König Ödipus, der tragische Held im gleichnamigen Drama des Sophokles und Mythos der griechischen Antike, wurde vom Psychologen Sigmund Freud zum Namensgeber seiner zentralen Triebtheorie auserkoren: Der Ödipus-Komplex. Dem unglücklichen Ödipus, der, ohne es zu wissen, seine eigene Mutter heiratet und mit ihr Kinder zeugt, attestiert Freud ein unterbewusst inzestuöses Verlangen. Geht es nach Freud, haben wir das alle: Jungs begehren ihre Mutter, Mädchen ihren Vater. Das faszinierende Totschlagargument liefert Freuds Theorie gleich mit: Negiert man das Begehren, verdrängt man es. Bei diesem Aushängeschild: Kein Wunder, dass es viele Leute gibt, die Psychologie nicht als Wissenschaft ernst nehmen. Es gibt sie aber, die spannenden und hilfreichen Theorien aus der (empirischen) Psychologie, die menschliches Verhalten nachvollziehbar, vorhersagbar und manipulierbar machen. Die Nachteile im Vergleich zur Freud’schen Theorie: Sie haben selten etwas mit Sex zu tun und sind meist ziemlich kompliziert. Vielleicht kann eine ordentliche Portion Realitätsbezug das kompensieren? Ich starte den Versuch. Heute mit der Erklärung des Phänomens Lügenpresse.

 

Eine Sache vorweg: Es geht in diesem Beitrag nicht darum, offensichtliche Verfehlungen im journalistischen Bereich kleinzureden oder zu rechtfertigen. Wenn Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks tatsächlich auf politische Weisung hin Tatsachen verschweigen, dann ist das nicht zu entschuldigen. Die Diskussion dazu gehört für mich aber unter die Streitthemen „Ethik im Journalistenberuf“, „Staatsfunk“, „Unabhängigkeit der medialen Berichterstattung“ oder im weitesten Sinne auch „Korruption“. Es gilt: Je größer die Verfehlung eines Journalisten oder eines Mediums, desto mehr sollten wir uns davor hüten, den Begriff „Lügenpresse“ auszupacken. Jede ernsthafte Diskussion würden wir damit karikieren.

Denn „Lügenpresse“ bezeichnet ein anderes Phänomen. Mindestens alle „Mainstream-Medien“ werden kollektiv der Lüge bezichtigt. Völlig egal ob Fakten- oder Meinungsbeiträge in Print, Radio und TV: Alles gezinkt, erstunken und erlogen. Und am allerschlimmsten? Gelenkt und kontrolliert von grün-linken Gutmenschen und Freunden Amerikas! Am Ausmaß dieser Massenparanoia hätte übrigens auch Freud seine helle Freude gehabt. Wie kann es sein, dass die „Lügenpresse“-Rhetorik auf so fruchtbaren Boden fällt?

Der Begriff „Lügenpresse“ karikiert jede ernsthafte Diskussion über die Verfehlungen von Medien.

Die Sozialpsychologie kennt den hostile media bias. Er beschreibt das Phänomen, das Menschen, die eine bestimmte Meinung oder Haltung zu einem Thema haben, die Berichterstattung zu diesem Thema als unausgewogen und einseitig wahrnehmen. Angenommen ich wäre der festen Überzeugung, Migranten und Asylsuchende hätten ein höheres Gewaltpotenzial als Deutsche: Bei jeder Meldung über eine Massenschlägerei in Fußballstadien mit Beteiligung deutscher Hooligans würde ich einen fehlenden Hinweis darauf, dass es in Flüchtlingsunterkünften mitunter auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, monieren (natürlich haben beide Sachen nichts miteinander zu tun, mir wäre es in dem Moment nur wichtig, die Information relativiert zu sehen: die Ausländer machen das aber auch!). Gleichzeitig käme mir bereits die Bemerkung, dass vor allem die Lebensumstände in einer Flüchtlingsunterkunft dort ursächlich für das Auftreten von Massenschlägereien sind, tendenziös vor (in diesem Kontext ist die Verknüpfung durchaus bedeutsam, weil ein kausaler Zusammenhang besteht). Nieder mit der Lügenpresse!

Menschen, die eine bestimmte Meinung zu einem Thema haben, nehmen die Berichterstattung zu diesem Thema als unausgewogen und einseitig wahr.

Die Phänomen self serving bias und confirmation bias beschreiben eine weitere Verhaltenstendenz: Weil wir versuchen unser eigenes Selbstbild zu erhalten, neigen wir dazu, uns vor allem mit Meinungen zu konfrontieren, die unser eigenen entsprechen oder nur marginal abweichen. Wir erlauben uns häufig maximal einen kleinen Denkanstoß in der eigenen Komfortzone; nichts, was unser Weltbild der Einsturzgefährdung näher brächte. Es gibt Dinge die wollen wir nicht hören. Als Kind hat man sich vielleicht die Ohren zugehalten und laut vor sich hin gesungen. Die Augen verschließen – das klappt auch heute noch. Sei es nun durch Selbst-  oder Fremdzensur. Wir prangern also entweder Denkverbote an (Meinungen, die von Menschen geäußert werden, die sich selbst das Denken verbieten, sind unter meinem Niveau!) oder eben die Lügenpresse (mit Lügen brauche ich mich schließlich nicht zu konfrontieren!). Freud hätte dieses Verhalten „Regression“ genannt: Ein Rückfall in kindliche und primitive Verhaltensweisen, um die Wahrheiten der erwachsenen Welt zu verdrängen, die das Selbstbild bedrohen.

Menschen neigen dazu, sich vor allem mit Meinungen zu konfrontieren, die der eigenen entsprechen. So schützen und stärken wir unser Selbstbild.

Für alle drei Phänomene gilt übrigens die etwas ausgelutschte Weisheit: Erstmal an die eigene Nase packen! In der Psychologie bekannt unter dem third person effect ist die Beobachtung, dass jeder grundsätzlich davon ausgeht, von unbewussten Verhaltenstendenzen weniger betroffen zu sein als andere. Man belächelt sie müde, die „Linken“, die sich durch den steten Konsum der Süddeutschen oder der taz immer gemütlicher in ihrer ideologischen Zwangsjacke einnisten. Mach ich es etwa besser? Meine Lieblingszeitungen sind NZZ und FAZ, ich weiß nicht, wann ich zuletzt einen Artikel in der journalistisch hervorragenden Süddeutschen Zeitung gelesen habe. Autsch. Die anderen sind die Idioten. Ich brülle vielleicht nicht Lügenpresse. Mein eigenes psychisches Immunsystem, das mir hilft, mein Selbst- und Weltbild zu erhalten, ist aber trotzdem verdammt effektiv.