Das Gespräch führte Timotheus Stark.

 

Islam und westliche Moderne – hier sehen viele Menschen einen Widerspruch. Frau Toprak, wie ist dieser Eindruck entstanden?

Die Vereinbarkeit einer Religion mit einem Konzept der Moderne ist in die öffentliche Debatte gerückt, weil in der islamischen Welt eine große Ablehnung bis hin zum Hass gegen die westlichen Werte und Lebensweisen herrscht. Allen voran ist ein bemerkenswerter Teil der europäischen Muslime anti-westlich eingestellt. Allerdings sollten wir uns gesellschaftlich nicht nur mit theologischen Aspekten des Islams und seiner Vereinbarkeit mit „westlicher Moderne“ beschäftigen, sondern uns mit den Lebenswelten und Einstellungen der Muslime selbst auseinandersetzen.

Wenn es um die westliche Lebensweise geht, dann sehen wir sehr wohl, dass es Muslime gibt, die mit Werten wie Säkularismus und individueller Freiheit leben und einen kritischen Umgang mit religiösen Geboten und Verboten haben und diese auch fordern – auch wenn es eine Minderheit ist. Was sie ausmacht ist nicht, dass sie weniger gläubig sind, sondern, dass sie sich nicht nur ausschließlich immer auf ihre Religion beziehen, wenn es um das alltägliche Leben geht – aber vor allem kritisch den Islam deuten und dennoch ihren Glauben ausleben. Dann beobachten wir, dass viele Muslime, die es sich leisten können, einen westlichen Lebensstil pflegen, der lediglich mit Konsum verbunden ist. Teure Autos, westliche Designerprodukte oder modernste Technologien werden unkritisch in der Türkei und in den Golf-Staaten konsumiert, während gleichzeitig „westliche Werte“ abgelehnt werden. Besorgniserregend ist, dass zum Teil auch universelle Menschenrechte als ein „Produkt der westlichen Welt“ betrachtet und mit religiösen und kulturellen Begründungen abgelehnt werden; insbesondere, wenn dies unter europäischen Muslimen geschieht.

So entstehen Parallelgesellschaften und abgekapselte Lebenswelten. Sie erzeugen Narrative, die Muslime nicht nur von ihrem eigenen Lebensraum isolieren, sondern auch verhindern, dass sie einen normalen Umgang mit der westlichen Kultur entwickeln. Auf diese Weise geschieht es, dass Muslime die westliche Lebensweise missverstehen, verurteilen oder gar hassen.

 

Welche Werte verbinden Sie ganz persönlich mit dem „Westen“?

Freiheit, aber auch Überforderung. Denn man muss verstehen lernen, mit individueller Freiheit umzugehen.

 

Welche Unterschiede stellen Sie zwischen den gelebten Werten in Deutschland und in der Türkei fest?

Ich sehe weniger einen Unterschied in den Werten, als vielmehr in den sozialen Normen, die aus den Werten abgeleitet werden. Während momentan die türkische Regierung ein Demokratieverständnis propagiert, das an der Wahlurne beginnt und endet, ist unser Demokratieverständnis umfassender. Vor allem möchten wir auch unseren Alltag in Deutschland so demokratisch, freiheitlich und offen wie möglich gestalten. Die türkische Gesellschaft allerdings verfällt immer stärker in autoritäre Strukturen, in denen soziale Normen herrschen, die demokratische Werte verletzen.

 

Was schätzen Sie an der Lebenswirklichkeit hier in Deutschland, beziehungsweise in England, im Vergleich zum Leben in der Türkei?

Ich habe die Selbstverständlichkeit unterschiedlicher ethnischer und religiöser Identitäten in London sehr genossen. Die Londoner haben verstanden, wie komplex die Erfahrungen, die Geschichte und die Identität der Menschen sein kann – und stellen keine nervigen Fragen über den Islam, sondern lassen sich auf das Individuum ein. Die Türkei schätze ich dafür, dass die Menschen dort nachdenken und aufmerksam sind – sie reagieren im Alltag auf dich. Wenn du in Istanbul in einer rappelvollen U-Bahn sitzt und dich leise fragst, wie spät es sein könnte, werden alle um dich herum dir sofort die Uhrzeit sagen. Man kann Menschen einfach ansprechen und sich sofort unterhalten. In Deutschland ist das schwieriger, aber ich liebe die Tiefsinnigkeit in den Freundschaften und das aufrichtige Interesse, das einem entgegengebracht wird. Was mir allerdings missfällt, sind die Pauschalisierungen und Kategorisierungen, wenn es um Menschen geht, die sie nicht wirklich kennen – aus Angst und Überforderung. Das ist eine gefährliche Tendenz.

