In der jüngsten Enzyklika Laudato Si appelliert Papst Franziskus inbrünstig für einen fundamentalen Wandel in der Weise, wie Menschen mit der Umwelt umgehen. Gegenwärtige Lebensstile, insbesondere jene der reicheren, westlichen Gesellschaften, würden die Ressourcen der Erde verschwenden und einen verbrauchten Planeten für all unsere Nachfahren hinterlassen. Franziskus behauptet, dass unsere Probleme durch ein „technokratisches Paradigma“ angetrieben seien, das auf der „Idee des unendlichen oder unbegrenzten Wachstums“ basiere. Dieses Paradigma dominiere demzufolge Wirtschaft und Politik. Individuen würden sich einzig und allein darauf konzentrieren, die „Profite zu maximieren“ und aus der Erde „alles rauszuholen, bis es nichts mehr zu holen gibt“.

Franziskus‘ Appell hat eine klare Botschaft. Das vorherrschende wirtschaftliche System basierend auf Märkten, Tausch und Profit – so sein Narrativ – richte unwiederbringlichen Schaden an der Umwelt an und müsse abgelehnt oder zumindest fundamental geändert werden. Obwohl der Papst sicherlich die prominenteste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ist, die sich dieser Sichtweise verschrieben hat, ist er kaum der Erste. Tatsächlich hat es seit Beginn der industriellen Entwicklung und der Transformation unserer Volkswirtschaften im 18. Jahrhundert immer Stimmen gegeben, die das Ende von Ressourcenausbeutung und wirtschaftlichen Wachstum forderten. Sie wollten schwerwiegende Folgen für unsere physische Umgebung verhindern.

Wirtschaft, Wandel, Wachstum

Wirtschaftliches Wachstum und Umweltschutz werden oft, ohne das zu hinterfragen, als widersprüchliche Ziele angesehen. Sie sehen eine höhere Lebenserwartung, mehr und günstigere Konsumgüter, ein immer ausgereifteren globalen Markt für Produkte und Dienstleistungen notwendigerweise im Konflikt mit dem steigenden Gebrauch endlicher Ressourcen. Und weil letztere begrenzt sind, müsse Wachstum irgendwann ein Ende finden. Auch Umverteilung müsse stattfinden – weg von denen, die mehr konsumieren als ihnen zusteht und hin zu jenen, die nicht genug haben. Die in letzter Zeit zunehmenden Sorgen über den Klimawandel haben diese Argumente noch einmal befeuert.

Die Vorstellung, dass die Welt ein unveränderlicher Kuchen ist („fixed-pie economy“), den man nur aufteilen, aber nicht vergrößern könne, existiert seit mindestens 200 Jahren – ohne dass die schlimmsten Voraussagen je eingetroffen wären. Thomas Malthus wurde berühmt durch seine 1798 getroffene Vorhersage, dass das Bevölkerungswachstum regelmäßig die Anstiege in der Nahrungsmittelproduktion überflügeln werde, was zu Hungersnöten und Bevölkerungsrückgängen führen müsste. Er erwartete daher, dass in Zukunft die Weltbevölkerung in etwa gleich bleiben werde. Schaut man zurück in die Zeit der Veröffentlichung von Malthus‘ Aufsatz, existierten etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde – heute sind es mehr als sieben Milliarden. Wie es der Zufall will, war ein nie zuvor gesehenes, exponentielles Wachstum des Wohlstands schon auf dem Weg, als Malthus schrieb. Ängste vor Überbevölkerung und Nahrungsmittelknappheit kamen erneut in den 1950ern und -60ern auf. Diese wurden wiederum durch die „Grüne Revolution“, die zu einer Versechsfachung der landwirtschaftlichen Erträge in den Entwicklungsländern führte, entkräftet.

In jüngster Zeit gewann die kurz bevorstehende Ankunft vom „Peak Oil“ an Aktualität: Das letztlich finale Förderende der weltweiten Rohöl-Produktion. Und tatsächlich – für die meiste Zeit zwischen der ersten Ölkrise 1973 und den Ausläufern der Finanzkrise 2008 waren Ölpreise im Aufwärtstrend und kletterten auf bis zu 140$ pro Barrel. Sieben Jahre später veränderte sich die Situation jedoch fundamental. Nicht nur ist der Rohölpreis um 60% im Vergleich zu seinem Hoch im Juni 2014 gefallen, es gibt auch wenige Anzeichen, dass er in absehbarer Zeit wieder auf sein altes Niveau steigen wird.

