David D. Friedman, Sohn des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman, ist Professor für Rechtswissenschaften an der Santa Clara University School of Law. Er ist Autor mehrerer Bücher und versteht sich selbst als Anarchokapitalist. In einem Interview teilt er seine Gedanken zu den Themen Politik, Nachhaltigkeit, Klima und Umweltschutz mit uns.

Fallen wir doch gleich mit der Tür ins Haus: Was verstehen Sie unter dem Begriff Nachhaltigkeit?

Wenn wir “Nachhaltigkeit” wortwörtlich nehmen, würde dies bedeuten, dass wir heutzutage Dinge unabänderlich und für alle Zeiten auf die gleiche Art und Weise tun. Im 19. Jahrhundert wäre es nachhaltig gewesen, dafür zu sorgen, dass genug Gras für die Pferde wächst, um die Menschen von A nach B zu transportieren – aber das entspricht nicht ganz dem, wie die meisten von uns heute reisen. Nachhaltig mit endlichen Ressourcen umzugehen würde demnach bedeuten, sie niemals auf irgendeine Art zu nutzen. Ein Stück Kohle, das heute verbrannt wird, kann morgen nicht mehr verbrannt werden. Aber es ergibt wenig Sinn, nützliche Ressourcen zu erhalten und niemals zu verbrauchen.

„Everyone’s business
is nobodys business.“

Eine etwas weitere Definition, die ein Kommentator auf meinem Blog vorschlug, lautet „eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart erfüllt, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen, ihre eigenen Ziele zu verwirklichen, einzuschränken.“ Das klingt so lange gut, bis man anfängt, darüber nachzudenken.  Wenn wir die Belege aus den vergangenen Jahrhunderten analysieren, stellen wir fest, dass zukünftige Generationen reicher und nicht ärmer als wir sein werden. Dies ist eine Folge des kombinierten Effekts von Kapitalakkumulation und technischem Fortschritt. Wenn „die eigenen Bedürfnisse befriedigen“ bedeutet, das Verhungern zu verhindern, können wir davon ausgehen, dass unsere Nachfahren darin erfolgreicher sein werden als wir. Wir sind dabei ja schon erfolgreicher als je zuvor. Wenn sie so lose definiert ist, dass sie alle Dinge umschließt, die zukünftige Generationen begehren könnten, dann ist dies eine Politik, welche die (relative reiche) Zukunft zu Lasten der (relativ armen) Gegenwart bereichert, was schwer zu vertreten ist.
Wer damit nicht einverstanden ist, ist herzlich dazu eingeladen eine klare Definition zu liefern, die er glaubt, verteidigen zu können.

Der Kampf für eine saubere Umwelt ist eng mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verbunden. Welche Ansätze können Liberale hier liefern, um bestehende Lösungen zu verbessern?

Die meisten Menschen kümmern sich gut um ihr eigenes Hab und Gut. Ökologische Probleme drehen sich um die Ressourcen, die allen und niemandem gehören – „everyone’s business is nobody’s business“. Wenn ich die Luft verschmutze, wird ein Großteil der Kosten von anderen getragen, weshalb ich kaum Anreize habe, dies zu vermeiden. In manchen Fällen können die Probleme durch die Vergabe von Eigentumsrechten bewältigt werden. In anderen Fällen gibt es keine vernünftige Lösung. Es ist schwer vorstellbar, die Luft oder die Ozeane wie Land aufzuteilen, so dass jedes Stück jemandem gehört, der dementsprechend einen Anreiz hat, sich um dessen Erhalt zu kümmern.

In der Sowjetunion, in der nahezu alles verstaatlicht war, gab es wesentlich mehr Umweltverschmutzung als im Westen.