 

Vorfälle wie in der Kölner Silvesternacht bestärken Islamkritiker in ihrer Auffassung, dass die Gleichberechtigung der Frau mit dem Islam nicht vereinbar sei. Sind Benachteiligungen der Frau im Koran fest verankert?

Das kann Ihnen ein Theologe sicher besser beantworten. Aber die Frage verliert für die Muslime an Bedeutung, wenn sie ihre Religion als Glauben in ihren Alltag einbetten, der andere Grenzen kennt. Selbst wenn der Koran eine Benachteiligung der Frau vorsieht, existieren andere Normen, die beispielsweise dem Prinzip der Gleichheit von Mann und Frau entsprechen. Somit werden soziale, religiöse und kulturelle Vorgaben ausgehebelt, die frauenfeindlich sind. Man muss nur bereit sein – auch als gläubiger Moslem – diese Normen zu akzeptieren.

 

Allerdings lässt sich nicht verneinen, dass es auch in Deutschland Muslime gibt, die diese Normen offenbar nicht akzeptiert haben. Was können wir dagegen tun?

Werte sind zu abstrakt. Deshalb sollte man nicht nur die Werte Demokratie, Gleichheit und Toleranz propagieren, sondern aufzeigen, welche Handlungspraktiken daraus folgen. Gleichheit der Geschlechter kann auch bedeuten, dass man weder dem Mann noch der Frau Freiheiten einräumen möchte – so wie es in der salafistischen Szene gemacht wird.

 

Spielen in muslimisch geprägten Kulturkreisen auch andere Einflüsse eine Rolle?

Eben jene sozialen und kulturellen Normen, von denen ich spreche und die auf patriarchalischen Werten basieren. Diese Werte werden auch in religiösen Geboten und Normen kodiert, weitergelebt und gestärkt. Wie in allen Kulturkreisen und Communities, in denen Gewalt gegen Frauen ein ernstes Problem ist, spielen aufgezwungene Geschlechterrollen und kulturelle sowie soziale Normen eine Rolle, die Diskriminierung gegen Frauen legitimieren oder gar fördern.

 

Existieren zu strenge Hierarchien in vielen muslimischen Familien?

Was fehlt, ist die Kritikfähigkeit und Nüchternheit, mit der man die eigenen familiären und gemeinschaftlichen Strukturen hinterfragt. In den meisten muslimischen Familien wird ein kritischer Umgang mit Traditionen, mit dem Glauben und mit Normen nicht gestattet, geschweige denn gefördert. Es kann nicht sein, dass man mit seinem Glauben, seiner Familie und Gemeinschaft brechen muss, um kritisch und frei zu leben.

 

Könnten Frauenverbände mehr auf diese Probleme aufmerksam machen und Lösungsansätze bieten?

Selbstverständlich ist neben der Politik auch die Zivilgesellschaft besonders gefragt. Gerade in autoritären politischen Strukturen leisten Frauenorganisationen sehr viel, um die Rechte von Frauen und Kindern zu schützen und Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Aber das allein reicht natürlich nicht aus. Sprache und Botschaft von Massenmedien und Gesetze zum Schutz der Frau müssen Hand in Hand gehen, damit frauenfeindliche Mentalitäten aus den Gesellschaften und Communities verschwinden. Deshalb dürfen wir hierzulande nicht relativieren, entschuldigen oder rechtfertigen, wenn im muslimischen Kontext die Rechte der Frauen verletzt werden!

 

In einer Studie des Bundesinnenministeriums von 2007 stimmten 46,7% der muslimischen Befragten „eher“ oder „völlig zu“, dass die Befolgung der Gebote ihrer Religion für sie wichtiger ist als Demokratie. Etwa ein Viertel der Jugendlichen bejahte die eigene Bereitschaft zu körperlicher Gewalt gegen Ungläubige im Dienst der islamischen Gemeinschaft. 9,4% befürworteten die Strafen der Scharia. Sind der politische Anspruch und die Intoleranz zu Anders- und Ungläubigen, die einige Muslime in Europa hegen, dem Koran oder der islamischen Tradition geschuldet?

