Wenn man Leute fragt, was sie über Indonesien wissen, haben sie meist das Bild eines dicht besiedelten Dritte-Welt-Landes vor Augen. Eine größere tropische Inselgruppe, in dem die Leute immer noch im Regenwald leben. Und natürlich denken sie an die Tourismus-Hochburgen wie die Insel Bali.
Aber nachdem ich den Großteil meines Lebens in Indonesien verbracht habe, kann ich mit Sicherheit sagen, dass es noch sehr viele andere Dinge über Indonesien zu entdecken gibt als nur diese Klischees – sogar einige wertvolle Lektionen, wenn es um wirtschaftliche Entwicklung geht und die Rolle, die Marktreformen dafür spielen.
Indonesien ist mit seinen 250 Millionen Einwohnern zum Wirtschaftsmotor Südostasiens geworden, darauf deutet zumindest hin, dass Indonesiens Wirtschaft im Vergleich zu den G20 Staaten nach China am schnellsten wächst.

Belebte Straßen, fleißige Händler

Ich erzähle euch eine Anekdote, damit ihr versteht worauf ich hinaus möchte. Die einfachste Art, in Indonesien seinen Hunger zu stillen, ist es, zu einem der unzähligen Händler zu gehen, die in der ganzen Stadt verteilt auf den Straßen ihre Waren feilbieten. Versteckt zwischen den riesigen Wolkenkratzern Jakartas verkaufen sie in den Nebenstraßen eine große Auswahl an Mahlzeiten, wie gebratenen Reis, Haferbrei, Huhn oder frittierten Wels.

Einer meiner Lieblingsverkaufsstände wird von einem Mann namens Budi betrieben, ein kleiner, 39-jähriger Mann mit scharfem Blick. Es mag schwer sein, sich vorzustellen, dass Budi sich so seinen Lebensunterhalt verdienen kann – aus einem kleinen Dorf Indonesiens stammend, ohne jegliche Bildung – und das in einer so großen Stadt – die Metropolregion Jakarta ist die zweitgrößte der Welt mit insgesamt satten 30.2 Millionen Menschen. Aber allen Erwartungen zum Trotz hatte er mit seiner Geschäftsidee, frittierten Wels zu verkaufen, großen Erfolg. Seine Kunden stammen aus allen denkbaren sozial-ökonomischen Schichten, von Leuten, die auf ein altes Fahrrad angewiesen sind, bis hin zu höheren Büroangestellten, die sich europäische Sportwagen leisten können.

Straßenhändler in Jakarta. Foto: Gunawan Kartapranata, https://tinyurl.com/ycd7ew98

Der Gewinn, den er mit seinem Stand macht, wird zum Teil dafür genutzt, Kindern in seinem Heimatdorf eine schulische Bildung zu ermöglichen. Auf meine Frage, warum er das mache, antwortete er:

„Früher war es noch sehr schwer, irgendwie in den Genuss vernünftiger Bildung zu kommen, wenn man nicht gerade aus einem reichen Elternhaus kam. Die Regierung hilft einem auch überhaupt nicht (Anm. d. A.: Es gibt keine Subventionen im Bildungsbereich). Und die Leute können auch nicht darauf warten, bis sie es vielleicht doch macht. Also, warum sollte ich dann nicht den ersten Schritt machen und versuchen anderen zu helfen?“

Budi ist dabei auf keinen Fall eine Ausnahme: In Indonesien gibt es viele dieser Menschen, selbständige Geschäftsleute im informellen Sektor, die aus kleinen Dörfern in die größeren Städte wie Jakarta zogen, um dort als Straßenhändler zu arbeiten und jeglichen überschüssigen Gewinn direkt nach Hause schicken, um ihre Familien und Freunde zu unterstützen. (Anm. d. R.: Der informelle Sektor umfasst wirtschaftliche Aktivitäten, die nicht staatlich registriert und kontrolliert sind. Sie verfügen über keinen staatlichen Schutz)

Ziel der staatlichen Willkür

Tatsächlich besteht die Wirtschaft Indonesiens zu ca. 60% aus diesem Informellen SektorAuf der Straße erzählt man sich, dass „man in Indonesien heute ganz einfach ein Geschäft aufziehen kann, indem man gebratenen Reis verkauft. Und wenn man pleitegeht, fängt man morgen neu an und verkauft dann eben doch Haferbrei.“ Leider gibt es große Bedrohungen für die Glücksuchenden. Aufgrund ihres ungeklärten rechtlichen Status werden sie häufig Opfer willkürlicher Erpressungen durch Regierungsbeamte. Wer nicht sofort zahlen kann, riskiert die Zerstörung seines Standes, unbeachtet sogar der grundlegendsten Eigentumsrechte. Auch Budi selbst war schon Opfer dieser ruchlosen Überfälle:

„Von den 10 Jahren, die ich diesen Stand betreibe, stand ich 5 Jahre kurz vor der Räumung. Einmal haben sie auch meinen Stand abgerissen, obwohl ich die Erpressungsgelder immer bezahlt habe“.

