Das Gespräch führte Timotheus Stark.

 

Prof. Rhonheimer, Sie bezeichnen sich selbst als „katholischen Liberalen“. Viele fragen sich bei jüngeren Äußerungen von Papst Franziskus, ob „katholisch“ und „liberal“ nicht Gegensätze seien. Woher kommt also Ihr Selbstverständnis?

Historisch gesehen waren das schon Gegensätze. Es gibt auch heute noch ein Verständnis von „liberal“, das sicher für einen gläubigen Katholiken nicht akzeptabel ist. Wenn ich mich als „katholischen Liberalen“ bezeichne, dann beziehe ich mich auf den klassischen politischen und wirtschaftlichen Liberalismus, der – wie auch die Aufklärung – überhaupt erst durch eine vom Christentum geformte Zivilisation möglich wurde. Mein Buchtipp: „Die Erfindung des Individuums“ von Larry Siedentop.

 

Was bedeutet Liberalismus denn für Sie?

Das Ideal des Liberalismus ist eine Gesellschaftsordnung, die nach Prinzipien organisiert ist, aufgrund derer Menschen verschiedener Glaubensrichtungen und Weltanschauungen in Freiheit und Frieden zusammenleben und auf für alle vorteilhafte Weise kooperieren können. Niemand darf sich anmaßen zu behaupten, sein Credo, seine Religion oder seine philosophische oder ethische Überzeugung bilde die „ideologische“ Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung oder müsse gesetzlich privilegiert werden. Damit würde er Andersdenkende ausgrenzen oder gar mit Zwang zu Bürgern zweiter Klasse machen.

Dennoch impliziert der klassische Liberalismus eine minimale politische Ethik und ein Menschenbild: Den Vorrang vor und die unverzichtbare Würde des Individuums gegenüber gesellschaftlichen Formationen aller Art, auch der Familie; die Gleichheit aller Menschen bezüglich fundamentaler Rechte trotz ihrer sozialen und sonstigen Verschiedenheit; sowie die Auffassung, dass jegliche Autorität, die Herrschaft oder Zwang ausübt, diese Gewalt zu rechtfertigen hat. Man sollte nicht vergessen, dass dieses Menschenbild auf moralischen Intuitionen beruht, die sich erst mit dem Christentum in der Geschichte durchsetzten.

 

In der Historie hat sich die Kirche viel durch Verbote und Ausgrenzungen ausgezeichnet. Wie passt das zu den liberalen Idealen, die Sie gerade beschrieben haben?

In einer Zeit, in der die Kirche noch mit den liberalen Ideen der Moderne im Konflikt stand, versuchte sie selber auch im Bereich von Staat und Politik Andersdenkende auszugrenzen. Damit griff sie die Legimitationsgrundlagen ihrer Autorität an. Spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche hier jedoch gehörig geschichtlichen Ballast abgeworfen.

Trotzdem bleibt noch viel zu tun, was die gedankliche Verarbeitung dieser Neuorientierung betrifft. Wie es ja ihrer Gründungsidee entspricht, unterscheidet die Kirche inzwischen wieder das Politisch-Weltliche vom Religiös-Kirchlichen. So kann sie jetzt einerseits ihren religiösen Wahrheitsanspruch aufrechterhalten, andererseits aber auch – auf politisch-gesellschaftlicher und verfassungsrechtlicher Ebene – gleiche Freiheit für alle fordern und eine politische Ordnung der Koexistenz verschiedener Glaubensbekenntnisse, Religionen und Weltanschauungen mit gleichen Rechten für alle gutheißen, ja sie als zivilisatorische Errungenschaft preisen. In diesem Sinne habe ich einmal Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., gesagt: „Ich bin kein liberaler Katholik, sondern ein katholischer Liberaler.“ Und er antwortete mir schmunzelnd: „Das gefällt mir.“

 

Papst Franziskus möchte auf die vermeintlichen Verlierer der Marktwirtschaft aufmerksam machen. Umweltprobleme und weiterhin große Armut in Teilen der Welt machen ihm Sorgen. Ist es nicht eine moralische Pflicht diesen Menschen zu helfen, vielleicht per Umverteilung?

Ich teile Papst Franziskus Anliegen vollkommen, die Ärmsten dieser Welt nicht auszugrenzen und ihnen den Anschluss an Entwicklung und Wohlstand zu ermöglichen. Ich bin aber der Meinung, dass seine Kritik an der freien Marktwirtschaft und seine Analyse der Ursachen von Armut und Ausgrenzung fragwürdig sind. Das habe ich ihm auch persönlich geschrieben. Und auch seine auf Staat und Politik als Problemlöser fokussierten Rezepte – die er, wie auch seine Analysen, ausdrücklich als seine persönliche Meinung und nicht als offizielle Soziallehre der Kirche verstanden wissen will – halte ich für problematisch. Franziskus hat mir für meine Offenheit gedankt. Leider konnte ich ihn nicht überzeugen.

