spitzenkandidaten-der-alternative-fuer-deutschland-der-pressekonferenz-vom-30-juli-2014/

[5] R. M. Smith, Some Reflections on the Evidence for the Origins of the „European Marriage Pattern“ in England, Sociological Review Monographs

[6] The English Family, Ralph Anthony Houlbrooke, S, 63, S. 65 und S. 68