Wirtschaftliche Ungleichheit bleibt weiterhin ein großes Thema (in den USA – Anm. d. Ü.) in der politischen Debatte, auch wenn die Überschriften oft mit dem Terrorismus und dem Klimawandel gefüllt sind. Bernie Sanders hat das Thema sogar zum Schwerpunkt seiner Wahlkampagne gemacht, und auch andere Kandidaten haben es angesprochen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Pew Research Center heizt nun, wenn auch mit unpassenden Argumenten, die Debatte weiter an.

Über diese Studie wurde in den Medien ausführlich diskutiert, dabei wurde sie in einem Aspekt allerdings grob missverstanden: Die Studie fand nämlich unter anderem heraus, dass die amerikanische Mittelschicht dabei sei, zu schrumpfen, und mittlerweile sogar nur noch etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmache. Bald war wieder vom „Aushöhlen“ der Mittelschicht die Rede, und die Studie wurde mit den Sorgen um wachsende wirtschaftliche Ungleichheit verknüpft.

Wenn man sich besagte Studie allerdings genauer anschaut, dann fällt auf, dass die Mittelschicht seit 1971 tatsächlich geschrumpft ist, allerdings weil deren Mitglieder vor allem in die Oberschicht aufgestiegen sind, und nicht in Unterschicht abgerutscht.

Sie glauben mir nicht? Sehen Sie selbst, auf dieser tollen Grafik der Financial Times:

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Man kann gut sehen, wie die Leute auf der linken Seite im Verlauf von 44 Jahren langsam immer weiter nachts rechts rutschen. Wenn man die Verteilung im Jahr 1971 mit der im Jahr 2015 vergleicht, erkennt man, dass es (inflationsbereinigt) 2015 mehr Haushalte gibt, die 80.000 $ oder mehr verdienen, und deutlich weniger Haushalte, die weniger als 80.000 $ verdienen (ausgenommen sind hier diejenigen, die 0$ verdienen). Es stimmt zwar: Die Mittelschicht ist deutlich kleiner geworden; aber warum sollte uns dies stören, wenn es dafür mehr Haushalte mit hohen Einkommen und weniger Haushalte mit niedrigen Einkommen gibt?

Könnte es sein, dass wirtschaftliche Ungleichheit gut ist?

Interessanterweise scheint es auch so, als ob die Autoren des FT-Artikels sich ihre eigene Grafik nie angeschaut haben. Die „doom-and-gloom“-Rhetorik des Artikels steht im Widerspruch zu jener Grafik, welche die Behauptungen des Artikels widerlegt. Wie sagt man so schön: Man soll eine gute Geschichte niemals mit Tatsachen kaputt machen.

Das Steigen des Haushaltseinkommens mag zu einem gewissen Grad Nebenprodukt derselben ökonomischen Vorgänge sein, die die Sorgen um die wirtschaftliche Ungleichheit angestoßen haben. Dies ist in der Grafik recht gut an dem deutlichen Zuwachs bei den Superreichen zu erkennen.

Es gibt heute viel mehr Menschen, die extrem reich sind, allerdings kam mit dem Wachstum der Oberschicht auch eine starke Verbesserung der ökonomischen Situation von weniger gut gestellten Haushalten. Könnte es also sein, dass wirtschaftliche Ungleichheit zu etwas gut sein könnte? Ich denke, die Antwort auf diese Frage ist ja.
Hier nun zwei Argumente, mit denen Unterstützer eines freien Marktes die wirtschaftliche Ungleichheit verteidigen können.

Das erste Argument ist ein recht Offensichtliches: Die wachsende Ungleichheit ist ein Nebenprodukt von wirtschaftlichen Vorgängen, deren Resultate an sich wünschenswert sind. Wenn man beispielsweise davon ausgeht, dass freie Märkte zu Frieden und zu mehr Wohlstand für alle führen, aber gleichzeitig auch Ungleichheit, dann sollten wir diese Ungleichheit zumindest tolerieren.

Ein Grund, warum die Mittelschicht (und wir alle) in der letzten Generation reicher geworden ist, ist dass die Kosten vieler Güter und Dienstleistungen, gemessen an den eingesetzten Arbeitsstunden, gesunken sind.

Dies ist eine typisch libertäre Argumentationsweise, und sie ist gut und richtig. Ein Kritiker der wirtschaftlichen Ungleichheit könnte allerdings entgegnen, dass selbst wenn dies stimmen würde, Ungleichheit ja nicht zwingend erforderlich wäre. Es gibt offensichtlich einen Unterschied zwischen der Aussage „gute ökonomische Institutionen führen zu Ungleichheit, aber gleichzeitig auch zu allgemeinem Wohlstand“ und der Aussage „allgemeiner Wohlstand für alle kann nicht ohne wirtschaftliche Ungleichheit als Nebenprodukt erreicht werden“. Der Kritiker würde vermutlich argumentieren, dass man ja die Ungleichheit reduzieren kann und dennoch eine bessere ökonomische Situation für alle erreichen kann.