Es gibt aber auch prominente Kirchenführer, die meine Ansichten teilen. So meinte Kardinal George Pell – der von Franziskus ernannte Leiter des vatikanischen Wirtschaftssekretariates – kürzlich auf einer Konferenz in Rom, dass es keine bessere Wirtschaftsordnung als die Marktwirtschaft gäbe. Es sei die Marktwirtschaft, die den Westen zur Blüte gebracht habe. Pell sieht deshalb als entscheidenden Faktor wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts das freie Unternehmertum:

„Wenn wir die Weltwirtschaft wirklich nachhaltig ankurbeln wollen, dann wird Business und nicht Regulierung eine führende Rolle spielen müssen.“

 

„Business“ als Mittel zur Armutsbekämpfung?

Interessanterweise hat auch Papst Franziskus immer wieder die wichtige Rolle der Unternehmer betont. Er ist sich bewusst, dass der beste Dienst, den man den Armen tun kann, darin besteht, für sie Arbeitsmöglichkeiten und Voraussetzungen dafür zu schaffen, damit sie selber unternehmerisch tätig werden können. In diesem Sinne hat der Papst auch in seiner Botschaft an das Weltwirtschaftsform 2016 in Davos, mit Bezugnahme auf seine letzte Enzyklika, geschrieben, „dass die Unternehmertätigkeit »eine edle Berufung darstellt und darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu erzeugen und die Welt für alle zu verbessern«, besonders »wenn sie versteht, dass die Schaffung von Arbeitsplätzen ein unausweichlicher Teil ihres Dienstes am Gemeinwohl ist« (Laudato si’, Nr. 129).“

 

Die Marktwirtschaft ist allerdings für viele katholische Vertreter ein rotes Tuch…

Problematisch ist das verbreitete Vorurteil, es brauche staatliche Planung und mehr Regulierung, um wohlstandssteigernde Prozesse in die Wege zu leiten und zu kanalisieren. Das Verständnis für die Funktionsweise von Marktprozessen und deren wohlstandssteigernde Wirkung fehlt leider oft gerade in kirchlichen Kreisen. Der Markt ist, wie F. A. Hayek formulierte, ein „Entdeckungsverfahren“. Staatliche Regulierungen hemmen häufig Innovation und unternehmerische Kreativität. Sie behindern den Markt in seiner zentralen Funktion als Entdeckungsverfahren und Wissensgenerator.

Der reale Markt schafft immer wieder neue Informationen und Ungleichgewichte. Der Versuch, die natürliche Unvollkommenheit einer marktwirtschaftlichen Welt – sogenanntes Marktversagen – durch staatliche Interventionen zu „heilen“, generiert in Wirklichkeit immer wieder Staatsversagen und führt zu einer beständigen Ausweitung der Macht des Staates und der Politik. Wir bräuchten Politiker und Staatsmänner, die den Mut aufbringen, oft einfach mal nichts zu tun, sondern – unter Überwachung der Einhaltung der für alle geltenden Regeln – den Markt spielen zu lassen.

So „entdecken“ freie Märkte – das wettbewerbliche Zusammenspiel von Unternehmern, Erfindern, Investoren – Lösungen, die dem Wissen zentraler Planer und Staatsbeamten niemals zugänglich sein können. Um Problemen wie Armut zu begegnen, brauchen wir nicht mehr, sondern weniger Regulierung.

 

Aber steht das nicht alles im Widerspruch zur kirchlichen Soziallehre?

Die kirchliche Soziallehre ist heute tatsächlich von einer erheblichen Staatsgläubigkeit geprägt. Das war nicht immer so. In ihren Anfängen war die katholische Soziallehre außerordentlich anti-staatlich und viele der Vorbehalte gegenüber dem Liberalismus von Seiten der katholischen Kirche rührten daher, dass unter der Fahne des Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – insbesondere in Deutschland und Italien – die Macht des Staates ständig ausgeweitet und der Nationalstaat geradezu vergöttert wurde.

Der italienische Liberale Guido de Ruggiero schrieb 1925, die katholische Kirche sei wegen ihrer Bekämpfung einer zunehmenden “Tyrannei des Staates“ zum „Verteidigungswall für die Freiheit“ geworden, obwohl ihre innersten Absichten natürlich keinesfalls liberaler Art seien – denn die Kirche verteidige ja vor allem ihre Freiheit, ihre Rechte und ihren Einfluss in der Gesellschaft. Auch der große Bahnbrecher der katholischen Soziallehre, der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, verteidigte in einer Schrift von 1864 die „individuelle Freiheit“ und ihre Grundlage: Das Privateigentum. Von Ketteler prangerte „ein immer weiter ausgebildetes Steuer- und Zwangssystem, an dem sämtliche Staaten fast zu Grunde gehen und bei denen freie Selbstbestimmung und Gesinnung gänzlich in den Hintergrund treten“ an.

 

Wie hat sich die kirchliche Soziallehre seitdem verändert?

