Friedrich August von Hayek (1899-1992) wird heute von Freiheitsdenkenden weltweit glorifiziert. Der Österreicher im doppelten Sinn – sowohl bezüglich seiner Nationalität wie auch als Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie – wird heute in einem Atemzug mit den bedeutsamsten liberalen Ökonomen aller Zeiten genannt: gleich neben Adam Smith, David Ricardo, Ludwig von Mises und Co. Er ist eines der erfreulichen Beispiele eines Austrians, der in der intellektuellen Gemeinschaft stets respektiert wurde und sich so 1974 den Nobelpreis für Ökonomie sicherte. Außer Milton Friedman hatte kein liberaler Denker im 20. Jahrhundert so großen Einfluss auf politische Ereignisse wie er: Margaret Thatcher lernte von ihm, genauso wie Ronald Reagan, Ludwig Erhard und zahlreiche andere.

Schockierend ist es dann, dass trotz alledem viele Liberale nicht wirklich über seine Ideen Bescheid wissen. Hayek zu kennen ist dabei stets eine andere Sache, als Hayek zu lesen und seine Ideen zu verstehen. Denn Letzteres ist überraschend schwierig und es erging schon vielen so, während des Lesens seines berühmtesten Werks, Der Weg zur Knechtschaft, vor Langeweile eingeschlafen zu sein – mich miteingeschlossen.

Wo beginnt man also? Will man Hayeks Ideen näher kennenlernen und seine wichtigsten Ansätze und Ansichten trotzdem in seinen eigenen Wissenstand aufnehmen, so gibt es tatsächlich zahlreiche Essays und kürzere Werke, die vor allem dank ihrer einfacheren Schreibweise besser verständlich und (trotzdem) mehr als lesenswert sind. Hier ist nur eine Auswahl an fünf Wegen, Hayek kennenzulernen:

 

  1. Hayeks Individualismus – und sein Angriff auf Rationalisten

Hayek, Friedrich A. (1952). Wahrer und falscher Individualismus. (kostenlos auf Englisch)

Einer der bekannteren Essays von Hayek ist schon durch den Titel, Warum ich kein Konservativer bin (Why I am Not a Conservative), provokant. Dort greift er den Konservatismus direkt an und zeigt seine Ablehnung gegen jene Denkrichtung. Doch interessant ist, warum Hayek sich überhaupt dazu genötigt fühlte, diesen Text zu schreiben. Der Grund war, dass er schon immer auch von Konservativen vereinnahmt wurde (sogar heute, denn diese denken, Hayeks Kritik hätte nur eine bestimmte Art von Konservatismus getroffen, jedoch nicht ihre).

Grundlos ist dies nicht und besonders in seinem Essay Wahrer und falscher Individualismus, das erste Kapitel in seiner selbst zusammengestellten Kompilation Individualismus und wirtschaftliche Ordnung (Individualism and Economic Order), werden Hayeks traditionalistische Wurzeln deutlich. Hayek unterscheidet dabei zwischen zwei Sorten Individualismus: Er attackiert den rationalistischen, der alle Entscheidungen nach Überlegungen der Vernunft trifft und all jenem, was für den Rationalisten nicht „vernünftig“ ist, wegzufegen versucht.

Aber für ihn gibt es noch einen anderen Individualismus. Es ist der Individualismus von Burke, Tocqueville, Acton, Smith und Hume. Bei diesem Individualismus wird das Individuum in eine Gesellschaft hineingeboren – und die sozialen Beziehungen innerhalb der Familie und der näheren Umgebung zählen. Die sozialen Institutionen, Traditionen und Regeln spielen hier eine fundamentale Rolle und sorgen dafür, dass nicht Chaos ausbricht, sondern eine „geordnete Freiheit“ entsteht. Ohne die sozialen Institutionen und Regeln, welche Rationalisten wegerklären zu versuchen, wäre laut Hayek das Leben in einer Gesellschaft nicht möglich.

 

  1. Das Wissensproblem

Hayek, Friedrich A. (1945). Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft. (kostenlos auf Englisch)

Hayek, Friedrich A. (1974). Die Anmaßung von Wissen. (kostenlos auf Englisch)

Zwei Ideen ragen geradezu aus den Werken Hayeks heraus: zum einen, die der spontanen Ordnung (siehe Punkt 3), zum anderen, die des Wissensproblems. Letzteres ist besonders das Thema zwei seiner berühmtesten Kurzwerke, nämlich Die Anmaßung von Wissen, seine Nobelpreisrede, und Die Verwertung des Wissens in der Gesellschaft.