Quellen des Fortschritts

Um diese Entwicklungen verstehen zu können, muss man sich bewusst werden, dass wirtschaftliches Wachstum aus drei verschiedenen Quellen stammen kann: aus einer Vergrößerung des Kapitalstocks oder der Erwerbsbevölkerung, aus einer effektiveren Arbeitsteilung durch Handel oder durch menschlichen Einfallsreichtum, der Innovationen generiert. Was Malthus und dem „Peak Oil“-Narrativ fehlt, ist die Erkenntnis, dass zwar viele der für Produktion und Konsum genutzten Ressourcen endlich sind, menschliche Kreativität jedoch nicht. Nicht nur, dass wir uns an wechselnde Umstände und die relative Knappheit bestimmter Güter anpassen können – wir haben ein riesiges Arsenal an Wissen über die Jahrhunderte gesammelt, dass es uns erlaubt, noch flexibler auf Veränderungen und Widrigkeiten zu reagieren. Wir produzieren heute mit weniger Ressourcen immer mehr Output. Das exponentielle Wachstum der landwirtschaftlichen Produktivität halt unseren Vorfahren dabei, der malthus‘schen Falle zu entkommen und wurde durch die Mechanisierung in Gang gesetzt. In gleicher Weise brachte die bahnbrechende Forschungsarbeit von Norman Borlaug zusammen mit der Übernahme moderner Technologie den Entwicklungsländern in den 1960er-Jahren die „Grüne Revolution“. Auch die radikale Transformation der Energielandschaft durch den US-Fracking-Boom bedarf kaum einer Wiederholung. Die Vertreter dieser „fixed-pie economy“ stehen im Widerspruch mit der neueren menschlichen Geschichte. Sie versäumen es, die Möglichkeiten durch Innovation miteinzubeziehen: Mehr Ertrag aus knappen Ressourcen, neue Rohstoffe für die Produktion oder die Verwertung von Abfall in wertvolle Ausgangsprodukte.

Quelle: Angus Maddison, GDP per Capita by World Regions since 1600,_http://www.ggdc.net/maddison/maddison-project/home.htm

Quelle: Angus Maddison, GDP per Capita by World Regions since 1600,_http://www.ggdc.net/maddison/maddison-project/home.htm

Die Tatsache, dass viele Rohstoffe endlich sind, impliziert eben nicht, dass die Menschheit nicht mehr wachsen, nicht mehr Menschen besser ernähren und in Häusern unterbringen kann. Wie steht es aber mit der Behauptung, dass die freie Marktwirtschaft irreparablen Schaden an der Umwelt verursacht? Zwei voneinander getrennte Aspekte müssen hier berücksichtigt werden.

Wir betrachten zuerst die Umweltleistung kapitalistischer Gesellschaften im Vergleich zu Systemen mit anderer sozialer und wirtschaftlicher Ordnung. Die Fälle von Verschmutzung und Misswirtschaft in westlichen Ländern ist weithin bekannt. Da wären Firmen, die Chemikalien in Flüsse pumpen und Kraftwerke, die giftige Dämpfe in die Atmosphäre blasen. Aber diese Vorkommen wirken wie Anekdoten im Vergleich zu den großflächigen Verwüstungen der Umwelt im östlichen Europa und Russland zu kommunistischen Zeiten. Angetrieben vom Wunsch nach Industrialisierung und landwirtschaftlicher Massenproduktion schenkten die Zentralregierungen im Osten den Umweltdesastern, die auch durch die politischen Maßnahmen der lokalen Autoritäten verursacht wurden, kaum Bedeutung, oder sie wussten über diese sogar kaum Bescheid. Erdrutsche, Vergiftung des Trinkwassers und Verschmutzung der Luft waren weitverbreitet und für Jahrzehnte nicht adressiert. Die vorsätzliche Verwüstung des Aralsees in Zentralasien, die das gesamte Ökosystem um ihn herum zerstörte, ist nur eine der schrecklichen Umweltsünden nicht-kapitalistischer Systeme.