Wenn man nun die Regierung dafür hernimmt, sich um solche Probleme zu kümmern, steht man vor derselben Schwierigkeit: Dieselben Gründe, die zu schlechten ökologischen Entscheidungen führen, würden auch schlechte politische Entscheidungen provozieren. Auch hier gilt: Everybody’s business is nobody’s business. Wenn ich für den falschen Kandidaten stimme, die falschen Gesetze unterstütze, als Richter schlechte Entscheidungen fälle, dann trägt jemand anderer fast alle Kosten. Es ergibt sich ein politisches System, in dem Wähler rational ignorant sind, da es sich für sie nicht lohnt, Zeit und Mühe zu investieren, um eine informierte Meinung zu bilden, weil sie wissen, dass dies kaum einen Unterschied bewirken würde. Gleichzeitig haben Politiker einen Anreiz, die Gesetze zu unterstützen, die bei den ignoranten Wählern am ehesten auf Zuspruch stoßen – und werden höchstwahrscheinlich von speziellen Interessengruppen belohnt.
Was uns bleibt, ist die Wahl zwischen Pest und Cholera: ökologische Entscheidungen in privater Hand lassen oder sie an die Regierung, die voraussichtlich die falschen Entscheidungen trifft, abtreten. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass es in der Sowjetunion, in der nahezu alles verstaatlicht war, wesentlich mehr Umweltverschmutzung gab als im Westen.

Um ein spezielles Beispiel herauszugreifen: Grundwasser ist ein wachsendes Problem in den meisten Ländern. Quellen vertrocknen und Düngemittel beeinträchtigen die Wasserqualität. Wie sähe eine liberale Lösung für eine gute Trinkwasserversorgung aus?

Beliebten Katastrophenszenarien zum Trotz ist Trinkwasser in keinem Industrieland ein Problem. Nur ein winziger Bruchteil des gesamten Wasserverbrauchs wird benötigt, um den Trinkwasserbedarf zu decken. Der Großteil wird von der Landwirtschaft und der Industrie beansprucht. In Kalifornien, das gegenwärtig unter einer Dürre leidet, ist die für die Ernte von Alfalfa benötigte Wassermenge doppelt so hoch wie der Verbrauch der gesamten kalifornischen Bevölkerung für Trinken, Baden, Waschen und Toiletten.
Das Problem ist nicht so sehr Trinkwasser, sondern Wasser im Allgemeinen. Grundwasser ist ein Allmendegut, genauso wie Erdöl. Eine mögliche Lösung wäre die Stückelung. Eine große Mehrheit der Landbesitzer über einem Erdölfeld können darüber abstimmen das Feld zum gemeinsamen Besitz und gemeinsam geführten Ressource zu erklären. In Gegenden, in denen Grundwassererschöpfung ein hinreichend ernstes Problem darstellt, könnte dies die am wenigsten schlechte Lösung sein.

Viele junge Menschen fürchten außerdem die Auswirkungen des Klimawandels und sind besorgt über den Einfluss, den wir durch CO2-Austoß auf die globale Erwärmung haben. Was würden Sie im Hinblick darauf empfehlen?

Streitigkeiten über den Klimawandel beziehen sich meistens auf die falschen Fragen. Ziemlich klar ist, dass die globale Temperatur nach und nach ansteigt – im letzten Jahrhundert ungefähr um einen Grad. Die durch den Menschen erzeugten Treibhausgase scheinen hierfür eine plausible Erklärung zu bieten. Doch es ist überhaupt nicht klar, ob die Erwärmung schwerwiegende Effekte oder überhaupt negative Effekte nach sich ziehen wird. Egal, wie oft es voller Überzeugung wiederholt wird.
Das gegenwärtige Klima auf der Erde wurde weder für uns, noch wurden wir für dieses erschaffen. Gesellschaften prosperieren heutzutage in einer Bandbreite von Klimazonen, die viel größer als die auf den Rest des Jahrhunderts projizierte Verschiebung der Welttemperatur. Der anthropogene Treibhauseffekt könnte manche negative Effekte, wie einen erhöhten Meeresspiegel und heißere Sommer zur Folge haben, aber genauso auch positive Effekte wie etwa mildere Winter und gesteigerte landwirtschaftliche Erzeugnisse durch CO2-Düngung. Negatives und Positives kann sich über eine ungewisse und lange Zukunft erstrecken. Woher manch einer die Überzeugung nimmt, dass die negativen Konsequenzen überwiegen werden, weiß ich nicht.

Das Interview führte: Timotheus Stark
Übersetzung: Vanessa Hungeling
Redaktion: Daniel Issing und Anna-Lena Kümpel

 

Mehr von David D. Friedman auf seiner Homepage: http://www.daviddfriedman.com/

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