In Deutschland kennen wir den Begriff der Vergangenheitsbewältigung. Er beschreibt den Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, und zwar dezidiert der Geschichte der eigenen Nation. Das setzt die Bereitschaft voraus, sich den finsteren Aspekten dieser Geschichte zu stellen: Was ist passiert? Welche Fehler wurden gemacht? Welche Verantwortung tragen wir dafür? Was hätten wir anders machen, was verhindern müssen? Warum haben wir das nicht getan? Und schließlich: Was müssen wir daraus lernen? Welche Verpflichtung entsteht daraus für die Zukunft?

Die eigene – auch kollektive – Vergangenheit zu bewältigen ist wichtig, um aus ihr zu lernen und der Zukunft befreit entgegentreten zu können. Wer den Begriff hört, wird damit in erster Linie und leider oft ausschließlich die Bewältigung der zwölf Jahre von 1933 bis 1945 verbinden. Diese Jahre sind zurecht sehr sorgfältig aufgearbeitet worden. Denn der Holocaust als industriell organisierter Genozid ragt als monströse Welle aus dem Fluss der Geschichte heraus. So etwas nie wieder zuzulassen, ist die herausragende Verantwortung, die sich aus der Geschichte ergibt.

Verfolgt man die öffentliche Debatte, scheint es, als wäre dies die einzige Lehre, die einzige Verantwortung, die aus der deutschen Geschichte zu ziehen sei. Wir versichern uns gegenseitig unserer Ablehnung des Faschismus und gehen dann zur Tagesordnung über. Was davor und danach war, erscheint allenfalls als Fußnote, als minder relevantes Beiwerk zur deutschen Geschichte, das ohne großen Verlust beiseite gelassen werden kann. Die deutsche Geschichte, so diese Lesart, ist die Geschichte des Faschismus. Alles, das vorher war, führte auf ihn zu. Alles, das danach kam, leitete sich aus ihm ab.

Angesichts einer solchen Sichtweise auf die Geschichte überrascht es nicht, dass die Deutschen bis heute ein eher unterkühltes Verhältnis zu ihrem Nationalfeiertag haben. Der dritte Oktober 1990, also der Tag, an dem die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitrat, wird pflichtgemäß zur Kenntnis genommen. Man freut sich über den Feier- und, wie in diesem Jahr, den Brückentag, durch den das Wochenende zum langen Wochenende wird. Eine gute Gelegenheit für einen Kurzurlaub! Wer feiert denn diesen Feiertag tatsächlich?

Noch ambivalenter ist das Verhältnis zum Tag des Mauerfalls, der sich am 9. November zum dreißigsten Mal jähren wird. Verständlich, denn dieser „Schicksalstag Deutschlands“ ist in vielerlei Hinsicht vorbelastet. Bei der Betrachtung des Mauerfalls liegt der Fokus auf der „Wiedervereinigung“. „Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört“, so sprach Ex-Bundeskanzler Willy Brandt am Tag danach und setzte somit den Rahmen dafür, wie das, was da gerade geschah, zu interpretieren sei. Perfider tat dies die SED, die in Person des neuen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz den Begriff der „Wende“ einführte, der sich schließlich im allgemeinen Wortgebrauch für die ungeheuren Umwälzungen des Jahres 1989 durchsetzte.

Zweierlei wird durch diese Begrifflichkeiten verschleiert: erstens der unerschrockene Einsatz der Bürgerrechtler innerhalb der DDR, die über die 40 Jahre ihres Bestehens unerträgliches ertragen mussten. Darüber kann man viel an Orten wie der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen erfahren, dem früheren zentralen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der Deutschen Demokratischen Republik, oder dem Stasimuseum, das sich heute in den Gebäuden des MfS in der Berliner Normannenstraße befindet. Gerade für sie ist es ein Hohn, dass die friedliche Revolution, für die sie unter höchstem persönlichen Einsatz gekämpft haben, heute mit dem Krenz-Begriff der „Wende“ belegt ist.

 

Zweitens wird dadurch verschleiert, dass sich hier nicht nur etwas „wendete“ oder „zusammenwuchs“, sondern dass hier ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem sang- und klanglos scheiterte. Eines, das mit Pauken und Trompeten gestartet war. Eines, das für Aktivisten, Politiker und Intellektuelle auf der ganzen Welt als Projektionsfläche ihrer Hoffnungen, Träume und Ziele gedient hatte. Das große Experiment der Menschheit, das für Frieden, Gerechtigkeit und das Ende von Unterdrückung und Ausbeutung sorgen sollte, war gescheitert.

Angesichts dessen erscheint der Begriff der „Wende“ oder des „Zusammenwachsens“ doch recht kleinlaut. So formuliert, kommt auch niemand auf den Gedanken, dass sich daraus vieles lernen ließe. Aber das ist falsch. Es ließe sich vieles daraus lernen, wenn der Wille dazu da wäre und die Bereitschaft, sich den finsteren Aspekten dieser Geschichte zu stellen. Doch die waren – in diesem Falle – nicht da und sind es bis heute nicht. Der Sozialismus war die Projektionsfläche auch – und insbesondere – der westlichen Eliten, die seine realen Auswüchse niemals selbst erleben mussten. Gab es zunächst aus dieser Richtung ein verlegenes Schweigen angesichts dessen, was sich da in den Jahren 1989/90 abspielte, fassen sie heute zunehmend wieder Mut und fordern immer unverhohlener neue sozialistische Experimente.

Die alten Erklärungsmuster von „amerikanischen Agenten“, die nun angeblich das Scheitern des Sozialismus in Venezuela herbeiführen, kehren zurück. Die Mär vom „Marktversagen“, das tatsächlich wohl meist ein „Staatsversagen“ sein dürfte, samt der Forderung nach mehr staatlicher Intervention, kehrt zurück. Die Forderung nach Eingriffen in den Wohnungsmarkt, von „Mietendeckeln“ bis hin zu „Enteignungen“ kehrt zurück. All dies Belege für die fehlende Bereitschaft, aus der Geschichte zu lernen.

Angesichts dessen ist bemerkenswert, dass diejenigen Institutionen, die sich der Aufklärung über die SED-Diktatur verschrieben haben, zurzeit existentiell bedroht sind. Im Jahr 2018 wurde der stets kritische Hubertus Knabe als Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen unter verworrenen Umständen durch den Stiftungsrat abgesetzt, dem mit dem Berliner Senator für Kultur und Europaangelegenheiten Klaus Lederer ein Politiker der SED-Nachfolgepartei Die LINKE vorsteht. Ein „Kulturwandel“ soll nun an der Gedenkstätte herbeigeführt werden. Und nun beschloss der Bundestag – pünktlich zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls – die Schließung der Stasi-Unterlagenbehörde. Auch die erledigt geglaubte Diskussion darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, wurde kürzlich vom Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (LINKE) und seiner Kollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), wieder auf‘s Neue eröffnet. Das sollte uns Anlass zur Sorge sein. Denn ob „Wende“ oder „Wandel“ – unabwendliche Prozesse sind das nicht. Wehret den Anfängen!

 

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