Der Merkantilismus gilt als eine ökonomisch fatale Epoche, die wir überwunden hätten. Es war eine Ära, in der es das Ziel der Staaten war, möglichst viel Gold im eigenen Land durch Außenhandelsüberschüsse anzuhäufen. Seit einigen Jahren macht sich jedoch ein Stimmungsumschwung in der Bevölkerung gegenüber der internationalen Handelspolitik bemerkbar, der durch die Wahl Donald Trumps vorerst seinen Höhepunkt erreicht hat.

Nun wird vermehrt davon gesprochen, dass die heimische Industrie geschützt werden muss gegen „billige“ Konkurrenz aus dem Ausland und dass Handelsbilanzdefizite, also ein Überschuss der Importe gegenüber den Exporten, wie bspw. in den USA, von zentralem Nachteil für eine Nation sind. Ländern wie China und Deutschland wird vorgeworfen, durch ihre Exportüberschüsse auf Kosten ihrer Handelspartner die eigene Wirtschaft zu stärken und die der anderen zu schädigen. Auf die Spitze getrieben wird diese neomerkantilistische Einstellung durch Trumps „America first!“. Nach ihm müsse die heimische Industrie durch Strafzölle bspw. gegen Mexiko und China und deren angeblich unlautere Konkurrenz geschützt werden.

Dem schottischen Nationalökonomen und Moralphilosophen Adam Smith, der oft als Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre bezeichnet wird, ist es mit seinem 1776 erschienenen Magnum Opus „The Wealth of Nations“ gelungen, die zeitgenössische ökonomische Theorie des Merkantilismus nachhaltig zu überwinden. Dieser galt hauptsächlich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert und das Wohl einer Nation hängt davon ab, die heimischen Goldreserven durch eine interventionistische Wirtschaftssteuerung inklusive eines forcierten Exportüberschusses und durch Importbeschränkungen zu maximieren, um für Kriegszeiten genügend Kapital zur Finanzierung der Armeen zu akkumulieren.

Es ist das Verdienst Adam Smiths, mit seinem überaus einflussreichen Werk herausgestellt zu haben, dass nicht die Handelsbilanz, sondern das Handelsvolumen entscheidend für den Wohlstand der Nationen ist, und dass dieses durch möglichst freien Handel nach innen und außen erhöht wird. Im Anschluss an die durch ihn begründete Wirtschaftstheorie der klassischen Nationalökonomie wurden in vielen Staaten Zunftprivilegien und Zölle abgebaut und der internationale Handel intensiviert.

Komparativer Kostenvorteil – eine Win-Win-Situation

Die Vorteile einer weltweiten Arbeitsteilung und des Freihandels wurden durch die auf die britischen Ökonomen James Mill und David Ricardo zurückgehende, im 19. Jahrhundert entwickelte Theorie des komparativen Kostenvorteils verdeutlicht. Diese legt dar, dass trotz unterschiedlich günstiger Produktionsbedingungen alle Nationen vom internationalen Handel profitieren. Ging Adam Smith noch davon aus, dass einige Nationen bspw. aufgrund ihrer natürlichen Rohstoffe einen absoluten Vorteil beim Handel gegenüber anderen haben, besagte diese Theorie, dass auch die Handelspartner, die auf allen Feldern verhältnismäßig weniger produktiv sind, dennoch einen Vorteil durch grenzüberschreitende Arbeitsteilung haben. Eine Spezialisierung der unterlegenen Länder auf Produktionszweige, in der die Produktionsunterlegenheit am geringsten ist, bei gleichzeitiger Spezialisierung der überlegenen Länder auf Produktionszweige, in denen die Überlegenheit am größten ist, führt insgesamt bei freiem Handel zu einer höheren Produktion und damit zu einem erhöhten Wohlstand.

In Folge dieser Erkenntnisse der Nationalökonomie hat sich der Handel vom Ende des 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert stark internationalisiert, was zu einer rasenden Zunahme des Wohlstandes der handelnden Nationen und der Bevölkerung geführt hat. Ein vorläufiges Ende dieser Phase des Freihandels stellte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs dar. In seinem 1927 erschienen Werk „Liberalismus“ beschreibt der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises die Zunahme der protektionistischen Maßnahmen in der internationalen Wirtschaftspolitik, im Widerspruch zur ökonomischen Theorie:

„Das Groteske ist dabei, daß alle Staaten zwar die Einfuhr verringern, gleichzeitig aber die Ausfuhr steigern wollen. Das Ergebnis dieser Politik ist die Unterbindung der internationalen Arbeitsteilung und damit allgemeine Verringerung der Produktivität der Arbeit, die nur darum nicht sinnfälliger zutage tritt, weil die Fortschritte der kapitalistischen Wirtschaft noch immer groß genug sind, um sie aufzuwiegen.“ 1

Nach den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges war die Hoffnung groß, durch internationale Zusammenarbeit und Handel die Nationen einander wieder näherzubringen. Ein Beginn war das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) von 1947, aus dem 1994 die Welthandelsorganisation (WTO) hervorging. Doch ähnliche Argumente wie heute wurden auch damals schon vorgetragen. Angesichts der Lohnkonkurrenz schrieb der Ordoliberale Wilhelm Röpke in seinem visionären Buch „Internationale Ordnung – heute“ (erstmals 1945 erschienen):

„Gut- oder bösgläubig werden sie es so darstellen, als ob dies eine besondere Bosheit der Länder niedrigeren Lohnniveaus und eine Gefährdung des eigenen Volksinteresses sei, und von ,Schundlöhnen‘, ,sozialem Dumping‘“2 reden.

