In den letzten Jahren durchlebte die Welt einige schwerwiegende ökonomische Krisen, die unser heutiges politisches System in seinen Grundfesten erschütterten. Nach der Finanzmarktkrise von 2007 fingen immer mehr Menschen an, nicht nur gegenwärtige Institutionen zu hinterfragen, sondern auch die Wissenschaft der Ökonomie selbst. Sie wird als steril, trocken oder sogar völlig irrelevant für die Analyse komplexen menschlichen Verhaltens abgestempelt. Wir sprachen mit Deirdre McCloskey, Professorin für Ökonomie und Geschichte an der University of Illinois in Chicago, über den Beitrag der Wirtschaftswissenschaften zum Verständnis des gesellschaftlichen Wandels und die Zukunftsaussichten für die Menschheit.

Das Interview führte Daniel Issing.

Prof. McCloskey, die moderne Wirtschaftswissenschaft ist von Mathematik, speziell Statistik, geradezu durchtränkt und damit größtenteils unverständlich für den interessierten Laien. In der Folge haben viele Menschen den Glauben daran verloren, dass die Ökonomie etwas Relevantes über ihr alltägliches Leben zu sagen hat. Ist dies korrekt oder ist es lediglich der Weg der Mathematisierung, der sich als Sackgasse entpuppt?

Ich war niemals der Meinung, dass Mathematik das Problem ist. Wir brauchen mehr Mathematik in der Ökonomie, nicht weniger. Der Fehler – und es ist in der Tat ein enormer – besteht darin, dass Ökonomen in der falschen Art von Mathematik ausgebildet wurden. Sie bekamen nicht die Mathematik der Ingenieure, der Physiker oder anderer angewandter Forschungsfelder gelehrt, sondern die Mathematik des Instituts für reine Mathematik. Sie sind daher besessen von „Beweisen“, welche keine Relevanz für echte Wissenschaft haben. Im Falle der Statistik liegt der vergleichbare Fehler – der ebenfalls dem Institut für reine Mathematik entstammt – in der bizarren, übermäßigen Verwendung statistischer Signifikanztests.
Es ist richtig, dass wir auch mehr verbales und intuitives Verständnis für die Funktionsweise einer Volkswirtschaft benötigen und dass wir den gesunden Menschenverstand hinausdrängen, wenn wir mit der Mathematik beginnen, bevor die Studenten ein Verständnis der grundlegenden Konzepte erworben haben, die sie auch ihren Mitbewohnern verständlich erklären könnten. Die französische Ausbildung etwa ist ein wirklich schlimmes Beispiel. Ein spektakuläres Indiz dafür finden Sie auf Seite 6 der englischen Übersetzung von Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, wo sich zeigt, dass er die Reaktion der Nachfragenden auf steigende Preise von, sagen wir, Öl, nicht versteht. Er begreift es wirklich nie, nirgendwo im gesamten Buch.

Wie könnte eine vielversprechendere Herangehensweise an die ökonomische Forschung aussehen? Welchen Ratschlag würden Sie einem neugierigen Studenten geben, der jedoch bislang, abgeschreckt vom Formalismus und technischen Spitzfindigkeiten, sich niemals eingehender mit dem Thema befasst hat?

Lernen Sie den Formalismus, mein Guter! Man kann Wissenschaft nicht ohne dem richtigen Formalismus betreiben. Lernen Sie die Simulationsmethoden, wie sie beispielsweise in der Geophysik verwendet werden; Darstellungsmethoden, die durch Computer noch viel leistungsstärker gemacht wurden; aber auch geisteswissenschaftliche Formalismen wie die Pragmatik oder das historische Argument.
Der beste Ansatz besteht darin, die Lehrbücher der Chicagoer Schule zu studieren, unterstützt von den Schriften der „Österreicher“ wie Mises, Hayek, Kirzner, Boettke, Boudreaux und anderen. Die Chicagoer Lehrbücher, die Sie kaufen, lesen und deren Übungen Sie in einer Lerngruppe gründlich bearbeiten sollten, umfassen von einfach bis fortgeschritten: Hayne, The Economic Way of Thinking; Alchian and Allen, Exchange and Production Theory in Use; McCloskey, The Applied Theory of Price; David Friedmans Buch; Steven Landsburgs Buch; Stiglers vier Bände seiner Serie The Theory of Price; Milton Friedmans Price Theory; Gary Beckers Economic Theory. Kaufen Sie alle und studieren Sie sie ausgiebig, dann werden sie Mikroökonomik tatsächlich verstehen. Und geben Sie den Wunsch auf, Makro verstehen zu wollen – niemand tut das!

Ökonomen werden auch regelmäßig angeklagt, Handlanger des Kapitalismus zu sein und dadurch die immer weiter auseinander gehende Schere zwischen Arm und Reich zu rechtfertigen. Kürzlich hat zum Beispiel Thomas Pikettys bereits erwähntes „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ viel Anerkennung aus allen Lagern erhalten, da es auf die Gefahren der wachsenden Ungleichheit hinweist, die angeblich von ungezügelten Märkten verursacht wurden. Müssen wir uns Sorgen machen?

