Der ungewöhnlich hitzige US-Wahlkampf 2016 hat einige Verhaltensmuster wieder ins Zentrum der politischen Diskussionskultur gebracht. Wir scheinen zu glauben, dass unsere Rolle als Bürger der eines Sportfans gleicht. Wir müssen uns für ein Team entscheiden und zu unserem Team halten – denn wir werden ja gebraucht!

Falls wir also einem anderen Politiker zustimmen, schwächt das nur unser eigenes Team. Und der Feind meines Feindes ist mein Freund. Unser Freund mag vielleicht nicht perfekt sein, aber das zuzugeben, würde unsere Seite ja wieder schwächen. Alles ist eine Loyalitätsfrage. Also her mit den Gesichtsfarben, den Trikots, den Vuvuzelas und kämpft!

Jeden Tag instrumentalisieren auch die Medien dieses Denken, liefern Streit und Skandale zwischen Linken und Rechten, der einen Partei gegen die andere Partei, diesem Politiker gegen jenen Politiker. Das sorgt für Absatz und Einschaltquoten, was zeigt, dass dies vielen Zuschauern gefällt. Sie können herrlich in den Fernseher oder das Radio schreien, oder wütende Kommentare in den Sozialen Medien verfassen. Wir passen uns dem Spektakel an und beginnen so zu reden, wie die scharfzüngigen Stimmen, die unsere Feeds füllen.

Go team!

Mir ging bei dem Ganzen ein Licht auf. Ich sah das Heimtückische, dass hinter jeder politischen Einflussnahme steckt, die von dir fordert, deinen kritischen Geist zurückzufahren. Die Wahrheit findet man nicht in politischen Lagern. Um meine eigene Integrität zu wahren, musste ich meinen eigenen Weg gehen. Dies war ein wichtiger Schritt in meinem Leben und ich blickte nie zurück.

Das Freund/Feind Modell

Es hat sicher eine lange Tradition in der Philosophie, das Hirn auszuschalten um politische Vorteile zu erlangen. Da sind zum einen die Marxisten, die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete kategorisieren, und die Nachfolger der Marxisten: Menschen, die diese Einteilungen ins Absurde weitertreiben – Herkunft, Sexualität und Identität, körperliche Fähigkeiten. Für sie besteht das Leben nur aus Konflikten.

Aber das ist ganz sicher nicht nur ein Problem des linken Spektrums. Ein Blick in das Werk Carl Schmitts – ein Rechtshegelianer und Nietzsche-Fan – und vor allem in seinen Essay „Der Begriff des Politischen“ aus dem Jahre 1932, genügt (wer sich mit dem Zustand der deutschen Intellektuellen in diesem Jahr auskennt, kann sich in ihn hineindenken).

Für Schmitt war das politische Tun der höchste Zustand des Menschen, und dies bedeutet immer, andere in Freunde und Feinde einzuteilen. Er verachtete den Liberalismus und die Ökonomen, da sie nichts von diesen Einteilungen hielten. Denn sie bekämpften diese Vorurteile durch ihr Eintreten für Handel, Kooperation und Wettbewerb, welcher allen zu Gute kommt.

Auf welcher Basis trifft die Politik diese Freund/Feind Unterscheidung? Schmitt ist der Meinung, dass dies nichts mit Normen oder ausgefeilter Theorie zu tun hat. Der Staat als solches sorgt für diese Einteilung ganz von selbst. Aber was bedeutet es, ein Feind zu sein? Es endet in der tatsächlichen tödlichen Auseinandersetzung. Ohne echtes Blutvergießen bedeutet dies alles nichts, denn:

„Der Krieg folgt aus der Feindschaft, denn diese ist die seinsmäßige Negierung des anderen Seins.“

Zusammenfassend: Politisch zu sein, ist nach Carl Schmitt die Essenz des eigenen Daseins. Die politische Überzeugung bedeutet im Kern auch die Bereitschaft zu töten. Wir könnten auch folgern, der Tod selbst ist die Essenz des Lebens. Es verwundert nicht, dass er zu einem der führenden Philosophen zur Zeit des Nationalsozialismus wurde und die intellektuellen Weichen für den Holocaust stellte.

