Jeder von uns diskriminiert! Manchmal können wir gar nichts dagegen tun. Manchmal sind wir selbst Opfer unserer Diskriminierung. Was zählt ist, was wir daraus machen…

Diskriminierung bezieht sich nicht nur auf Frauen: Minderheiten, Rassen, politische Gruppierungen, Glaubensgemeinschaften, Familienmodelle, Geschlechter: überall wird gruppenbezogene Benachteiligung kritisiert. Anti-Diskriminierungsgesetze sind für Betroffene meist nicht hilfreich. Diskriminierung lässt sich schwer nachweisen. Und es ist nicht ganz klar, wann beispielsweise eine Auswahl nach dem Geschlecht legitim ist und wann nicht. Warum darf eine WG nur Frauen zur Bewerbung einladen, ein Unternehmen aber nicht?

Diskriminierung geht in erster Linie von Einzelpersonen aus. Sie entspringt der persönlichen Einstellung eines Menschen. Wir alle folgen solchen Einstellungen – niemand ist vorurteilsfrei.

Du diskriminierst!

Tatsache ist, dass jeder von uns Diskriminierung erfährt. Tatsache ist aber auch: Wir alle diskriminieren! Man denke an Jugendgangs in den USA, die sich systematisch nach Herkunft und Hautfarbe bilden. Sie diskriminieren jeden, den sie nicht als Mitglied der eigenen Gruppe akzeptieren. Auch Frauen diskriminieren. Feministische Vereinigungen weisen immer wieder darauf hin, wie gefährlich der durchschnittliche Mann für Frauen ist. Einige Beispiele dafür habe ich bei den letzten Herdgesprächen gezeigt.

Wir alle haben unterbewusst Vorurteile und Stereotype gespeichert. Wir brauchen sie, um uns in der komplexen Welt zurecht zu finden. Unser Gehirn ordnet Menschen aufgrund äußerer Merkmale automatisch zu. Meist sind wir uns nicht einmal bewusst, dass es diese Schubladen gibt.

Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge bemerkst du nicht? Matthäus 7, Vers 2

Letztlich zählt, wie sehr wir uns von diesen unterbewussten Vorurteilen leiten lassen. Der Einfluss von unterbewussten Einstellungen wird geringer, wenn wir uns dieser Einstellungen bewusst sind. Jeder Einzelne von uns kann die Diskriminierung schon eingrenzen, indem er sich selbst beobachtet und die eigenen Urteile kritisch hinterfragt.

Wirst du wirklich benachteiligt?

Es sind nicht nur unterbewusste Stereotype, die das Problem der Diskriminierung vergrößern. Wir laufen Gefahr uns auch selbst in diese Stereotype einzuordnen. So entstehen Glaubenssätze über uns: beispielsweise sind wir sicher zu wissen, wie andere über uns denken. Oft übertragen wir die Meinung, die wir von uns selbst haben, damit auf andere. Auch diese Meinung ist oft tief in unserem Unterbewusstsein vergraben. Ein Beispiel:

Ich selbst halte mich für eine aufgeklärte und selbständige, moderne junge Frau. Vor Kurzem musste ich feststellen, dass ich unterbewusst eine andere Überzeugung vertrat: „Ich bin dafür verantwortlich, dass die Wohnung sauber ist!“ Mein Kopf war sich dessen sicher. Ich konnte nicht ruhig sitzen bleiben, wenn mein Freund begann irgendetwas aufzuräumen. Im Anschluss habe ich mich darüber geärgert, dass er kein Problem damit zu haben schien sich zu entspannen, wenn ich begann sauber zu machen. Ergo: Er war schuld. Völlig logisch… Seit ich diesen albernen Glaubenssatz aufgedeckt habe, kann ich deutlich besser damit umgehen, wenn mein Liebster aufräumt während ich noch lese oder arbeite.

Einige dieser Glaubenssätze führen dazu, dass wir uns selbst öfter diskriminiert fühlen. Es gilt das gleiche wie bei unseren Vorurteilen: Wenn wir uns ihrer bewusst sind, können wir den Effekt eindämmen. Es macht also Sinn, nach solchen Einstellungen zu suchen und bewusst einen positiven Ersatz zu formulieren.

Erwartest du Diskriminierung?

Wer nach Situationen sucht, in denen er benachteiligt wird, der wird sie auch finden. Es greift der psychologische Effekt des Confirmation Bias, den meine Kollegin Mareike hier wunderbar beschreibt:

„Weil wir versuchen unser eigenes Selbstbild zu erhalten, neigen wir dazu, uns vor allem mit Meinungen zu konfrontieren, die unserer eigenen entsprechen oder nur marginal abweichen.“

Mareike König

Bei einigen Fällen von Diskriminierung handelt es sich um selbsterfüllende Prophezeihungen. Wenn wir glauben, diskriminiert zu werden, tut unser Gehirn alles dafür, dass wir recht haben. Die Folge: wir interpretieren Situationen schneller als strukturelle Benachteiligung. Entsprechend findet sich auch keine andere Lösung als zu schmollen oder der kraftraubende Versuch, die „Gleichberechtigung“ vor Gericht durchzufechten. Damit schreiben wir uns selbst eine Opferrolle auf den Leib.

Starke Frauen gegen Diskriminierung

„Ich werde diskriminiert“ ist für Frauen deshalb kein Grund, sich zurückzulehnen. Es ist der einfache Weg, eigenen Misserfolg oder Ablehnung einer systematischen gesellschaftlichen Benachteiligung zuzuschreiben.

Viel schwieriger ist es sich zu fragen, was man selbst tun kann, um die eigene Situation zu verbessern. Wer das Gefühl hat, als Frau schlechter bezahlt zu werden, kann um ein höheres Gehalt verhandeln. Ich stehe mittlerweile selbst im Arbeitsleben und weiß, dass das zwar schwierig aber möglich ist.

Mir ist bewusst, dass es auch reale Diskriminierung gibt und es ist gut, dass sich unsere Gesellschaft damit auseinandersetzt. Ich stimme mit dem überein, was Karen Horn zu dem Thema schreibt: Das richtige Mittel ist die soziale Ächtung. In Deutschland steht eine große Mehrheit hinter Frauen, die aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt werden.

Trotzdem sollte der erste Weg nach innen führen: Einen Idioten, der glaubt, Frauen seien weniger wert als Männer, können wir nicht ändern. Aber wir können beeinflussen, wie wir damit umgehen.