Ähnlich wie in anderen Entwicklungsländern sind die Regierungsangestellten selten sehr gesetzestreu, während die Korruption boomt.

Mobile Küche. Foto: CEPhoto, Uwe Aranas, https://tinyurl.com/y9eshq4t

Warum, so fragt man sich vielleicht, melden Budi und seine Kollegen ihre Stände nicht einfach an, um der rechtlichen Grauzone zu entgehen? Ohne Zweifel würden sie dies gerne tun, nur leider ist genau das nicht so einfach. Exzessive Regulierungen sind schon sehr lange Teil der indonesischen Bürokratie, sodass man unzählige Genehmigungen benötigt, bevor man sein Geschäft wiederaufnehmen darf. Das Ergebnis: Für den durchschnittlichen Verkäufer ist die Variante des Nichtanmeldens, mit all seinen offensichtlichen Nachteilen, immer noch die günstigere. Bestätigt wird dies auch in den Daten, die die Heritage Foundation in ihrem jährlichen Bericht Index of Economic Freedom zusammenfasst. Indonesien befindet sich auf Platz 84, weit abgeschlagen hinter den Nachbarländern Malaysia, Singapur oder den Philippinen. Obwohl Eigentumsrechte in Indonesien geachtet und auch respektiert werden, ist die Durchsetzung dieser ineffizient und unzuverlässig, schon das Anmelden von Eigentum kann sehr schwierig sein. Die Justiz hat in einigen Fällen ihre Unabhängigkeit demonstriert, trotzdem ist das Gerichtswesen von Korruption und anderen Versuchungen durchzogen.

Unternehmerisches Potential an Ketten gelegt

All das erinnert mich an die Arbeit des peruanischen Ökonomen Hernando De Soto, vor allem an seine Sichtweise auf das, was er als totes Kapital bezeichnet. „Totes Kapital“ ist de Sotos Begriff für Vermögenswerte, die weder einfach an- und verkauft, noch bewertet oder als Investition genutzt werden können. Ein gutes Beispiel dafür sind die Slums: Die Armut dieser Menschen sticht so hervor, dass man stark unterschätzt, wie viel Eigentum diese Menschen trotzdem haben. Aber diese Besitztümer kommen keinen verwertbaren Gütern gleich. Totes Kapital kann für die Armen kein Wert darstellen.

In den OECD Ländern gibt es bekanntlich andere Standards: Sie alle haben Richtlinien, Urkunden und Register entworfen – zur Sicherung von Eigentum und Immobilien wie Geschäfte und Wohnungen. De Soto behauptet, dass genau das größtenteils dafür sorgt, dass einige Länder reich sind, während andere in der Armut festsitzen. Oder, in seinen eigenen Worten:

„Mit Urkunden, Aktien und Eigentumsgesetzen würden die Menschen auf einmal ihre Habseligkeiten nicht mehr nur als das sehen, was sie sind – Häuser als Unterkünfte – sondern als die Dinge, die sie sein könnten, wie Sicherheiten für Kredite oder um ihre Geschäfte zu erweitern“.

Hiernach hätten ärmere Länder es selbst in der Hand, für eine wohlhabendere Zukunft zu sorgen. Sie weigern sich aber, die notwendigen Reformen durchzusetzen.

Die Lage in Indonesien ist zwar nicht ansatzweise so düster wie in anderen Teilen der Welt, dennoch liegt viel ungenutztes Potential brach. Viele Kleinunternehmer aus dem Informellen Sektor können die rechtlichen Hürden, um ihr Geschäft auszuweiten und auf die nächste Stufe zu bringen, nicht überspringen. Banken verhalten sich sehr restriktiv im Verleihen von Geld an diese Unternehmer, da sie nicht die Sicherheit bieten, die Kreditinstitute erwarten. So entsteht ein Teufelskreis. Die Unternehmer werden durch übertriebene Regulationen und Rechtsunsicherheit davon abgehalten, sich zu entwickeln, und da sie so keine Perspektive haben, finden sie auch keine Kreditgeber, die ihnen helfen könnten, die rechtlichen Barrieren zu überwinden.

Hoffnung für die Zukunft?

Zusammengefasst ist es nicht sehr überraschend, dass liberale Reformen, vor allem in Bezug auf Marktwirtschaft, Recht und Schutz des Eigentums sowie eine abgespeckte Regierung, zum Hoffnungsträger von Indonesiern wie Budi geworden sind. Tatsächlich gibt es zurzeit endlich einige schon lange überfällige Reformen der Bürokratie, die von Kleinunternehmern vorangetrieben wurden. Viele größere Städte in Indonesien haben bereits Gesetze überarbeitet, die die Erpressung von Straßenhändlern erlaubten. Außerdem wurden einige formale Hürden zum Anmelden eines Unternehmens gesenkt. Es ist immer noch ein langer Weg, aber der liberale Wandel in der Wirtschaftspolitik lässt die Händler neue Hoffnung schöpfen.

 

Dies ist eine Übersetzung von Marvin Schwerter.