Ich schiebe mal vorsichtshalber vorweg: Es ist grauenvoll, was diesen Frauen passiert ist; die Täter müssen gefunden und bestraft werden; und nein, man sollte nicht alle Flüchtlinge in einen Topf werfen. Sowas sollte man mit Menschen generell nicht tun – Töpfe sind einfach zu klein.

Vielleicht lese ich die falschen Zeitungen – aber das Übermaß an tendenziöser Berichterstattung zum „Silvester Sexmob“ ist mir bisher entgangen. Ich habe von „nordafrikanisch aussehenden Männern“ gelesen und von schlechter Polizeiarbeit, von Vertuschung durch die Verantwortlichen Polizeifunktionäre und sehr viel darüber, dass man jetzt nicht alle Flüchtlinge in einen Topf werfen darf.

Auf feministischen Blogs und Facebookbeiträgen habe ich aber mehrfach gelesen, der Vorfall würde massenhaft für Rassismus missbraucht. Einige Menschen tun das. Aber eine Mehrheit solcher Beiträge ist mir bisher noch nicht aufgefallen. Vielmehr stören mich einige Reaktionen von feministischer Seite. Die Kernaussage hat eine Bekannte auf Facebook treffend zusammengefasst:

Deutsche können auch so sein!

Artikel über sexuelle Gewalt beim Oktoberfest, in Diskos und zu Karneval tauchten reihenweise in meinem Facebook-Feed auf. Die deutsche Gesellschaft scheint eigentlich selbst Schuld zu haben: Prostitution, Pornografie, leicht bekleidete Frauen in der Werbung. In all dem finden verschiedene Feministinnen Gründe für den „Sex-Mob“, die „Gang-Bang Party“ an Silvester. Eine der krassesten Aussagen hierzu lieferte Mira Sigel auf dem Blog Störenfridas.

Und dann wundern wir uns ernsthaft, dass Männer, die aus einem anderen kulturellen Kontext kommen, nicht gleich verstehen, dass man als guter Deutscher Frauen nur in dunklen Seitengassen, in der U-Bahn, im Karneval, im Puff, in den eigenen vier Wänden und auf dem Fernsehbildschirm belästigt und missbraucht, nicht aber in Gruppen und auf öffentlichen Plätzen? Kommt schon. Ein wenig Zeit müssen wir der Integration schon lassen. Dann werden sicher auch ausländische Täter wissen, wie man sich Frauenkörper mit Gewalt bedient, ohne vor Gericht zu landen. Millionen deutsche Männer machen es ihnen jeden Tag vor – legal und straffrei.

Mira Sigel auf Störenfridas

 

Hengameh Yaghoobifarah versucht es in ihrem taz-Artikel mit Angst-Rethorik. Sie beschreibt den Alltag von Frauen als Spießrutenlauf. Als Stolpern von einer gefährlichen Männergruppe zur nächsten.

Laute Typengruppen bedeuten einen Straßenseitenwechsel, das bereite Handy für die Notruf-Schnellwahl, zwischen den Fingern zu einem Schlagring aufgestellte Schlüssel und viel Herzrasen. Sexualisierte Übergriffe haben sich in den Alltag normalisiert, all diese Maßnahmen sind zur Routine mutiert. Denn Frau sein bedeutet leider, in ständiger Angst vor Gewalt leben zu müssen.

Hengameh Yaghoobifarah in der taz

 

Auf dem Blog Mädchenmannschaft wünscht sich Autorin Hanna C. eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie zählt eine ganze Reihe verschiedener Gender auf, die sie gern als Teil der Debatte sehen möchte:

Es wird “der muslimische Mann” in den Fokus gerückt und wieder einmal ist “der deutsche Ehemann und Vater”, der vielleicht nicht einmal tatsächlich auch ein Mann sondern ein Nongender, Agender, ein was auch immer ist, aus dem Kreis möglicherweise problematisch gewaltlegitimierend sozialisierter Personen gestrichen.
Und wieder einmal sind es weiße deutsche Frauen, die als Schutzobjekt herhalten müssen. Wieder geht es nicht um geflüchtete Frauen, behinderte Frauen, Frauen, die nicht als weiß und deutsch kategorisiert werden, die zu Frauen erklärten Personen, die Transfrauen und und und, die, alle jeden Tag, mit Gewalt konfrontiert sind, die manchmal mit, manchmal ohne physische Spuren bleibt.

Hanna C. bei Mädchenmannschaft

 

Woher kommen diese Beiträge?

Ich würde einiges verstehen. Wütende Artikel über das deutsche Rechtssystem, das den Straftatbestand der „sexuellen Gewalt“ nicht kennt; das Vergewaltiger lasch bestraft und Opfer oft alleine lässt. Laute Forderungen nach mehr Anlaufstellen für die Opfer. Wut auf die Polizisten, die die Frauen nicht beschützen konnten. Großangelegte #Aufschrei-Aktionen. Gifttriefende Texte über eine arabische Macho-Kultur…

Aber das? Diskussionen über Grapscher am Oktoberfest und zum Karneval? Schimpfe über eine Debatte, die nicht alle Gender berücksichtigt? Hinweise darauf, dass man als Frau sein Leben lang in Angst durch die Straßen geht?

Das hilft niemandem. Es wird auch dem Vorfall nicht gerecht. Wenn ich als Frau an Karneval oder am Oktoberfest nicht mit idiotischen Grapschern rechne, bin ich naiv. Dass das nicht so sein sollte, steht auf einem ganz anderen Blatt – den Kampf gegen alltäglichen Sexismus führen Feministinnen glücklicherweise schon lange und immer erfolgreicher. Dass ich nicht aus der Bahn aussteigen kann, ohne ein Vergewaltigungsopfer zu werden, ist neu.

Männer sind Schweine?

„Männer sind Schweine.“ Das ist interessant und da die Ärzte es gesungen haben, wird es wohl auch stimmen. Aber es bringt uns keiner einzigen Frage zum Thema Köln näher. Die Damen können noch so oft betonen, dass der deutsche Familienvater ebenfalls ein potenzieller Vergewaltiger ist. Wenn es um einen Fall geht, in dem nach bisherigem Wissensstand Migranten und Asylsuchende zu einem großen Anteil die Täter sind, verfehlen sie den Kern der Sache. Selbiges gilt für den kurzen Pop-up der Gender-Diskussion.

Möglicherweise ist es das, was den Feminismus so unbeliebt macht, dass die Google-Suche nach antifeministischen Blogs schon knapp 400.000 Treffer liefert. Feministinnen machen es sich einfach: Die Gesellschaft ist Schuld. Männer sind eben so. Sie verunglimpfen die freie Gesellschaft als sexistischen Sündenpfuhl.

Die Lösung scheint ebenso einfach: Der Sex muss aus der Gesellschaft. Sex in der Werbung, Pornos und Prostitution sollten verboten sein. Eine Frau sollte nackt auf die Straße gehen können und sicher sein, dass niemand sie anstarrt, anspricht oder berührt.

Aber damit wird sich kein einziges Problem lösen lassen. Daraus lässt sich nicht einmal ein wertvoller Debattenbeitrag machen.