Wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte stellt viele Menschen vor ein Rätsel. Ebenso unklar ist, wen man dafür zur Rechenschaft ziehen könnte – wenn man dies denn wollte. Trumps Wähler müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, die amerikanische Bevölkerung erpresst und gekidnappt zu haben. Und das muss als Warnung an alle Wähler rechtspopulistischer Parteien verstanden werden.

Überraschung am 9. November

Wie kommt man nur auf die Idee, seine Stimme einer Person wie Trump zu geben? Sind das alles verkommene Leute? Nazis? White Nationalists? Frauenverachter? Diese Fragen beschäftigen die Welt seit dem Morgen des 9. November diesen Jahres. Wer am Abend zuvor zu Bett ging, konnte sich noch sicher wähnen, am nächsten Morgen von der Nachricht geweckt zu werden, dass Hillary Clinton die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika ist. So jedenfalls ließen die Umfragen und die mediale Berichterstattung vermuten. Für nicht wenige Menschen dürfte es daher überraschend gewesen sein zu hören, dass das amerikanische Volk Donald Trump zu ihrem Präsidenten machte. Zwar hat der Immobilienmogul insgesamt weniger Stimmen als seine Rivalin erhalten. Das amerikanische Wahlsystem lässt Trump dennoch ins Weiße Haus einziehen.

Was bei den einen zu schockartigen Reaktionen geführt hat, ist für andere ein Zeichen gegen das Washingtoner Establishment und der Anfang von Amerikas Erneuerung. Wiederum andere halten die Aufregung – in jeder Richtung – für zu groß: Auch ein Trump müsse sich erst einmal im politischen Amerika durchsetzen, und das sei gar nicht so einfach. Klar ist, dass die Auswirkungen der jüngsten Wahlen in den USA, auch wenn sie katastrophal sein könnten, noch nicht bekannt sind. Erste Personalentscheidungen des „President Elect“ lassen zwar nichts Gutes verheißen, und Proteste gegen Trump in verschiedenen amerikanischen Städten dauern an. Doch wie es sich entwickelt wird man wachen Auges erst noch sehen müssen.

Die USA – ein Volk weißer Nationalisten?

Für diejenigen, die der Präsidentschaft Trumps mit Entsetzen entgegensehen, die ihn mit dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier als „Hassprediger“ einstufen und die Gefahr dieses Populisten als äußerst real einstufen, liegt es nahe, die 59,5 Millionen Wähler moralisch zu verurteilen, die für das Wahlergebnis verantwortlich sind. Bestehen die USA aus einer riesigen Menge fremden- und frauenfeindlicher Weißer? Sicher nicht. Wahlanalysen haben gezeigt, dass 42% der Frauen, die ihre Stimme abgaben, für den New Yorker Geschäftsmann stimmten, genauso wie 29% derjenigen Hispanics, die zur Wahl gingen.

All diesen Personen zu unterstellen, sie seien das, was man Trump unterstellt (und nachweisen kann), ist falsch.

Die Bedeutung dieser Zahlen erfasst man erst richtig, wenn man bedenkt, dass in 2016 die Zustimmung zu Trump unter den Spanischstämmigen im Vergleich zu 2012, als Romney antrat, um acht Prozentpunkte stieg. Viele Menschen gaben an, dass sie für Trump stimmten, obwohl sie ihn nicht mögen. Die Gründe dafür sind vielfältig: die einen empfanden Clinton als das größere Übel, andere stimmten gegen das Establishment, und für wiederum andere mögen einzelne Punkte aus Trumps Programm attraktiv gewesen sein. All diesen Personen zu unterstellen, sie seien das, was man Trump unterstellt (und nachweisen kann), ist falsch.

Und dennoch: wer für Trump stimmte, gehört verurteilt. Nicht juristisch, sondern moralisch. Und zwar auf das Schärfste.

Das hat nicht in erster Linie damit zu tun, dass die Welt ins Chaos fallen wird, wenn Trump Präsident ist. Das wird sie nicht, auch wenn die Gefahr größer ist als bei Hillary Clinton. Aber Trumps Präsidentschaft wird drastische Auswirkungen auf einige Personengruppen haben (Muslime, Afro-Amerikaner, Homosexuelle). Das hat auch nicht damit zu tun, dass es nicht nur eine einzig richtige Antwort auf die Frage danach gegeben hat, wer der bessere Präsident ist. Politische Fragen sind nicht so einfach zu beantworten und in ein wahr/falsch- oder gar gut/böse-Schema zu pressen.

