Ganzkörperkontrollen, Gefangenentransporte, Generalüberwachung – als Fußballfan hat man es heutzutage nicht leicht. Eigentlich verwunderlich, könnte man denken, ist der Fußball in den letzten Jahren doch zum unangefochtenen Sport- und Unterhaltungsevent Nr.1 aufgestiegen. Internationale Turniere binden die Aufmerksamkeit von Millionen und Abermillionen Fans, Zuschauern und Interessierten. Die Bedeutung der TV-Übertragung einschließlich der Sponsorengelder, die ihre Botschaften werbewirksam auf den Endgeräten sehen wollen, hat massiv zugenommen. Deshalb sind die Einnahmen aus den Stadionkartenverkäufen bei weitem nicht mehr so wichtig wie früher. Eine liberale Haltung bedeutet hierbei natürlich, dass sich das berechtigterweise durchsetzt, was am Markt am besten ankommt. Und wenn es das fernsehkompatible Premiumprodukt Fußball ist, dann ist das eben so.

Der Stadionbesuch wird zur grundrechtsfreien Zeit

Problematisch wird es genau dann, wenn diejenigen Fans, die noch zu den Spielen kommen, unter immer stärkeren Repressalien zu leiden haben. So ist es keine Seltenheit, dass Gästefans direkt am Bahnhof von schwer gepanzerten Polizisten abgefangen, kommentarlos in Busse gepfercht werden und oft extrem umständlich und langwierig zum Stadion gekarrt werden. Vorher nochmal durch die Stadt bummeln? – Fehlanzeige. Vorher nochmal urmenschlichen Bedürfnissen wie Hunger, Durst oder dem Toilettengang nachkommen? Gepäck, was man vielleicht gar nicht ins Stadion mitnehmen darf, in Schließfächern verstauen – Fehlanzeige. Auf dem Rückweg dasselbe Spiel. Unnötig zu erwähnen, dass mehrere Polizeieinheiten mit Kameras die eingekesselte Menge durchgängig aus diversen Perspektiven filmen. Einmal im Stadion angekommen, gehen die Repressionen weiter. Transparente mit Sprüchen und Meinungsäußerungen müssen vorher angemeldet und genehmigt werden, es kann also nach Lust und Laune zensiert werden. Dabei gelten Stadien – Hausrecht hin oder her – als Teil des öffentlichen Raums, also greift das Grundrecht auf Meinungsfreiheit.

Finger weg vom Gästekontingent!

Wenn es nach den Plänen von Ralf Jäger geht, können sich Auswärtsfans glücklich schätzen, wenn sie überhaupt ein Ticket für den Gästeblock ergattern. Denn der SPD-Politiker aus NRW will die Axt ans Gästekontingent setzen. Sind bisher 10% der Stadionkapazität üblich, soll es in Zukunft beliebig reduziert werden können, wenn die örtliche Polizei überlastet ist. Dabei dürfte die Rechnung „Viele Gästekarten = Hoher Polizeiaufwand ergo wenige Gästekarten = geringer Polizeiaufwand“ gar nicht unbedingt aufgehen. Es wurde in Nordrhein-Westfalen auch schon pilotweise getestet, die Polizistenzahl bei einzelnen Spielen deutlich zu reduzieren. Ergebnis: Sehr positiv. Klingt erstaunlich? Bei reduzierten Gästekontingenten dürften für die Polizei gänzlich neue Belastungen entstehen. Viele Fans und Fangruppen haben in der Vergangenheit zu Recht gegen solche Einschränkungen demonstriert. Diese Kundgebungen mussten natürlich auch polizeilich gesichert werden. Es ist zudem eine Kollektivstrafe für unzählige unbescholtene Bürger.

… bei Politikern, die in Fans schon lange keine mündigen Bürger mehr sehen, sondern bloß einen primitiven, gewaltgeilen Mob.

Oft sind es kleine Gruppen, die Streit und Krawall suchen. Dass durch diese Maßnahme genau die Chaoten keine Karten mehr bekommen, kann man wahrscheinlich auch nur glauben, wenn man ein SPD-Parteibuch hat. Viel eher ist es so, dass vielen friedlichen Fans die Freude am Stadionbesuch schon im Vorhinein zerstört wird. Und nicht zuletzt steigt durch kleinere Gästeblöcke das Gefahrenpotenzial vermutlich sogar. Gästeblöcke sind mittlerweile hermetisch abgeriegelt. Weichen Fans jetzt auf andere Stadionbereiche aus, kann es vermehrt zu Konflikten zwischen Heim- und Gästefans kommen. Dass durch solche Maßnahmen auch Stimmung und Emotionen aus den Stadien zunehmend verschwinden werden, das mag man gar nicht ansprechen bei Politikern, die in Fans schon lange keine mündigen Bürger mehr sehen, sondern bloß einen primitiven, gewaltgeilen Mob.

