Als ich pünktlich zum Equal Pay Day mein altes Learn Liberty-Video  zur „Gender Pay Gap“ (d.h. den geschlechtsspezifischen Einkommensunterschieden, Anm. d. Ü.) auf Facebook postete, sorgte es für eine ganze Menge angeregter Diskussionen. Die Behauptung, dass diese Unterschiede zum Großteil nicht auf Diskriminierung zurückzuführen sind, sorgt immer für viel Wallung. Ich dachte daher, ich könnte diese Gelegenheit nutzen, um ein paar Dinge zu dem Thema zu sagen; wie auch zu der Art und Weise, wie Liberale und ihre Gesprächspartner darüber reden.

Eine Quelle der Verwirrung ist folgende: Viele verstehen nicht, was Ökonomen meinen, wenn sie von Diskriminierung auf Arbeitsmärkten und bei Löhnen sprechen. Wenn wir sagen, dass Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau größtenteils nicht auf Diskriminierung zurückzuführen sind, meinen wir: Männer und Frauen mit identischen Arbeitsmarkt-Eigenschaften und Jobvorstellungen werden in etwa das Gleiche gezahlt bekommen. Für uns ist von Interesse, ob die Löhne von diesen Variablen abhängen oder von der Vorliebe bzw. Abneigung des Arbeitgebers gegenüber bestimmten Gruppen, unabhängig von ihrer Arbeitsfähigkeit etc.. Um es etwas anders zu formulieren: Wir Ökonomen schlussfolgern vorläufig, dass Diskriminierung existiert, wenn ein Teil der Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen nicht auf Humankapital oder Berufsvorlieben zurückgeführt werden kann.

Halten wir fest, dass dies nichts darüber aussagt, ob es Sexismus in der Wirtschaft gibt. Wir sagen lediglich: Nur dann, wenn Unternehmer Menschen mit sonst gleichen Arbeitsmarkt-Eigenschaften (abgesehen vom Geschlecht) nicht das Gleiche zahlen, können wir annehmen, dass sie diskriminieren.

Diejenigen, die wie ich argumentieren, dass die „Gender Pay Gap“ nur zu einem kleinen Teil auf Diskriminierung zurückzuführen ist, bekommen oft vorgeworfen, lediglich ein „liberales“ Argument vorzubringen – als würden wir denken, der Markt sorge auf magische Weise dafür, dass Diskriminierung verschwindet. Tatsächlich ist dieser Schluss von den meisten Ökonomen gezogen, ob liberal oder nicht. Der Konsens ist, dass nur etwa 5 Cent pro Dollar nicht durch andere ökonomische Faktoren erklärt werden können. In anderen Worten: 75% der 23-Cent-Lücke (die eine Frau im Schnitt weniger bekommt, bezogen auf einen Dollar, den ein Mann verdient, Anm. d. Ü.) lassen sich durch solche Faktoren erklären. Das ist keine liberale Voreingenommenheit, es ist Konsens in der Literatur zu diesem Thema. Sogar eine kürzlich veröffentlichte Studie der American Association of University Woman (kaum liberal geprägt) über Studenten, die 2008 ihren Abschluss machten, kam zu dem Schluss, dass es zwar eine Lücke von 18 Cent gebe, aber nur ein Drittel davon nicht durch die üblichen Einflüsse erklärt werden kann. Anders gesagt lautete ihre Schlussfolgerung, dass nur 6 Cent der Lücke auf Diskriminierung zurückzuführen sein. Meine Argumentation gehört also zu den fest etablierten Erkenntnissen innerhalb der Ökonomie.

Wenn ich das Video nochmal aufnehmen würde, würde ich wohl den Ton etwas zurückfahren, der zu sehr in Richtung „es ist keine Diskriminierung“ geht. Die präzisere Aussage wäre folgende gewesen: es liegt „kaum“ an der Diskriminierung. Natürlich kann sogar das Auffinden eines bislang nicht erklärten Anteils an diesen Gehaltsunterschieden prinzipiell widerlegt werden. Ein Großteil der Literatur, die sich mit dem Phänomen beschäftigt, besteht aus Ökonomen, die so gut wie möglich versuchen, alle relevanten Humankapital-Faktoren einzubeziehen, um die Lücke besser erklären zu können. Die Debatte ist noch lange nicht am Ende.

