Die Bedeutung abstrakter Begriffe lässt sich nur selten mit einer eindeutigen und abschließenden Definition zusammenfassen. Nicht selten kommt es vor, dass sich Menschen mit gleichen Worten auf unterschiedliche Zusammenhänge beziehen, weil schon der Kontext, in dem das Wort jeweils verwendet wird, ein anderer ist. Auf eben solche Verhältnisse stoßen wir, wenn wir uns mit dem Begriff der Nachhaltigkeit befassen.

Nachhaltigkeit – aber welche?

Was man unter Nachhaltigkeit zu verstehen hat, hängt sehr davon ab, wen man fragt. Ein Liberaler hat in der Regel eine andere, womöglich ökonomischer orientierte Auffassung von Nachhaltigkeit, als sie etwa ein Grüner vertreten würde. Ein Soziologe meint mit nachhaltigen Prozessen vermutlich Anderes als ein Ökonom, Biologe oder Klimatologe. So richtet sich auch die Kritik, die am Nachhaltigkeitsbegriff geübt wird, stark nach den Anschauungen, mit denen sein Kritiker ihm begegnet. Anstatt also nach einer allgemeinen und subjektiven Definition der Nachhaltigkeit zu fragen, wäre es sinnvoller, nach den objektiven Problemfeldern zu suchen, die in verschiedenen Situationen mit Nachhaltigkeit adressiert werden.

Im Interview kritisiert David D. Friedman einen Nachhaltigkeitsbegriff, der vielleicht eng am Wortlaut orientiert sein mag, doch aber kaum dazu geeignet scheint, die Fülle an Problemen zu repräsentieren, die mit Nachhaltigkeitsfragen verbunden werden. Friedman versteht Nachhaltigkeit als Prinzip, heute gängige Praktiken „unabänderlich und für alle Zeiten auf die gleichen Art und Weise“ pflegen zu können. Ein solch konservativer Begriff passt nun offenkundig nicht zu einem progressiven Programm, das unsere Handlungsweisen in Frage stellt und durch bessere, „nachhaltigere“ Verfahren zu ersetzen trachtet. Gerade das aber haben viele Menschen vor Augen, wenn sie von Nachhaltigkeit sprechen.

Nachhaltige Forschung

So versucht man beispielsweise in der „Sustainable Chemistry“, Techniken zu entwickeln, die es erlauben, bisher im Gebrauch befindliche Chemikalien durch ökologisch weniger bedenkliche, verfügbarere und womöglich auch kostengünstigere Substanzen zu ersetzen. Die Kritik, die Friedman an seinem Nachhaltigkeitsbegriff übt, dass sich im Zuge technischen Fortschritts einst knappe Ressourcen als keine limitierende Größe erweisen, entpuppt sich also als Kernelement eines weiteren Verständnisses von Nachhaltigkeit. Es geht nicht darum, Kohle ewig und damit „niemals auf irgendeine Art zu nutzen“, wie Friedman aus seinem Begriff folgerichtig schließt, sondern Kohle anders und besser zu verwenden, als es bisher üblich war – oder im optimalen Falle nicht mehr auf sie angewiesen zu sein.

„Selbst Wissenschaft führt nicht dazu, dass man Beliebiges aus Beliebigem fertigen kann“

Man ist daher ebenso bestrebt, diejenigen Rohstoffe, auf die wir absehbar nicht verzichten können, effizienteren Prozessen zuzuführen. Pferde und deren Weidegründe, wie sie Friedman als Beispiel anführt, mögen heute nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, doch nutzen wir Erdöl, Wolfram, Antimon, Bismut, Seltenerdmetalle und dutzende weitere Rohstoffe umfangreicher als je zuvor. Auch wenn technischer Fortschritt bisweilen atemberaubende Sprünge ermöglicht, bleibt doch das Portfolio der uns zur Verfügung stehenden Elemente begrenzt. Selbst Wissenschaft führt nicht dazu, dass man Beliebiges aus Beliebigem fertigen kann.

Der zweite Nachhaltigkeitsbegriff, den Friedman anführt, zukünftige Generationen nicht ihrer Möglichkeiten zu berauben, ist daher keineswegs so sinnlos, wie er es darzustellen bemüht ist. Zwar können wir nicht wissen, welche Bedüfnisse und technischen Möglichkeiten zukünftige Generationen haben werden, doch können wir davon ausgehen, dass belastete Böden, instabile klimatische Verhältnisse, hohe Staatsschulden und knappe Ressourcen die Optionen unserer Kindeskinder nicht mehren. Schlicht von bisherigem auf zukünftigen Erfolg schließen können wir hingegen nicht, selbst wenn wir die Hoffnung aus guten Gründen teilen mögen.