An dieser Stelle kommt dann wieder unsere Pew Studie in Spiel und liefert uns unser zweites Argument, das wirtschaftliche Ungleichheit verteidigt. Ein Grund, warum die Mittelschicht (und wir alle) in der letzten Generation reicher geworden ist, ist dass die Kosten vieler Güter und Dienstleistungen, gemessen an den eingesetzten Arbeitsstunden, gesunken sind. Die gesunkenen Preise vieler alltäglicher Güter, wie Fernseher, Smartphones oder auch Medikamente ermöglichten es mehr Menschen, sich diese Dinge leisten zu können.

Ein Faktor, der hierzu geführt hat, ist die wirtschaftliche Ungleichheit. In seinem Werk „Die Verfassung der Freiheit“ erklärt F.A. Hayek:

Ein großer Teil der Ausgaben der Reichen dient, obwohl das nicht der beabsichtigte Zweck ist, zur Deckung der Kosten des Experimentierens mit neuen Dingen, die in der Folge den Ärmeren zugänglich gemacht werden kann… Auch die heute Ärmsten verdanken ihr relatives materielles Wohlsein den Folgen vergangener Ungleichheit.1

Eine kleine Gruppe an sehr reichen Menschen zu haben, ist es, was dazu führt, dass die Luxusgüter von gestern zu den Alltagsgegenständen von heute werden.

Dieser Prozess besteht aus zwei Teilen: Dem Tragen der Kosten und dem Entdecken. Die Reichen können sich die neuen Technologien trotz hoher Preise leisten, dadurch erst entsteht ein Anreiz für Unternehmen, solche Produkte überhaupt herzustellen. Sobald die Reichen den – zu Beginn – hohen Preis bezahlt haben, sind die Fixkosten von Forschung und Entwicklung gedeckt. Danach können die Produzenten den Preis auf ein Niveau senken, das viel näher an den Grenzkosten einer weiteren produzierten Einheit liegt, wodurch das Produkt für mehr Menschen erschwinglich wird.

Warum brauchen wir Autos für $100.000?

Die Reichen sind allerdings auch eine Art Frühindikator, welcher den Produzenten anzeigt, ob ihre neuen Produkte gut ankommen.

Jemand, der gegenüber Ungleichheit kritisch eingestellt ist, würde vielleicht sagen, dass niemand „wirklich“ ein $100.000 Luxusauto mit modernen high-tech Funktionen braucht. Aber allein die Tatsache, dass sich jemand dieses Auto leisten kann, zeigt den Autoherstellern welche neuen Funktionen möglicherweise beliebt sind. Rückfahrkameras waren einst nur in sehr teuren Autos verfügbar, mittlerweile gehören sie zur Standardausstattung. Dasselbe mag eines Tages mit Kollisionswarnsystemen passieren, welche aktuell nur in einigen High-End Modellen verfügbar sind.

Tatsächlich war fast alles, was wir heute als Alltagsgegenstand bezeichnen, irgendwann mal nur sehr reichen Menschen vorbehalten. Die ersten Mikrowellen waren sehr teuer und wurden vor allem von sehr wohlhabenden Menschen gekauft. Ich erinnere mich noch, wie meine Eltern Ende der 1970er Jahre $900 für einen Videorekorder zahlten. Heutzutage liegt der Preis eines VCR Systems wohl nahe bei null. Es waren Reiche, die die ersten LCD-Fernseher erwarben, und damit den Produzenten halfen, die Produktionskosten zu tragen und herauszufinden, was die meisten Leute haben wollten. Heute steht in fast jeder Wohnung so ein Fernseher, weil LCD-Fernseher deutlich günstiger geworden sind.

Die Ungleichheit an einem gegebenen Zeitpunkt ist ein wichtiger Teil des Vorganges, der Wohlstand für den Rest der Gesellschaft in den darauffolgenden Jahren schafft. Die extrem Reichen ermöglichen es den Produzenten zu experimentieren und ihre Kosten zu decken, was wiederum dazu führt, dass mehr Produkte für alle anderen erschwinglich werden.

Die Ungleichheit, die durch den Markt entsteht, ist unabdingbar im Prozess des Voranschreitens des Marktes, durch den wir alle wohlhabender werden. Und deswegen schrumpft die Mittelschicht: Die Reichen haben mithilfe von Wettbewerb und Konkurrenz die Mittelschicht reicher gemacht.


Steven Horwitz ist Charles A. Dana Professor für Ökonomie an der St. Lawrence Universität und Autor von „Hayeks Modern Family: Classical Liberalism and the Evolution of Social Institutions.“

Dies ist eine Übersetzung von Marcus Rumler. Das Original hier: http://fee.org/freeman/why-is-the-middle-class-shrinking/

1 Hier wurde statt der Übersetzung das deutsche Originalzitat eingefügt, siehe https://books.google.de/books?id=p2y8sMIQgukC&pg=PA56&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=4#v=onepage&q&f=false