Wie ich schon zuvor bemerkte: Selbst wenn sich die Lücke vollständig durch ökonomische Faktoren erklären ließe, heißt das nicht, dass es nicht irgendwo dennoch Sexismus gibt. Nehmen wir an, dass auf dem Markt exakt nach Humankapital und Berufswünschen gezahlt würde. Dann könnten dieses Humankapital und Präferenzen trotzdem das Ergebnis von Sexismus an anderen Stellen in der Gesellschaft sein. Angenommen, es gäbe ein Gesetz, dass es Frauen verbietet, an einer Universität zu studieren. Es wäre dann zumindest denkbar, dass Studien zur „Gender Pay Gap“ keine Hinweise auf Diskriminierung finden würden. Das niedrigere Humankapital von Frauen würde sich in diesem Fall in niedrigeren Löhnen wiederspiegeln. Trotzdem wäre die Tatsache, dass die Arbeitgeber nicht diskriminieren, kein Grund dafür, das Ende des Sexismus zu feiern. Was Leute wie ich zur „Gender Pay Gap“ sagen, ist, dass sie zum größten Teil nicht von sexistischen Arbeitgebern verschuldet wird. Auf dem freien Markt werden in der Regel Menschen nach ihren Fähigkeiten und Präferenzen bezahlt. Mehr behaupten wir nicht.

Für Liberale scheint das ein wichtiges Ergebnis zu sein, speziell dann, wenn die andere Seite argumentiert, dass man die Lage durch politische Maßnahmen verbessern könne. Der Versuch, die „Gender Pay Gap“ durch Lohnfestsetzungen oder Antidiskriminierungsgesetze zu eliminieren, wird nicht erfolgreich sein. Er könnte sogar in dem Maße zurückschlagen, wie diese Politik die Kosten der Einstellung von Frauen erhöht. Stattdessen könnten wir Liberale den Feministen bei ihrer Arbeit im kulturellen Bereich helfen. Eines der besten Dinge, die wir tun könnten, um das Gehalt von Männern und Frauen anzugleichen, wäre folgendes: Wir müssten dafür sorgen, dass Frauen nicht davon abgeschreckt werden, Fächer zu studieren oder sich Fähigkeiten anzueignen, die zu höheren Gehältern führen. Kleinen Mädchen zu erzählen, dass Mathe nichts für sie ist, trägt beispielsweise zur Herausbildung von Gehaltsunterschieden bei. Genauso könnten wir mehr tun, um Jungs zu ermutigen, typisch „weibliche“ Berufe zu ergreifen. Wir, und damit meine ich uns Männer, könnten mehr im Haushalt beitragen. Sofern hauptsächlich Frauen ihrer Karriere der Kinder wegen unterbrechen oder einen Großteil der „zweiten Schicht“ (Arbeiten im Haushalt nach dem regulären Arbeitstag, Anm. d. Ü.) übernehmen, wird auch ihr Gehalt niedriger bleiben. Wir können auch Druck auf Unternehmen aufbauen, flexiblere Arbeitszeiten anzubieten, um die Situation für Frauen mit Kindern leichter zu machen. Das alles sind Möglichkeiten, wie wir den Einfluss von Sexismus auf das Gehalt reduzieren können, ohne nach dem Staat zu rufen – selbst wenn wir der Meinung sind, dass es keine Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt gibt.

Zuletzt wollen wir Liberalen unsere feministischen Freunde vielleicht noch mit folgender Überlegung herausfordern: Angenommen, das Patriarchat existiert wirklich und Männer haben übermäßig großen Einfluss auf die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen. Warum sollte eine Feministin dann der Regierung vertrauen, Probleme wie die „Gender Pay Gap“ zu lösen? Selbst ohne die Annahme des „Patriarchats“ brauchen wir uns nur einmal die Erfolgsbilanz der Regierung im letzten Jahrhundert und davor ansehen. Woher nehmen wir die Zuversicht, dass sie sich nicht nur um die Interessen von Frauen kümmert, sondern sie auch effektiv durchsetzt? Sich gleichzeitig darüber zu beschweren, dass das Parlament von Männern dominiert ist und trotzdem zu glauben, dass die Bundesregierung der richtige Ansprechpartner für die Unterdrückung der Frauen durch Männer ist, scheint… problematisch. Und wenn Feministen damit einverstanden sind, dass der Ruf nach dem Staat nicht die Lösung ist, dann sind wir vermutlich ohnehin auf der selben Seite.

Das heißt: Wenn man argumentiert, dass Diskriminierung nur sehr wenig zur Erklärung der „Gender Pay Gap“ beiträgt, sagt man nicht, dass Sexismus damit nichts zu tun hat. Sexismus spielt eine Rolle, allerdings viel mehr in dem Stadium, in dem Humankapital aufgebaut und Präferenzen gebildet werden, als bei den Gehaltsentscheidungen der Unternehmer.

Aus dem Englischen übersetzt von Daniel Issing.
Das Original: http://bleedingheartlibertarians.com/2014/04/some-thoughts-on-equal-pay-day/