Nein, nicht wegen Piketty. Zum einen, weil es diese Kluft gar nicht gibt. Die weltweite Ungleichheit schrumpft rasant. Und im Bereich der Ethik sollten wir mit den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse beschäftigt sein, nicht mit den lächerlichen Spielzeugen der Reichen. Ich habe vor einigen Monaten eine Rezension zu seinem Buch geschrieben, die im Detail aufzeigt, warum Piketty falsch liegt. Er ist ein seriöser Kollege, kein Dummkopf und arbeitet hart. Er hat nur einfach Unrecht. Viele gute Wissenschaftler und Gelehrte liegen falsch, weshalb meine Meinung über ihn nicht auf Verachtung basiert – auch wenn er wirklich zurückgehen und elementare Ökonomik lernen sollte, bevor er sie attackiert.

Wenn die weltweite Einkommensungleichheit wirklich signifikant zurückgehen würde, wie kommt es dann, dass in Ländern, die erst zuletzt kapitalistische Züge angenommen haben, deutlich das Aufgehen der Schere zu spüren ist? Eine Studie der Universität Michigan zufolge stieg der Gini-Koeffizient der Volksrepublik China von 0,30 im Jahr 1980 auf 0,55 im Jahr 2014. Sollte also, wie in fast allen großen Volkswirtschaften, Einkommen umverteilt werden?

Sie müssen das beliebte Zeitungsklischee überdenken, demzufolge reiche Länder „umverteilen“. Sie tun das nicht, zumindest nicht im großen Stil – und im Ausmaß sind sie im Wesentlichen alle gleich, von Norwegen bis Japan. Das soziale Sicherheitsnetz in den angeblich anti-sozialdemokratischen USA ist de facto etwa so ausgebaut wie z.B. in Schweden.
Zudem kommen fast alle Steuern in reichen Ländern von der unteren  und oberen Mittelschicht und die meisten Vorteile gehen ebenfalls an sie. Nehmen Sie z.B. die massiven Bildungssubventionen in reichen Ländern. „Freie“ Bildung wird überproportional von den Kindern der finanziell Bessergestellten genutzt. Die Subventionen an reiche Eltern betragen etwa 40.000 US-Dollar pro Student und Jahr.

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Aller sozialistischen Mythen zum Trotz haben arme Menschen massiv vom Austausch auf dem freien Markt profitiert, wo Unternehmer für ihren Einfallsreichtum belohnt werden. Nehmen wir an, die chinesischen Statistiken sind korrekt. Das bedeutet lediglich, dass in einer freien Gesellschaft der Geschäftsmann, der z.B. einen Lebensmittelladen eröffnet, von dem der durchschnittliche Chinese profitiert, Gewinne erwirtschaftet, die auf lange Sicht andere ermutigt, in das Gewerbe einzusteigen, wodurch die Preise sinken; wiederum zum Vorteil des durchschnittlichen Chinesen. Die Kaufkraft eines Chinesen ist seit 1978 um etwa 900 Prozent gestiegen! Der Kuchen ist weitaus stärker gewachsen als die Veränderung seiner Verteilung Innovatoren belohnte. Der zentrale Punkt ist, das der Produktivitätszuwachs durch Innovationen einen Anstieg des Realeinkommens für die ärmeren und mittleren Schichten, aber auch für die Reichen bedeutet – im Falle Chinas einen gigantischen Anstieg. Wollen Sie nun allen Ernstes, indem Sie sich auf eine Spielplatz-Definition von „Fairness“ stützen, diesen Wachstumsmotor zum Erliegen bringen?

Nicht unbedingt, aber bleiben wir doch einen Augenblick bei diesem Punkt. Regelmäßig wird uns erzählt, dass dem freien Markt, wie erfolgreich er auch immer in der Erfüllung der materialistischen Bedürfnisse der Konsumenten ist, die ethische Überlegenheit des Sozialismus fehlt. Ist der Kapitalismus wirklich unmoralisch und verneint unverzichtbare Werte und Tugenden?

Ich habe gerade eine Trilogie beendet, die genau diese Frage ausführlich beantwortet (The Bourgeois Virtues, Bourgeois Dignity und Bourgeois Equality). Gehen Sie auf meine Homepage, dort können Sie Aufsätze lesen, die einige Aspekte beleuchten. Aber die Argumentation ist kompliziert und lässt sich nur schwer in ein paar Sätzen zusammenfassen. Kurz gesagt: Der Sozialismus erzeugt böse Menschen, der Kapitalismus schafft gute Menschen. Die Belege sind überwältigend. Das zutiefst ethische Streben nach Verbesserung durch Innovation entspricht dem, was die meisten Unternehmen tatsächlich tun. Sozialistische Bürokraten machen das nicht.

Der Kapitalismus schafft gute Menschen? Was sagen Sie dann zu den Kleidungsproduzenten in Ländern wie Bangladesch, wo schon Kinder unter unerträglichen Bedingungen arbeiten müssen und sich trotzdem kaum über Wasser halten können?