Aber Trumps Präsidentschaft wird drastische Auswirkungen auf einige Personengruppen haben (Muslime, Afro-Amerikaner, Homosexuelle)

Trumps Wähler haben nicht einfach falsch gewählt oder die Wahrheit nicht gesehen. Schließlich liegt die Verurteilung auch nicht darin begründet, dass die einzelnen Wähler eine entscheidende kausale Rolle für Trumps Erfolg spielten. Das tun sie bei einem Elektorat von 122,6 Millionen Menschen nachweislich nicht. Die moralische Verurteilung basiert vielmehr auf der Art und Weise, wie sich der einzelne Wähler zu seiner politischen Gemeinschaft verhält.

Warum Trumps Wähler moralisch verurteilt werden müssen

Der Grund dafür, dass wir Trumps Wähler verurteilen sollten, liegt darin, dass sie uns alle erpressten bzw. in Geiselhaft nahmen. Zuvörderst die amerikanischen Bürgerinnen und Bürger, die Partner internationaler Allianzen und die Armen dieser Welt – alle wurden sie erpresst und gekidnappt. Denn Trumps Wähler sagten uns im Grunde: „Wir sind nicht zufrieden, und wenn ihr nicht tut, was ihr uns sagt, wählen wir einen Politiker samt politischem Programm, das auf Ausgrenzung, fehlendem Respekt und Totalitarismus beruht.“

Es wird besonders diejenigen treffen, die sowieso schon verletzlich sind, die eine Geschichte an Ausgrenzung, Intoleranz und erlebter Gewalt hinter sich haben und die sich nur schlecht wehren können. Wie viel schäbiger kann es denn sein?

Um dies zu erreichen, so die Erpresser weiter, würden die Mittel gewählt, die heute eingesetzt werden, um all die diktatorischen Elemente aus der Welt zu räumen. Das heißt: An der Erpressung besonders perfide ist die Tatsache, dass die Erpresser das System selbst nutzen, das sie schädigen wollen. Und sie nehmen dabei in Kauf, dass nicht nur sie die Folgen zu tragen haben, sondern alle anderen auch. Es wird besonders diejenigen treffen, die sowieso schon verletzlich sind, die eine Geschichte an Ausgrenzung, Intoleranz und erlebter Gewalt hinter sich haben und die sich nur schlecht wehren können. Wie viel schäbiger kann es denn sein?

Überlegen wir einmal: Wenn uns jemand droht, auf Obdachlose einzuhauen, solange wir ihm nicht geben, was er will – ist das gerechtfertigt? Würden wir so jemandem mit Verständnis gegenübertreten?

Keine Frage, vielleicht hat diese Person große Probleme, die niemand hören will. Vielleicht wurde dieser Person Unrecht getan, für das sie entschädigt gehört. Vielleicht ist es angeraten, dieser Person zu helfen. Aber ist die von ihr ausgesprochene Drohung der richtige Weg? Würden wir sie nicht zu allererst für das, was sie androht, verurteilen?

Verständnis ist nur die halbe Wahrheit

Wer jetzt fordert, dass Trumps Wähler mit „Verständnis“ (was auch immer das heißen soll), nicht mit Kritik oder gar Ausgrenzung begegnet werden solle, der versteht nur einen Bruchteil dessen, was jetzt angesagt ist. Selbstverständlich muss man diese Leute nicht des Rechtsradikalismus oder dergleichen bezichtigen. Das sind größtenteils ganz normale Menschen, und das heißt: das Spektrum ihrer (politischen) Überzeugungen ist weit. Es steht daher viel schlimmer: Man muss diese Menschen einer maßlosen Unverantwortlichkeit bezichtigen, da sie sehenden Auges Mithilfe am Aufbau eines mindestens unzivilisierten, vermutlich aber offen fremdenfeindlichen, rückwärtsgewandten Regimes geleistet haben. Und das obwohl sie dies inhaltlich noch nicht einmal unterstützen.

Auch wenn es ein Problem ist, dass diese Leute nur noch radikaler zu werden drohen, wenn man ihnen ihre Fehler nachweist, so ist dies ein Grund mehr, die Unmoral hinter deren Strategie deutlich herauszustellen.

