Die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus im Juni dieses Jahres war mitnichten die jungfräuliche Vermählung zwischen wachstumsskeptischen Forderungen nach Nachhaltigkeit und dem christlich-konservativen Wertekanon. Es war vielmehr die gefeierte goldene Hochzeit zwischen einem Paar, das sich, zwischenzeitlich entfremdet, in den vergangenen Jahren wieder einander angenähert hat. Umweltschutz zum Erhalt natürlicher Ressourcen als Kernanliegen der Nachhaltigkeit hatte schon im Kaiserreich Hochkonjunktur. Die feinsinnige deutsche Seele ächzte unter dem Dreck der industriellen Revolution, man sehnte sich zurück zur romantischen Naturverbundenheit früherer Zeiten.

Die Gemeinsamkeiten, die Konservatismus und Nachhaltigkeit dieser Tage teilen, sind Zeugnis dieser intimen Liaison. Heute ist Nachhaltigkeit eine Art moderner Konsens-Konservatismus: Auf die “Bewahrung der Schöpfung” als gemeinsamen konservativen Wert kann man sich einigen. Nachhaltigkeit als Generationengerechtigkeit ist eine Forderung, die so global ist, dass sie kulturelle Differenzen mit Leichtigkeit überwindet. Der Nachhaltigkeitsbegriff hat dem Konservatismus seine Kampagnenfähigkeit zurückgegeben. Ob Produkte aus regionalem Anbau, Ökostrom und Fairtrade: Dahinter steckt das konservative Credo „Da weiß man, was man hat“.

Verantwortung oder Selbstaufopferung

Es sind Angst und Sorge, die Nachhaltigkeitsjünger und Konservative für ihre Sache nutzen. Sei es die diffuse Sorge um ein Kollektiv, das die Zeichen der Zeit verschläft und sich eines Tages mit den unkontrollierbaren Konsequenzen einer ökonomischen oder ökologischen Katastrophe konfrontiert sehen wird, oder die Angst vor einer Welt, in dem Einzelne oder Gruppen die Ordnung dieser Welt stören und unser soziales Gefüge durcheinander bringen. Eine bessere Rechtfertigung für einen umfassenden Staat, der nicht nur die körperliche Unversehrtheit schützt, sondern gleichzeitig auch Werte, Normen und die Heimat in ihrer Gänze, gibt es kaum. Ein interessanter Zusatzeffekt: Sehen sich Menschen in apokalyptischen Szenarien ihrer eigenen Endlichkeit nahe, reagieren sie reaktionär. In der Werbeindustrie ist Angstinduktion als unlautere Praxis übrigens verboten.

Verantwortung ist das Argument, was dem ausreichend besorgten Bürger als nächstes entgegenschlägt. Verantwortung ist ein großartiges Wort. Sie beschreibt eine Handlungsbereitschaft, die zugleich gefürchtet und bewundert wird. Und sie macht dem gequälten Intellektuellen ein Versprechen: Sinnstiftung. Der Nachhaltige nimmt seine Verantwortung für die nachfolgenden Generationen wahr, der Konservative übernimmt Verantwortung für das, was vorausgegangene Generationen uns hinterlassen haben. Das klingt im ersten Moment ehrenwert, stimmt aber beim erneuten Hinsehen nachdenklich: Nachhaltige und Konservative sind den Großteil ihres Lebens eine erhebliche Belastung für die Gesellschaft. Der Konservative ist bis zum Erreichen eines bestimmten Alters zur Selbstaufopferung verpflichtet, der Nachhaltige sollte sich nach den ersten beiden Lebensjahrzehnten unauffällig zurückziehen und sich darauf konzentrieren, seinen ökologischen Fußabdruck bis zu seinem Ableben auf ein Minimum reduzieren. Der verantwortungsvolle Bürger sieht sich so Zeit seines Lebens zum resignierten Rückzug in Bereiche verpflichtet, in denen er nicht viel Schaden anrichten kann. Immerhin kann er sich an der sakralen Selbstaufgabe erfreuen.

„Nachhaltige und Konservative sind den Großteil ihres Lebens eine erhebliche Belastung für die Gesellschaft“

Konservative und Nachhaltige beanspruchen für sich, der Nachwelt mindestens die gleichen äußeren Umstände zu überlassen, am besten sollten sie besser sein. Hier ergibt sich ein Definitionsproblem: Was genau sind die „gleichen oder besseren äußeren Umstände“? Geht es nur um zu diesem Zeitpunkt überlebenswichtige Ressourcen wie Süßwasser? Oder haben nachfolgende Generationen auch ein Recht darauf, in Zukunft ihr Bedürfnis nach Naturverbundenheit in genau dem Wald zu befriedigen, in dem schon ihre Ahnen dereinst den sonntäglichen Spaziergang tätigten? Es gibt keine definierten Grenzen für derartige Selbstverpflichtungen. Im Zweifel hängt sich der Konservative hier an die Verbots- und Verpflichtungserklärungen der Nachhaltigen an, denn die bringen im Zweifel wenigstens Ordnung, Struktur und Vorhersehbarkeit.