Legalize It

So soweit, so bedenklich. Aber ein Thema wurde noch gar nicht thematisiert, das vielleicht heikelste und umstrittenste Thema in den deutschen Fankurven: Pyrotechnik. Von den einen gefeiert als Stimmungsmacher und psychologischer Antrieb, von den anderen geschmäht als Teufelszeug und Gefahr für die öffentliche Ordnung. Worum geht es dabei eigentlich? Im Kern sind es bengalische Feuer, Stroboskopfackeln und Rauchtöpfe, die – vornehmlich in den Vereinsfarben – Fans und Mannschaft zu Höchstleistungen treiben sollen. Problematisch daran sind die üblichen Eigenschaften von Feuerwerk. Es wird extrem heiß, das Feuer kann zu Brandwunden und Sachschäden führen und im schlimmsten Fall auch zu panischen Reaktionen in eng gepackten Menschenansammlungen führen, wie sie in Gästeblöcken üblich sind. Doch die Fakten besagen, dass die Verletzungen aufgrund von Feuerwerk im Stadion zahlenmäßig äußerst gering sind. Zugleich ist nicht zu leugnen, dass seit Jahren in feuriger Regelmäßigkeit Pyrotechnik in Stadien abgebrannt wird, obwohl es Verbote und Kontrollen gibt.

Doch mit einem solchen Rahmenwerk kann sich die emotionale Wirkung voll entfalten bei gleichzeitig stark reduzierten Risiken.

Das pauschale Verbot von Pyrotechnik verfehlt also sein Ziel auf ganzer Linie. Und ähnlich wie bei Cannabis böte eine kontrollierte Legalisierung zahlreiche Vorteile. Deklariert man Bereiche eines Blocks als „Pyrozone“ und vergibt Pyropässe an vertrauenswürdige, dem Verein bekannte Fans, könnte man die Risiken des versteckten, heimlichen Abbrennens reduzieren. Bisher wird häufig in der Deckung einer Menschenmenge und verborgen zwischen brennbaren Fahnen und Transparenten gezündet, um Polizeiaufzeichnungen und der Identifizierung zu entgehen. Löschvorrichtungen wie Sandeimer würden zudem die Gefahren von ausglühenden und falsch funktionierenden Feuerwerkskörpern senken. Der Verein wüsste, wer zündet und die Fans wüssten, in welchen Bereichen Feuerwerk abgebrannt wird, sodass man bewusst diese Bereiche meiden kann. Der Umgang mit Feuerwerk erfordert immer Sorgfalt und Vorsicht. Doch mit einem solchen Rahmenwerk kann sich die emotionale Wirkung voll entfalten bei gleichzeitig stark reduzierten Risiken. Ein kontrolliertes Zünden von Pyrotechnik in extra deklarierten Bereichen würde ergo einen Sicherheitsgewinn bedeuten, der Allen zu Gute kommt.

Fanrechte verteidigen bedeutet Bürgerrechte verteidigen

In den letzten Jahren haben die Repressionen immer weiter zugenommen. Gelitten haben darunter Eckpfeiler einer liberalen Gesellschaft: Bewegungsfreiheit, Meinungsfreiheit, kreative Entfaltung. Ohne Zweifel gibt es in den Fankurven dieses Landes zahlreiche Chaoten. Fans, die den Fußball als Projektionsfläche ihres Hasses und ihres Drangs nach Gewalt missbrauchen. Doch eine freie Gesellschaft kann und muss mit solchen Ausreißern umgehen können. Anstatt die Verantwortlichen zur Verantwortung zu ziehen, geißelt man unzählige friedliche Fußballfans.

Denn Bürgerrechte enden nicht am Stadioneingang.

Wer eine freie Gesellschaft will, der streitet auch für Fanrechte. Dabei sind es– und dies gilt es nochmals am Ende dieses Textes zu betonen – keinerlei Privilegien und Sonderrechte, die hier eingefordert werden. Es sind grundsätzliche Bürgerrechte, die auch für Fans gelten müssen. Neben den Prinzipien, die für die Fans sprechen, sind es vor allem auch die pragmatischen Argumente, böse Zungen sprechen gar von Fakten, die manifestieren, dass allen Beteiligten geholfen wäre, wenn Fans endlich wieder als mündige Bürger Fußball erleben und Emotionen ausleben können. Denn Bürgerrechte enden nicht am Stadioneingang.