Ja, der Kapitalismus schafft gute Menschen. Wenn Sie sich sträuben, die Faktenlage zu akzeptieren, werden Sie natürlich weiterhin die gegenteilige Meinung haben. Dies ist keine Sache von zwei Minuten. Ihr Beispiel der armen Bangladeshi ist schlecht gewählt. Natürlich sind die Kinder dort arm, wie auch ihre Eltern, was der Grund dafür ist, dass die Kinder arbeiten müssen. Die einzige Art und Weise, wie in Bangladesch höhere Einkommen generiert und damit die Kinder aus der Arbeitswelt kommen können, ist die gleiche, die bei jedem Land seit Holland im 17. Jahrhundert funktioniert hat: Produktiver werden, wie es auch dem direkten Nachbar Indien erstaunlich schnell gelang. Es klappt nicht, indem man Bangladesch Geld zur Verfügung stellt – und die traurige Geschichte der Entwicklungshilfe zeigt, dass das meiste Geld verschwendet wird oder auf Schweizer Nummernkonten landet – sondern indem Bangladesch sich liberalen Richtlinien verpflichtet. In geringem Ausmaß ist das schon geschehen, mit dem Ergebnis, dass sie jetzt einer der wichtigsten Textilexporteure sind. Das ist gut und nicht schlecht. Menschen werden reich, indem sie moderne Techniken und Institutionen übernehmen, nicht durch Zuwendungen der heute schon Reichen oder durch Zerstörung der dortigen Unternehmen.

Aber ist das alles nicht teuer erkauft? Selbst wenn wir zugestehen, dass Kapitalismus nicht gleichbedeutend mit der Ausbeutung des durchschnittlichen Arbeiters ist, so ist er doch nicht nachhaltig und kann nur auf Kosten der Umwelt, beispielsweise im Zuge der Suche nach günstigen Energiequellen, fortbestehen.

Ich weiß, dass das der orthodoxen Ansicht der Linken heutzutage entspricht – als Resultat der kürzlich erfolgten, verzweifelten Hinwendung zum Umweltschutz, nachdem alle anderen Argumente gegen den Kapitalismus durch die tatsächlichen Ereignisse falsifiziert wurden. Aber woher glauben Sie, dass die Mittel herkamen, mithilfe deren in den letzten 50 Jahren die Luft- und Wasserqualität in Europa verbessert wurde?
Merken Sie sich diese Tatsache, deren Unstrittigkeit Ihnen jeder kompetente Student der Wirtschaftsgeschichte bestätigen kann: In den letzten zwei Jahrhunderten stieg das Realeinkommen der ärmsten Europäer um irgendetwas zwischen 2.000 und 10.000 Prozent. Das ist nie zuvor in der Geschichte passiert, nicht einmal ansatzweise. Anstiege von 100 Prozent waren üblich, aber dann fiel der Durchschnitt stets wieder zurück. Die Periode des großen Wohlstandszuwachses ist nachhaltig und breitet sich jetzt auf die gesamte Welt aus.
Lassen Sie mich einen Punkt betonen, der schon implizit in meinen anderen Antworten versteckt war. Die großen sozialen Fragen wie etwa Kapitalismus vs. Sozialismus lassen sich nicht mit Einzeilern während eines nächtlichen Gesprächs mit einem Glas Bier beantworten. Dafür muss man Historik- und Sozialforschung betreiben oder zumindest etwas darüber lesen. Im ganz konkreten Fall zeugt es von schlechter Wissenschaft, idealen Sozialismus mit idealem Kapitalismus zu vergleichen. Unter beiden Idealtypen ist alles prima und man kann vom Standpunkt des idealen Kapitalismus über den Sozialismus spotten und umgekehrt. Wenn es keine Gravitation gäbe, könnten wir fliegen. Na und? Um zu einer vernünftigen Schlussfolgerung zu gelangen, muss man den realen Sozialismus und den realen Kapitalismus untersuchen, d.h. tatsächlich existierende vom Staat gelenkte Volkswirtschaften und tatsächlich existierende von Markt gesteuerte Volkswirtschaften. Die Schlussfolgerung wird von den Fakten über die tatsächliche Welt abhängen.

Zu guter Letzt: Denken Sie, es ist vernünftig anzunehmen, dass die Zukunft besser und gerechter als die Gegenwart sein wird oder wird die Menschheit schlicht und einfach den Bach hinuntergehen?

Ich bin sehr optimistisch, wenn wir die Zukunft nicht mit hysterischem Umweltschutz-Aktionismus oder einer Rückkehr des regulierenden Sozialismus ruinieren. Denken Sie mal nach: Wenn alle der bald 10 Milliarden Menschen auf diesem Planeten schweizerische oder amerikanische Lebensstandards erreicht haben – und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das unmöglich ist – stellen Sie sich dann einmal die Explosion des Wohlstands, der Kunst und der Wissenschaft vor! Bildung, unternehmerische Chancen, noch mehr Menschen, die es sich leisten können, Kunst zu schaffen. In solch einer Welt sind mehr Menschen gut für uns. Wir befinden uns nicht in einer Malthusianischen Welt, nicht einmal ansatzweise. Lesen Sie Julian Simon, The Ultimate Resource!