Spätestens mit der Schule des sogenannten „Solidarismus“ von Heinrich Pesch hat die katholische Soziallehre diesen freiheitsbewussten und staatskritischen Pfad verlassen. Ihre Konzepte wurden immer freiheitsskeptischer, offen marktskeptisch und fokussierten sich auf „Solidarität“ durch staatlich organisierte soziale Absicherung und damit letztlich durch steuerfinanzierte Umverteilung. Die resolute Verteidigung des Privateigentums wurde durch den beständigen Hinweis auf dessen „Sozialpflichtigkeit“ aufgeweicht.

Diese Entwicklung schlug sich schließlich mitten in der großen Weltwirtschaftskrise 1931 in der Enzyklika „Quadragesimo anno“ von Papst Pius XI. nieder. Erst mit Johannes Paul II. und seiner Enzyklika „Centesimus annus“ erfolgte eine klare Korrektur: Kirchliche Soziallehre sei kein „Dritter Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus, vielmehr sei der Sozialismus gescheitert, Kapitalismus und Marktwirtschaft aber hätten ihre Kraft bewiesen. Sie seien der Weg, sofern sie sich innerhalb eines klaren rechtlichen Rahmens bewegen. Dieser klare rechtliche Rahmen ist für Liberale eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

 

Ein gängiges Vorurteil ist, die Marktwirtschaft untergrabe die Moral der Menschen. Was meinen Sie dazu?

Wir müssen uns davor hüten, nun die ökonomische und auch soziale Höherwertigkeit der Marktwirtschaft als eine moralische Höherwertigkeit des Unternehmers zu verstehen. Die moralische Beurteilung des „Systems“ oder der Wirtschaftsordnung und die moralische Beurteilung der Menschen, die innerhalb dieses Systems tätig sind, sind zwei verschiedene Dinge. Man kann Kapitalismus und Marktwirtschaft insofern als moralisch überlegen bezeichnen, als sie auf richtigen moralischen Prinzipien beruhen und vor allem die richtigen moralischen Anreize schaffen.

Das heißt aber nicht, dass Kapitalisten gute oder die besseren Menschen sind. Solange sie aber der Logik der Marktwirtschaft gemäß handeln, die eine Logik des „Gebens“ ist (Sparen, Investieren, Verlagerung des Konsums in die Zukunft und nicht sofortige Bedürfnisbefriedigung, Tragen von Risiko und Bereitschaft zur Haftung), werden sie Gutes bewirken, das heißt zur Anhebung des allgemeinen Wohlstandes beitragen. Das kann ein Unternehmer sogar, wenn er persönlich kein moralisch hochstehendes Subjekt ist oder ausschließlich egoistisch motiviert ist.

Hält er sich allerdings nicht an jenes Minimum an Moral, das vom Rechtssystem gefordert wird, also an die allgemeinverbindlichen Regeln, die Betrug, Diebstahl, Ehrabschneidung, Verleumdung, das Handeln gegen Treu und Glauben usw. verbieten, dann wird er es aller Erfahrung nach nicht lange schaffen, profitabel im Geschäft zu bleiben. Früher oder später wird er zu Fall kommen – sofern das Recht angewandt wird, keine Korruption herrscht und er keine staatliche oder politische Protektion genießt.

 

Was ja vorkommen soll…

Wie auch im Sozialismus kann unmoralisches Verhalten in der Marktwirtschaft zum System werden, weil wirtschaftlicher Erfolg vom System her mit politischer Macht verbunden ist. Wir nennen das Crony Capitalism: das Verbandeln von Big Business und Big Government, das Verfilzen von Politik und Wirtschaft durch Lobbying, das durch Subventionen und andere Prämien wie Gesetze zugunsten einzelner Wirtschaftszweige und Industrien belohnt wird. Je mehr das der Fall ist, desto mehr gleicht das wirtschaftliche System dann einer Kommandowirtschaft und desto weniger kann der Markt seine wohlstandssteigernde Funktion für die Allgemeinheit wahrnehmen. Hier liegen meiner Meinung nach die eigentlichen ethischen Probleme.

Eine auf dem Evangelium gründende Kritik von «Reichtum» sollte also nicht auf der Ebene des marktwirtschaftlichen oder kapitalistischen «Systems» ansetzen, – zu dem notwendigerweise eine gewisse Assymetrie der Vermögensverteilung, also Ungleichheit gehören -, sondern auf jener der individualethischen Ebene des Verhaltens innerhalb des Systems. Dazu kommt: Kapitalisten, Unternehmer, Arbeitgeber können hartherzig oder auch menschlich eingestellt sein. Auch auf dieser Ebene gibt es eine große Bandbreite von Möglichkeiten des moralischen oder unmoralischen Verhaltens. Doch das gehört zu einem anderen Kapitel.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Rhonheimer.

 

Dieses Interview erschien zuerst in unserem Printmagazin zum Thema „Konflikte“:

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