Nachhaltigkeit ist keine Leistung

Die Nachhaltigkeit erfreut sich großer Bewunderung. Ob es sich um Menschen handelt, die Orangensaft mit Fairtrade-Siegel kaufen, oder um Unternehmen, die sich einen neuen Geschäftsbereich Corporate Social Responsibility zulegen, die Öffentlichkeit überschlägt sich vor Begeisterung.

Dabei ist nachhaltiges Verhalten genauso wenig auf eine besondere Leistung zurückzuführen wie eine konservative Einstellung. Nachhaltigen und konservativen Menschen werden Verantwortung und Selbstaufopferung attestiert. In dieser positiven Etikettierung typisch menschlichen Verhaltens liegt vielleicht ihre größte Leistung.

Beide ideologischen Konzepte setzen auf die Status-Quo-Bias, ein systematisches Denkmuster, das in vielen Studien belegt wurde. Die Status-Quo-Bias besagt, dass Menschen die Qualität ihrer aktuellen Situation überschätzen. Damit eng verwandt ist der Endowment-Effekt, die Tatsache, dass Menschen den Wert ihres Eigentums relativ zu hoch einschätzen. Beide Befunde sind wissenschaftliche Stütze der Vorstellung von einem ‚menschlichen Trägheitsmoment’. Ähnlich wie jeder Masse in der Physik eine gewisse Trägheit zugeschrieben werden kann, so haben auch Menschen die Präferenz, zunächst in ihrer aktuellen Situation zu verharren. Nicht zuletzt ist der Umstand, dass nicht-existente Alternativen sehr schwer vorstellbar sind, ursächlich dafür, dass wir lieber in der sicheren Gegenwart verbleiben, als das Risiko einzugehen, mit einer unberechenbaren Zukunft unsere Situation verbessern zu können. Kurz gesagt: Wir Menschen sind verhaltenswissenschaftlich konservativ programmiert. Es ist keine besondere Leistung, sich dem hinzugeben.

„Ähnlich wie jeder Masse in der Physik eine gewisse Trägheit zugeschrieben werden kann, so haben auch Menschen die Präferenz, zunächst in ihrer aktuellen Situation zu verharren“

Wie sieht es mit einer nachhaltigen Einstellung aus? In ihrer ökonomischen Forderung nach langsamem, „nachhaltigem“ Wachstum bedient sie selbstverständlich konservative Verhaltensmuster. Kleine Schritte sind weniger energieintensiv als große. Bestenfalls ist das Wachstum so „nachhaltig“, dass sich die Veränderungen überhaupt nicht auf mein Leben auswirken. Ebenso wie der Konservativismus baut sie auf die Verlustaversion des Menschen: Im Zweifel investieren wir deutlich mehr, um den Status Quo zu erhalten als in mögliche Gewinne. Darüber hinaus hat die Nachhaltigkeit ein Werbemittel zur Verfügung, das den Menschen in der grundlegendsten seiner Eigenschaften, seiner Menschlichkeit, anspricht: Nachhaltigkeitskampagnen können mit einer starken Bildsprache arbeiten. Glückliche Kühe auf der grünen Wiese machen uns glücklich, Massentierhaltung verstört.

Mut verdient Bewunderung

Konservativ zu sein ist keine Kunst, Nachhaltigkeit auch nicht. Diese Welt wird sich verändern. Und sie wird sich vor allem in den nächsten Jahren stark verändern, gerade in Europa. Wir haben keine Zeit, uns in die Bequemlichkeit eines nachhaltigen Wohlfühl-Konservatismus zu flüchten, denn es gibt Menschen auf dieser Welt, die ihre eigenen Ideen und Träume verwirklichen wollen. Sie wollen gestalten und verändern, und das ihr gesamtes Leben lang. Es ist unserer westlichen Welt zu raten, sich der beiden Klötze Konservatismus und Nachhaltigkeit rasch zu entledigen. Denn konservativ und nachhaltig sind wir sowieso. Uns helfen weder apokalyptische Angstszenarien noch Menschen, die sich voller Selbstaufgabe in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Unsere Zeit verlangt nach Menschen, die Ideen zur Lösung von Problemen haben und keine, die voller Panik versuchen, das Problem so lange es geht klein- oder aufzuhalten. Menschen, die Verantwortung für sich selbst übernehmen, und keine, die immer nur für andere sprechen und handeln und im Zweifel nicht die Konsequenzen dafür tragen müssen. Menschen, die ihr Trägheitsmoment überwinden und neue Dinge ausprobieren, obwohl sie nicht abschätzen können, wie das Endergebnis aussehen wird. Wir sollten anfangen, Menschen für ihren Mut zu bewundern, denn die eigene Komfortzone zu verlassen ist tatsächlich eine besondere Leistung.