Nach Röpke wird jedoch ein hohes Lohnniveau durch eine allgemeine Produktionsüberlegenheit kompensiert, ebenso eine allgemeine Produktionsunterlegenheit mit einem niedrigen Lohnniveau. Diese bilden zwei Seiten einer Medaille und führen insgesamt zu einem Ausgleich, der beiden Seiten zugutekommt. Er warnte bereits vor einer Abschottungspolitik eines integrierten Europas.

Dass Röpke mit seinen Befürchtungen richtig lag, zeigen u. a. bestehende Schutzzölle der Europäischen Union gegenüber China und Taiwan. Derzeit gibt es Strafzölle von bis zu 64,9 Prozent des Preises auf Stahl und insgesamt 39 „Antidumping-Maßnahmen“. Begründet wird dies durch eine subventionierte chinesische Stahlbranche und der Angst einer gezielten Destruktion der europäischen Stahlindustrie. Nebenbei subventioniert die EU ebenfalls in erheblichem Maße, u. a. im Agrarsektor, wodurch nach der Argumentation der EU-Kommission bspw. afrikanische Strafzölle gegen die EU gerechtfertigt wären. Hier zeigt sich, dass Sonderinteressen einzelner Branchen zum Nachteil der Gesamtbevölkerung geschützt werden. Gary Johnson, der ehemalige Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Libertarian Party, verdeutlicht:

„Wenn China subventionieren will, was wir kaufen, dann werden sie sich letztlich selbst schaden.“

Märkte sind dynamisch: Wenn es sich nicht mehr als rentabel erweist ein gewisses Gut in einer Region zu produzieren, da es günstiger importiert werden kann, dann ist das zunächst von Vorteil, da die Produktion insgesamt günstiger geworden ist und Überkapazitäten vermieden oder abgebaut werden. Dass sich heimische Industrien anpassen, ist unvermeidlich, sollen diese nicht zum Nachteil aller Konsumenten durch eine nationalistische Schutzzollpolitik protegiert werden. Auch der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sagt einen geringeren Handel durch Zölle voraus:

„[A] more protectionist world would in general have lower capital flows as well as less trade; and the U.S., as a recipient of capital inflows, would therefore end up with a lower trade deficit.“

Das Ziel Trumps einer Reduzierung des Importüberschusses wäre zwar erfüllt, aber nur in Verbindung mit einer Senkung des Handelsvolumens und damit des Wohlstandes.

Steht uns also wieder einmal eine neomerkantilistische Phase bevor oder befinden wir uns schon mittendrin? Zu hoffen wäre das nicht. Zumindest in den USA könnte es eventuell auch noch anders kommen: Eine Gruppe amerikanischer Kongressabgeordneter um Paul Ryan versucht Trumps protektionistische Rhetorik durch eine Reform zu befriedigen, die das Handelsvolumen nicht schädigen würde. Angedacht ist durch die „Border Adjustment Tax“ eine Senkung der Unternehmensbesteuerung bei gleichzeitiger Einführung einer innerstaatlichen Mehrwertsteuer, die Importe, aber nicht Exporte betreffen würde, und somit im Ergebnis keine Handelseinschränkung bedeutet. Dies würde, was den Freihandel betrifft, ein weit positiveres Szenario darstellen als das, was Trump bisher angekündigt hat. Wie sich aus der Theorie des komparativen Kostenvorteils ergibt, profitiert die Gesamtbevölkerung von einem hohen Handelsvolumen. Zölle und Einfuhrbeschränkungen senken dieses und führen zu weniger effizienten Produktionsweisen.

Dass dies nicht nur für Güter zutrifft, lässt sich aus der Theorie auch für Arbeit und Kapital als weitere Produktionsfaktoren ableiten. Nationalistische Schutzzollpolitik führt somit nicht weiter; Spezialisierung und internationale Arbeitsteilung führen stattdessen zum Wohlstand für alle. Dass Einzelindustrien und deren Arbeitnehmer durch Produktionsverschiebungen kurzfristig benachteiligt werden, darf hierbei natürlich nicht ignoriert werden. Die Vermutung liegt aber nahe, dass es sich nur um temporäre Einbußen handelt, die eventuell auch durch gezielte Unterstützung zu einem insgesamt vorteilhaften Ergebnis führen.

„Wer sich Mühe gibt, die Theorie des internationalen Handels zu verstehen, muß zugeben, daß das ,Schundlohn‘-Argument des ökonomischen Nationalismus in seiner Verallgemeinerung eines nachdenklichen Menschen unwürdig ist“, schließt Röpke7.

Nachdenklichkeit wird Donald Trump, dem „terrible simplificateur“, allerdings bekanntlich eher nicht zugeschrieben.

 

In einem kürzlich erschienen Interview, erklärt auch Deirdre McCloskey Vorteile des Freihandels:

 


1
Ludwig von Mises (1993). „Liberalismus”. Academia Verlag. S. 115.

2 Wilhelm Röpke (1979). „Internationale Ordnung – heute”. Verlag Paul Haupt. 3. Auflage. S. 248 f.

7 Röpke, S. 249.