Menschen, die lieber etwas weniger Veränderung haben als zu viel davon, berufen sich gerne auf Tradition. Auch in der jüngst wieder aufkommenden Debatte über „Leitkultur“ wird oft von Traditionen gesprochen, die diese Kultur definieren sollen. Bestimmte Verhaltensweisen werden da einer „abendländischen“ Tradition zugewiesen, der Tradition der Aufklärung oder der des Grundgesetzes. Man kann wohl über die inhaltliche Seite dieser Zuweisungen diskutieren ohne je an ein Ende zu kommen. Wichtiger wäre es allerdings, einmal die formale Seite dieser Argumentation genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn Tradition könnte unter Umständen gar nicht das sein, wofür es diejenigen halten, die sich für eine von ihnen definierte Tradition stark machen.

In den meisten Kontexten wird Tradition zudem als Quelle des Lernens angesehen. Die Erfahrungen, die andere vor uns gemacht haben, ihre Gedanken und Einsichten sind wertvoll, weil wir von ihnen lernen können.

Das Wort Tradition stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „Weitergabe“. Impliziert wird also ein Prozess. Zu glauben, ein ursprünglicher Gehalt könne im Prozess der Weitergabe unverändert bleiben, ist eine Illusion. Allein schon deshalb, weil hier wie überall, wo menschliche Kommunikation involviert ist, das „Stille-Post-Prinzip“ greift: Wir wissen nie ganz genau, was unser Gegenüber gemeint hat, interpretieren seine Worte neu und geben eine zumindest teilweise andere Botschaft weiter, die dann ihrerseits wieder anders interpretiert wird.

In den meisten Kontexten wird Tradition zudem als Quelle des Lernens angesehen. Die Erfahrungen, die andere vor uns gemacht haben, ihre Gedanken und Einsichten sind wertvoll, weil wir von ihnen lernen können. Der Philosoph Karl Popper spricht in seiner Beschreibung der vorsokratischen Philosophen von der „Tradition des kritischen Diskurses“. Zugrunde liegt dem die Überzeugung, dass nicht nur die Erfahrungen und Einsichten einer bestimmten Generation der Vergangenheit wertvoll (oder gar wertvoller) sind, sondern auch diejenigen anderer Generationen bis hin zur heutigen. Zumal die jeweils aktuelle Generation durch die Tradition ja auf einen viel breiteren Wissensschatz zurückgreifen kann als vorhergehende Generationen.

Traditionen sind keine Dogmen, sondern helfen uns zu lernen

Damit es einen wirklichen Lernfortschritt geben kann, muss man vermeiden, stehen zu bleiben. Wer sich sklavisch an ein Dogma hält, einem „das war schon immer so“ huldigt oder irgendwelchen Autoritäten quasi Unfehlbarkeit zuschreibt, der bleibt stehen. Der lernt nicht, sondern käut nur wieder. Der geht davon aus, dass es einen Punkt in der Geschichte gibt, an dem eine Person oder eine Gruppe richtiggelegen hat, und dass es gilt, diesem Punkt so nahe wie möglich zu kommen. Dem steht freilich unsere Erfahrung entgegen, dass wir Menschen immer wieder Fehler machen, Irrtümer begehen und eingeschränkt sind in unserer Einsichts- und Verständnisfähigkeit. Wir bedürfen der Korrektur – und je mehr Menschen daran beteiligt sind, umso besser. Nur durch den kritischen Diskurs, auch über viele Generationen hinweg, lernen wir.

Tradition ist also eine Summe von Erfahrungen und Erkenntnissen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt, ergänzt und zum Teil auch korrigiert haben. Der Grund, warum wir uns als Menschen unserer Traditionen annehmen anstatt sie einfach über Bord zu werfen, liegt in unserem Bedürfnis zu lernen und weiterzukommen. Tradition ist ein vorwärts gerichteter Prozess, wie auch der Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek in seinem Werk „Recht, Gesetz und Freiheit“ schreibt:

„Tradition ist nicht etwas Gleichbleibendes, sondern das Ergebnis eines Selektionsprozesses, der nicht von der Vernunft geleitet ist, sondern vom Erfolg. … Die schrittweisen Veränderungen der Moral waren also nicht ein moralischer Verfall, auch wenn sie oft ererbte Gefühle beleidigten, sondern notwendige Voraussetzung für den Aufstieg der offenen Gesellschaft freier Menschen.“

Konservative, die für sich in Anspruch nehmen, Bewahrer von Tradition zu sein, wenden sich mithin gegen das Konzept von Tradition selbst. Tradition ist nicht etwas, das bewahrt wird, sondern etwas, das weitergegeben wird, um es nützlich zu machen. Der Sinn von Tradition ist es, uns auf dem Weg nach vorne weiterzuhelfen. Es ist das wichtigste Prinzip menschlichen Lebens und menschlicher Zivilisation. Nur weil wir die Fähigkeit zum Lernen und Weiterentwickeln besitzen, sind wir nicht mehr Amöben im Urmeer, sondern Menschen, die Bücher schreiben, Smartphones konstruieren, Recht sprechen und unsere Alten und Kranken pflegen. All dies verdanken wir der Tradition, die es uns ermöglicht hat, von früheren Generationen zu lernen. Und auch künftige Generationen werden das, was uns heute wichtig und wertvoll ist, aufgreifen und verändern und damit noch fruchtbarer machen.

Erstmals erschienen in: freiraum 52 (4/2016).