Markt und Mechanismen

Der relative Erfolg freier Marktwirtschaften bei der Vorbeugung und schnellen Bekämpfung von Umweltproblemen ist kein Zufall. Freie Gesellschaften haben ausgeklügelte Mechanismen entwickelt, um mit Externalitäten – Kosten, die von jemandem getragen werden müssen, obwohl er nicht Teil einer Transaktion ist – und mit gemeinsamen Ressourcen, wie Seen und Flüsse, umzugehen. Dies macht meist den Kern von Umweltproblemen aus. Die bedeutendste Institution ist das Privateigentum. Wenn Umweltressourcen im Privatbesitz sind, haben Menschen einen Anreiz, diese sparsam zu nutzen, um ihre langfristige Produktivität zu sichern – man vergleiche etwa Viehzucht (meistens auf Basis von Privateigentum durchgeführt) mit der Katastrophe staatlich kontrollierter Fischereirechte in der Nordsee. Hinzu kommt, dass Privateigentümer rechtlich gegen jene vorgehen können, die deren Eigentum beschädigen.

Sie fand heraus, dass alle, die dabei auch erfolgreich waren, Regeln verfassten, um die Nutzung von Ressourcen zuzuteilen. Es wird überwacht, ob die Regeln befolgt werden – eine Missachtung wird bestraft.

Selbst wenn private Eigentumsrechte schwer zu etablieren sind, etwa in Gewässern, die überfischt oder verschmutzt werden können, haben lokale Gemeinschaften in freien Gesellschaften effektive Wege gefunden, um eine langfristige Gefährdung der Umwelt abzuwenden. Elinor Ostrom, Wirtschaftsnobelpreisträgerin im Jahr 2009, verbrachte ihre Karriere damit, Produktionsgemeinschaften rund um die Welt zu studieren und herauszufinden, wie diese mit der sogenannten „Tragödie der Allmende“ umgingen. Darunter versteht man den Raubbau an einer gemeinsamen Ressource, angetrieben durch kurzfristige Interessen des Einzelnen, der seine individuellen Vorteile über das langfristige Interesse der Gemeinschaft stellt. Sie fand heraus, dass alle, die dabei auch erfolgreich waren, Regeln verfassten, um die Nutzung von Ressourcen zuzuteilen. Es wird überwacht, ob die Regeln befolgt werden – eine Missachtung wird bestraft. Die konkreten Vereinbarungen zur Verhinderung von Raubbau unterschieden sich dabei teils bemerkenswert stark zwischen verschiedenen Gemeinschaften, aber sie griffen dabei weder auf eine stark zentralisierte Regierung noch auf die Einmischung von Behörden zurück.

Wie wir sehen können, haben Gesellschaften, die dem Markt die optimale Zuteilung von Ressourcen überlassen, effektive Institutionen entwickelt, um mit Verschmutzung, Lärmbelästigung und der Ausbeutung endlicher Ressourcen fertig zu werden. Wie kommt es dann, dass wir immer noch CO2-emittierende Autos und Lastwagen haben? Wenn fossile Kraftstoffe zur globalen Erwärmung beitragen, warum werden diese nicht verboten und durch erneuerbare Energiequellen ersetzt? Hier kommt eine zweite Betrachtung ins Spiel.

Mehr Wohlstand, mehr Umweltschutz

Jede Entscheidung im Leben beinhaltet die Zuteilung von knappen Ressourcen – wie viel Zeit man mit der Arbeit anstatt mit Hobbies verbringen möchte, oder wie viel Geld man für ein Haus zurücklegen will, um es sich in der Zukunft anzuschaffen. Märkte haben sich auf tagtäglicher Basis als das beste Mittel zur optimalen Zuteilung von Abermillionen von Ressourcen nach verschiedenen Bedürfnissen herausgestellt. Dies gilt auch in Bezug auf die Umwelt: Wenn der Zugewinn durch Wachstum – etwa in Form höherer Lebensstandards, besserer Ernährung, angenehmerer Arbeit – groß genug ist, sind Menschen oft bereit, Verschmutzung für eine gewisse Zeit zu tolerieren. Tatsächlich sind wohlhabendere Gemeinschaften besser in der Lage, nicht nur mit Krankheit und Hunger, sondern auch mit den Folgen von Umweltproblemen wie der globalen Erwärmung umzugehen. Und die freie Marktwirtschaft ist erwiesenermaßen das beste Mittel, um alle wohlhabender zu machen.