Das wäre eine monokausale Erklärung. Wenn man allein den Koran und die islamischen Traditionen für die geringe Demokratiekompetenz von Muslimen als Erklärung heranzieht, müsste es heißen, dass es keine muslimischen Demokraten gäbe. Was dem Großteil der islamischen Welt fehlt – und fatalerweise auch vielen Muslimen in europäischen Gesellschaften – ist ein kritischer Umgang mit ihrer Religion. Und genau da müssen wir gesamtgesellschaftlich ansetzen.

 

Wie genau sähe ein kritischer Umgang mit dem Islam aus?

Zunächst einmal müsste ich mich als Gläubige als Individuum sehen und mich für die Art und Weise, wie ich meine Religion auslebe, vor niemanden rechtfertigen. Vor keinem Geistlichen, nicht vor den Eltern oder der Gemeinschaft. Dafür müssten die Gemeinschaften aber auch den Raum geben; also ihre Deutungshoheit über die Ausgestaltung des muslimischen Alltags aufgeben. Sonst wird man nur dafür bestraft, wenn man kritisch mit der Religion umgeht.

 

Welche Gefahren sehen Sie im Salafismus?

Insbesondere junge Menschen, die in einer offenen, modernen, demokratischen und toleranten Gesellschaft geboren und aufgewachsen sind, werden nicht nur religiöser, sondern auch reaktionärer. Während man noch vor einigen Jahren als Jugendlicher mit muslimischen Hintergrund in Deutschland versuchte, sich Freiheiten zu erkämpfen und Anerkennung in der Mehrheitsgesellschaft zu erlangen, wird dieser friedliche, wenn auch schwierige, Kampf nun verworfen. Mit dem Salafismus können sie den Traditionen und Erwartungen ihrer Eltern, Familie und Gemeinschaft entsprechend leben und sie glauben, dass sie so ihre innere Zerrissenheit überwinden. Sie fühlen sich der deutschen Gesellschaft moralisch überlegen, weil sie denken, dass sie sich auf dem „richtigen” Weg befinden. Das gleiche Gefühl bringen sie ihren Eltern und allen anderen entgegen, die ihnen ihre individuelle Freiheit verwehrt hätten, wenn sie „ganz normal“ leben würden.

 

Wie kann der Radikalisierung Einhalt geboten werden?

Wir müssen junge Menschen wieder für die moderne und offene Gesellschaft gewinnen. Das können wir nur, indem wir eine nationale Kultur schaffen in Deutschland, in der sie sich mit ihrer facettenreichen Identität wiederfinden. Nur so kann man ihnen das Gefühl der Ausgrenzung nehmen. Um junge Menschen vor Radikalisierung zu „immunisieren“, sind wir auf ein demokratisches und freies Islamverständnis zwar angewiesen.
Darüber hinaus sollten wir in Schulen und in den Medien junge Menschen sensibilisieren, wenn es um Dogmen, Verbote und Stigmatisierung geht, ob diese nun einen religiösen, politischen oder ideologischen Ursprung haben.

 

Die Abwehrhaltung „Das hat mit dem Islam nichts zu tun“ scheint aufgrund der Konflikte im Nahen Osten und auch in Europa nicht plausibel zu sein. Auf der anderen Seite möchte natürlich kein friedlicher Muslim mit einem Terroristen gleichgestellt werden. Haben denn die Konflikte, wie auch der Terrorismus, Ihrer Meinung nach etwas mit dem Islam zu tun?

Radikalisierung und Extremismus bedienen sich einer ideologischen Grundlage, die auf islamischen Inhalten und Narrativen basiert. Natürlich heißt das nicht, dass der Islam seine Angehörigen zu Terroristen macht, wohl aber, dass die Auffassung und Lebensweise vieler Muslime und ihr Umgang mit dem Islam ein Nährboden für Radikalisierung bietet. Ein kritischer Umgang auch mit islamischen Inhalten ist unumgänglich. Das ist nicht nur die Aufgabe eines gläubigen Menschen, sondern eines jeden Demokraten, ob christlich, jüdisch oder muslimisch.

 

Würden Sie sich von Muslimen eine höhere Bereitschaft wünschen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen?

Als Bürger in diesem Land fordere ich von meinen Mitmenschen, ob muslimisch oder nicht-muslimisch, Kritikfähigkeit, differenziertes Denken, Ablegen von Feindbildern – und ich wünsche mir, dass wir uns alle um gesellschaftlichen Frieden bemühen.

 

Was bedeutet es für Sie, Muslimin zu sein?

Ich bin Mensch – daran sollten wir uns immer erinnern, wenn Konflikte, wenn Gewalt und Hass uns herausfordern.