Wahlen und Kriegssoziologie

Es stimmt, dass dieses Freund/Feind-Modell uns sinnvoll erscheint, vor allem, wenn Wahlen anstehen. Wir haben schließlich alle das Recht, zu wählen. Wir empfinden eine große Verantwortung für unsere Wahlentscheidung – trotz dem verschwindend geringen Einfluss unserer eigenen Stimme auf das Wahlergebnis. Sie ist eigentlich nur symbolisch, aber sie zählt – denn Menschen mögen es, im demokratischen Prozess mitzumischen, Siege davon zu tragen und Feinde zu besiegen.

Doch die Wahl [in den USA, Anm. des Übersetzers] ist vorbei! Warum durchdringt diese Geisteshaltung weiter unseren politischen Diskurs, obwohl niemand in den nächsten 4 Jahren nach unserer Stimme fragen wird? Es ist eine Art Sucht, eine Genugtuung, die wir dabei empfinden. Vielleicht sind es primitive Instinkte, eine Form von unterschwelliger Gewalt, die wir, wie Freud sagt, besiegen sollten, damit Zivilisation entstehen kann.

Ganz konkret: Was macht es mit uns, wenn wir uns blind einem Team in der Politik anschließen? Nichts Gutes, so denke ich. Es schlägt uns auf die Seele, so viel Zeit und Energie für diese Streitereien aufzuwenden. Politik in diesem Stil ist Gift für unsere Psyche. Sie ist zu hasserfüllt für jeden, der ein erfülltes Leben führen möchte.

Das Problem des „Trumpismus“

Dieses Problem wird noch verstärkt von der intellektuellen Beliebigkeit an der Spitze so mancher Regierungspartei. Es ist eigentlich kein völlig neues Problem, aber im Fall von Donald Trump noch einmal besonders stark spürbar. Ich habe in meinem Leben noch nie eine so nationalistische Rhetorik erlebt, und diese Rhetorik dringt tief in die Funktionsfähigkeit des amerikanischen Wirtschaftslebens ein. Die fehlende Wertschätzung für die intellektuellen wie politischen Errungenschaften des Freihandels sind offenkundig. Zudem plant er kostspielige Investitionen in die Infrastruktur, höhere (unsinnige) Rüstungsausgaben und eine Einwanderungspolitik, die nur durch eine strenge Kontrolle amerikanischer Unternehmen durchsetzbar wäre.

Gleichzeitig hat er aber auch ein paar wirklich gute Sachen gesagt – Deregulierung, Steuersenkungen, Entbürokratisierung, Reformen in Bildung und Gesundheitswesen: Themen, die jedem freiheitsliebenden Menschen am Herzen liegen.

Bestenfalls ist die Agenda also sehr verwirrend, und daher müssen die Menschen die relativen Vorteile und Kosten abwägen. Sind die Vorteile durch Steuerreformen größer als die Nachteile durch Zölle? Wie schlimm werden die Einwanderungsbeschränkungen sein, verglichen mit der erhöhten nationalen Sicherheit? Und so weiter.

Das ist nicht nur eine intellektuelle Denkaufgabe. Die ultimative Frage wird also sein: Unterstützen wir dieses (Trump-)Team, oder sind wir dagegen?

Bemühe deinen eigenen Verstand

Ich bin nun der Meinung, dass man so nicht denken sollte. Wir sollten uns nicht in der Frage verrennen, ob wir Trump applaudieren oder ihm zujubeln sollten, seine Fans werden oder Teil der Opposition werden sollten, ihn gegen seine Kritiker verteidigen oder selbst Kritiker werden sollten.

Es gibt noch einen anderen Ansatz. Er ist nicht der einfache, aber in einem höchst polarisierten politischen Umfeld der richtige Weg. Bleibt unabhängig, denkt klar, beobachtet vorsichtig, bleibt bei euren Prinzipien, seid zufrieden, wenn gute Dinge passieren, und kritisch, wenn schlechte Dinge passieren, sprecht die Wahrheit so aus, wie ihr sie seht, und seid immer wachsam bei der Verteidigung unserer aller Freiheit. In diesen Zeiten standhaft und ehrlich zu sein ist die höchste politische Tugend.

„Zu allen Zeiten waren wahre Freunde der Freiheit selten“, sagt Lord Acton, „und ihre Erfolge wurden von Minderheiten erkämpft.“

Dementsprechend: Ja, dadurch, dass du deine Objektivität und deine Prinzipien erhältst, wirst du in der Minderheit sein. Aber du wirst ein Freund der Freiheit sein und damit könntest du den Unterschied machen.

Dies ist eine Übersetzung von Marcus Rumler und Timotheus Stark.
Das Original ist zu lesen auf dem FEE Blog.