Optimismus statt Pessimismus

Belege aus der ganzen Welt zeigen eindeutig einen positiven Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand eines Landes und seinen Umweltbemühungen. Die meisten von uns sind allzu vertraut mit den dystopischen Berichten über das britische Stadtleben im 19. Jahrhundert – der Manchesterkapitalismus im Mittelpunkt. Heutzutage dagegen ist das Vereinigte Königreich sauberer, als es zu irgendeinem Punkt des letzten Jahrhunderts war und auch deutlich wohlhabender als zu der Zeit, in der Charles Dickens schrieb. In der Tat ist es so, dass Menschen eher Wert auf eine saubere Umwelt legen und die Ressourcen nutzen, um sich für den Umweltschutz zu engagieren, je reicher sie werden und je höher ihr Lebensstandard ist. Dies lässt sich in zunehmenden Maße auch in China beobachten, wo es vor kurzem wieder zu einer öffentlichen Gegenreaktion auf die städtische Verschmutzung kam. Dasselbe wird in Indien und Afrika passieren, sobald die Mehrheit der Bevölkerung ihre Grundbedürfnisse erfüllt sieht und sich auf Ziele, die über das nackte Überleben hinausgehen, konzentrieren kann. Im Laufe der Zeit sollten wir erwarten, dass Kampala und Mumbai Standards für Sauberkeit, Hygiene und Verschmutzung haben werden, die näher an denen von Genf oder London liegen.

Die Marktwirtschaft ist neutral

Wir dürfen die freie Marktwirtschaft nicht als Feind des Umweltschutzes ansehen. Tatsächlich ist das marktwirtschaftliche System selbst indifferent in Bezug auf eine bestimmte Politik – er ist lediglich ein neutrales Mittel zur effizienten Zuteilung von Ressourcen, basierend auf den Präferenzen und Zielen von Milliarden einzelner Individuen. Weil Menschen über die letzten zwei Jahrhunderte wohlhabender und besser informiert über ihre Umgebungen geworden sind, wurden sie sensibler gegenüber den Ursachen und Folgen von Umweltschäden und sind eher in der Lage, mit ihnen umzugehen. Deshalb sind Autos heutzutage so spritsparend wie niemals zuvor. Das ist auch der Grund dafür, warum Städte in Industrieländern tendenziell sauberer sind als noch vor wenigen Jahrzehnten. Wir sind jetzt reicher als zuvor und deshalb generell weniger gewillt, Verschmutzung zu tolerieren. Die Bevölkerung ist heutzutage mehr an einer sauberen Umwelt interessiert als je zuvor.

Märkte können und werden eine entscheidende Rolle beim Entdeckungsprozess sauberer Energieproduktionen übernehmen. Die vom freien Wettbewerb getriebene Innovation war entscheidend bei der Entwicklung von immer ressourcensparenderen und erneuerbaren Energiequellen – insbesondere dann, wenn die Anreize für Innovation nicht durch staatliche Subventionen untergraben werden. Das Profitstreben führte zu energieeffizienteren Verkehrsmitteln, von Hybrid-, Elektro- und wasserstoffbetriebenen Autos hin zu Zügen und Flugzeugen mit besserer CO2-Bilanz. Unternehmen in freien Gesellschaften konnten zuletzt auch große Fortschritte bei der Energiespeicherung – so wie Teslas Powerwall – und der Haushaltsproduktion von Elektrizität aufweisen, wobei sie die Kosten für die Verbraucher reduzierten und Solarzellen für den Privatgebrauch effektiver machten. Man vergleiche diese Bilanz mit der gigantischen Verschwendung von milliardenschweren Erdölsubventionen in vom Staat kontrollierten Volkswirtschaften wie Venezuela und Russland.

Zweifellos kann es kein anderes Wirtschaftssystem so leicht mit freien Märkten aufnehmen, wenn sowohl Wohlstand, als auch eine saubere Umwelt in der effizientesten, also kostensparendsten und unschädlichsten Weise generiert werden sollen. Alle jene, die wie Papst Franziskus besorgt sind über den Klimawandel und sein Potential, die Schwächsten der Welt zu schädigen, sollten sich die Vorzüge der freien Marktwirtschaft zunutze machen. Die Menschen benötigen die Grundlage dafür, sich auf kommende Veränderungen einzustellen. Ebenso müssen Politiker in reicheren Ländern überzeugt werden, den Klimawandel mit marktwirtschaftlichen Mechanismen anzugehen. Diese stellen sicher, dass Schadensvermeidung und Risikovorbeugung zum geringsten Preis umgesetzt werden – sowohl für den Menschen, als auch für die Umwelt.

sdfsd

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Print-Magazin zum Thema „Nachhaltigkeit“ – Zum Download