Neuseeland ist für viele ein Sehnsuchtsland. Bekannt als Mittelerde der “Herr der Ringe”-Filme kann man sich die majestätischen Landschaften vor Augen rufen, während man ein Glas neuseeländischen Rotweins genießt.  Weit weg – fast am anderen Ende der Welt – hält das Land viele vom persönlichen Besuch ab. Doch gerade unter Abiturienten – auch damals dem Autor – erfreut es sich seit jeher großer Beliebtheit als Auslandsjahr für Freiwilligendienste und Work & Travel.

Was macht die Faszination von Neuseeland aus? Für mich steht fest: Es sind die drei Werte Frieden, Liebe und Freiheit, die das Land wie kein anderes kombiniert.

Frieden

Aotearoa – das “Land der langen weißen Wolke”, so wird Neuseeland in der Sprache der eingeborenen Maori genannt. Bis etwa zum Jahr 1280 war Neuseeland ein Paradies des Friedens. Isoliert vom Rest der Welt grasten flugunfähige Vögel frei von Gefahren in den grünen Tälern. Weder Mensch noch Raubtier musste der Kiwi, der heute vom Aussterben bedrohte Wappenvogel Neuseelands, befürchten. Doch dann kamen polynesische Einwanderer von anderen Pazifik-Inseln. Sie intervenierten in das fragile Ökosystem, schleppten Säugetiere wie die Ratte mit ein und löschten innerhalb kurzer Zeit viele Tiere wie etwa den Moa aus – den einst größten Vogel der Welt.

Die Polynesier wurden zu Maoris – wie auch heute noch ihre eingeborenen Nachfahren genannt werden. Frieden gab es freilich keinen. Die Maoris bekriegten sich erst gegenseitig, und ab 1800 die weißen Siedler. 1835 kam es gar zum Genozid an der Bevölkerung der Moriori auf den benachbarten Chatham-Inseln. Doch Frieden, Liebe und Freiheit sollten bald danach auf Neuseeland einziehen.

Das Land profitiert auch von der Masseneinwanderung aus Europa. Keine 250 Jahre später ist Neuseeland wieder ein Land des Friedens. Seine gesellschaftliche Stabilität wird dabei allenfalls durch gelegentlich auftretende Erdbeben ins Wanken gebracht. Sonst genießen 50 Millionen Schafe, 12 Millionen Kühe und knapp 4 Millionen Einwohner ungestört die Reize, die ihnen ihr Land zu bieten hat.

Liebe

Die Liebe der Neuseeländer zeigt sich beispielsweise in dem Brauch “Hongi”, einem Zeichen der Liebe in Neuseeland. Der Hongi ist ein Nasenkuss und die intime Begrüßungsformel der Maori. Diese haben die Liebe auch fest in ihren Sagen verankert. Was bei fremdländischen Gästen etwa für Erstaunen sorgt, ist der längste Ortsname der Welt, am dem der Gott Tamata Flöte für seine Geliebte spielte: Taumata­whakatangihanga­koauau­o­tamatea­turi­pukaka­piki­maunga­horo­nuku­pokai­whenua­ki­tana­tahu.

Freiheit

Doch bei aller Liebe und Frieden – ist Neuseeland auch frei? Schenkt man dem Freedom House Index glauben, in dem Neuseeland seit Jahren an der Spitze vertreten ist, lässt sich eine hohe politische Freiheit vermuten. Und auch wirtschaftlich muss sich das Land nicht verstecken, wie der Heritage Index of Economic Freedom belegt. Tatsächlich gibt es kein anderes Land der Welt in der man leichter und schneller ein Unternehmen starten kann. Die Kombination aus großer politischer wie auch wirtschaftlicher Freiheit macht Neuseeland einzigartig.

Gerade europäische Staaten können dabei viel von Neuseeland lernen.  Als primärer Agrar-Exporteur für Großbritannien einst mit großem Wohlstand und noch größerem Wohlfahrtsstaat gesegnet, hatte Neuseeland ab den 70ern mit riesigen Problemen zu kämpfen, weil das Vereinigte Königreich der Europäischen Wirtschaftszone beigetreten war. Dies führte zu heftiger Inflation, Arbeitslosigkeit und einem raschen Sinken der Lebensqualität.

Ausgerechnet eine Labour-Regierung nahm sich 1984 den Problemen an und deregulierte und privatisierte das Land gründlich.

Ausgerechnet eine Labour-Regierung nahm sich 1984 den Problemen an und deregulierte und privatisierte das Land gründlich. Unter den auf Ideen eines freien Marktes basierenden Reformen des damaligen Finanzministers Roger Douglas wurde das Land wieder wettbewerbsfähig – zur gleichen Zeit wie Thatcher in Großbritannien und ‘Reagan in den USA. Der Spitzensteuersatz von 65% wurde auf 33% halbiert, weitere Steuern abgeschafft, sämtliche Agrarsubventionen gestrichen, Kapitalverkehrskontrollen beendet und das Land für Auslandsinvestitionen geöffnet. Gleichzeitig erklärte die Regierung Neuseeland zur Nuklearwaffen-freien Zone, liberalisierte seine Einwanderungspolitik und stärkte die Bürgerrechte.

Da fragt man sich im Angesicht der Krise in Europa, warum man nicht die Erfolgsgeschichte Neuseelands wiederholt? Doch in Europa steigen die Steuern, steigen die Subventionen, beginnen die Kapitalverkehrskontrollen und der Protektionismus greift um sich. Gleichzeitig stürzt man sich in selbst verursachte Kriege, macht daraus resultierenden Flüchtlingen das Leben schwer und instrumentalisiert die Angst vor dem Terror noch zur Beschneidung der Bürgerrechte.

Ein Land, das nicht nur frei, sondern auch voll von natürlicher Schönheit, freundlichen Menschen und aufregenden Aktivitäten ist.

Geschichte wiederholt sich – heute leider unter umgekehrten Vorzeichen. Neuseeland hat selbst den Sprung aus einer Krise geschafft, in der viele europäische Staaten wohl noch lange stecken werden. Ein Besuch im Land der langen weißen Wolke könnte sich lohnen um Inspiration zu finden. Inspiration nicht nur über Fall und Aufstieg einer kleinen Nation, sondern die Realität des Lebens in einem der freiesten Länder der Welt. Ein Land, das nicht nur frei, sondern auch voll von natürlicher Schönheit, freundlichen Menschen und aufregenden Aktivitäten ist. Jedem Politiker sei metaphorisch der in Neuseeland erfundene Bungee-Jump ans Herz gelegt. Mutig ins Ungewisse zu springen mit der Gewissheit, dass die mit ihr fest verbundenen Ideen der Freiheit für eine heile Ankunft sorgen.