Angesichts dessen ist „Verständnis“ für solche Leute oder der Aufruf, die Leute doch bitte nicht noch mehr zu verärgern, grundfalsch. Was im Verständnis-Jargon verpackt wird ist eine Art Appeasement-Politik, die jedoch weder auf der international-politischen noch auf der persönlichen Ebene positive Folgen zeitigt. „Irgendwie haben diese Leute ja Recht, und wir wollen ihnen mal schön entgegenkommen, sonst kriegen wir eins auf die Mütze“ – so oder so ähnlich lautet die Appeasement-Devise. Wer sich aber im Politischen derart rüpelhaft und verantwortungslos verhält, wie es Trump-Wähler tun, muss dies gesagt bekommen. Auch wenn es ein Problem ist, dass diese Leute nur noch radikaler zu werden drohen, wenn man ihnen ihre Fehler nachweist, so ist dies ein Grund mehr, die Unmoral hinter deren Strategie deutlich herauszustellen. Und gleichzeitig für Veränderungen dort zu sorgen, wo sie bei den Leuten ankommt: bei politischen Maßnahmen für Freiheit, Frieden und Selbstbestimmung. Hören wir auf, die Wähler von Trump zu schonen und ihrer erpresserischen Taktik auf den Leim zu gehen!

Vor der eigenen Haustür kehren

Trumps Wahl ist nun Geschichte, seine Präsidentschaft Zukunft. Wir werden sehen, wie sie sich entwickelt. Wir können die vorangegangenen Überlegungen aber nicht nur für Amerika nutzen: Im kommenden Jahr werden in Deutschland und Frankreich wichtige Wahlen abgehalten, bei denen Personen, die Trump nicht unähnlich sind, auf den Wahlzetteln stehen. Die AfD ist das Schreckensgespenst in Deutschland, Marine le Pen und der Front National mischen derzeit Frankreich auf. Und in Ungarn und Polen sowie in Russland und der Türkei regieren bereits Politiker vom Schlage Trumps.

Entsprechend wird hierzulande seit einiger Zeit heftig darüber diskutiert, wie mit der AfD umzugehen ist. Drücken deren Wähler nicht einen tiefen Unmut aus, eine Wut, die die etablierte Politik zu adressieren hat? Müssen wir diese Menschen vielleicht mehr anhören, anstatt sie auszugrenzen? Verstehen, nicht verurteilen? Nochmal: selbstverständlich können müssen auf der inhaltlichen Ebene viele Punkte diskutiert werden, die in AfD-Forderungen zum Ausdruck kommen. Die AfD begann ihren Weg in die Politik als einigermaßen wirtschaftsliberale Partei, die sicher einige wichtige Themen adressierte. Sicher ist auch das politische System Berlins (oder Brüssels oder Washingtons) in weiten Teilen ein Sumpf, der sich weit weg von den Straßen Dresdens befindet. Reform ist nötig, und das betrifft nicht zuletzt die Organisation politischer Entscheidungsstrukturen selbst (Stichwort: Föderalismus). Die AfD hat sich aber von diesem Erbe ganz gewaltig verabschiedet. Das zeigt sich an deren Mitglieder wie auch an der Programmatik, die sich die Partei zulegt.

Nein, die Wähler der AfD sind vermutlich in ihrer Gesamtheit genauso wenig verkommen oder fremdenfeindlich wie die Wähler Trumps.

Wer nun im Angesicht all der Probleme im Lande meint, mit offener Fremdenfeindlichkeit drohen zu müssen, der hat jeden Anspruch auf Gehörtwerden verloren. Er kämpft mit unlauteren Mitteln, wenn er droht, die Menschheit mit der Wahl einer rechtspopulistischen und zum Totalitarismus neigenden Partei oder der Unterstützung würde- und respektloser, dummer Strömungen zu bestrafen. Nein, die Wähler der AfD sind vermutlich in ihrer Gesamtheit genauso wenig verkommen oder fremdenfeindlich wie die Wähler Trumps (obwohl es nicht wenige verkommene, fremdenfeindliche Wähler geben mag). Aber auch hier gilt: Hören wir auf, AfD-Wähler zu schonen und ihrer erpresserischen Taktik auf den Leim zu gehen!