Kurz zusammengefasst lautet das Wissensproblem wie folgt (und Achtung, das Wort „Wissen“ wird sehr oft vorkommen): Wissen ist in der Welt extrem zerstreut. Jeder Mensch hat nur einen minimalen Teil davon selbst zur Verfügung – und kein einziger Mensch könnte alles Wissen auf sich vereinen. Ein wohlmeinender Diktator würde zum Beispiel nie wissen können, was alle Individuen in einer Gesellschaft für sich wissen – was ein Maurer, ein Schuhmacher, ein Informatiker und so weiter, für sich weiß. Sollte die Regierung – oder sonst wer – jedoch die Anmaßung haben, alles wissen zu wollen, würde Chaos entstehen. Nur der Markt mit dem Preissystem kann jene Zerstreuung koordinieren.

Hayeks Wissensproblem ist dabei ein weiteres entscheidendes Argument gegen Zentralplanung und zeigt wie auch Mises’ Kalkulationsproblem die Unmöglichkeit des Sozialismus auf.

 

  1. Die spontane Ordnung in der Tradition von Smith und Menger

Horwitz, Steven (2001). From Smith to Menger to Hayek: Liberalism in the Spontaneous-Order Tradition. (kostenlos auf Englisch)

Seine zweite berühmte Idee, die spontane Ordnung, kombiniert zu einem gewissen Grad die beiden vorherigen Punkte. Bei Hayek spielt das Individuum zwar in der Analyse die entscheidende Rolle – nur der Einzelne kann immerhin handeln – doch er steht immer in Beziehung mit anderen, indem er mit ihnen kooperiert und handelt (oder potenziell natürlich Krieg führt). Jeder trägt so zur Gesellschaft bei. Durch die Kooperation zwischen Menschen entsteht dabei wie von selbst eine spontane Ordnung. In der Ökonomie ist dabei das Preissystem ausschlaggebend, welches wirtschaftliche Aktivitäten koordiniert. In der Gesellschaft und Politik entstehen währenddessen soziale und politische Institutionen und Regeln.

Entscheidend ist, dass dieser Prozess von unten nach oben vonstattengeht, nicht von oben herab. Wieder wäre es eine Anmaßung des Wissens, sollte eine höhere Autorität versuchen, die Gesellschaft zu lenken. Dabei steht Hayek in prominenter Tradition. Laut Steve Horwitz’ Essay From Smith to Menger to Hayek machten die erste Schritte der spontanen Ordnung die schottischen Aufklärer, darunter Adam Smith, Adam Ferguson, David Hume und Bernard Mandeville (letzterer ist zugegeben nicht schottisch). Und es ist richtig: Smiths Idee der unsichtbaren Hand ist dabei sehr ähnlich.

Auf die Schotten folgte der Begründer der Österreichischen Schule, Carl Menger, der die Entstehung von sozialen Institutionen damit erklärt, dass sie das Resultat von spontanen, organischen Prozessen sind. Keines der Individuen wusste unbedingt, was das Resultat ist. Doch auf Eigeninteresse pochend nahmen sie am Prozess teil und eher zufällig entstanden dadurch jene Institutionen (besonders sein Beispiel des Geldes ist dabei berühmt). Hayek entwickelt diese Ideen nur noch einen Schritt weiter, indem er das Wissen des Individuums ins Zentrum stellt.

 

  1. Die Entnationalisierung des Geldes

Hayek, Friedrich A. (1976). Die Entnationalisierung des Geldes. (Ausschnitt auf Deutsch, kostenlos auf Englisch)

Hayek, Friedrich A. (1977). A Free-Market Monetary System. (kostenlos auf Englisch)

Unter Liberalen gibt es, milde gesagt, Unstimmigkeiten darüber, wie eine freiheitliche Geldpolitik auszusehen habe. Es würde dabei den Rahmen sprengen, allein über die Unterschiede zwischen der Österreichischen Schule und der Chicago School (um Milton Friedman) zu sprechen. Selbst unter den Austrians gibt es genug unterschiedliche Ansichten. Murray Rothbard und Ludwig von Mises zum Beispiel traten rigoros für eine Rückkehr zum Goldstandard ein.

Hayek hatte eine andere Idee: Für ihn war die Lösung zu dem Problem, dass der Staat unter einem Fiatgeldsystem prinzipiell unendlich viel Geld drucken und so das Geld wertlos machen könnte, dass das Geld, etwas salopp gesagt, einfach privatisiert, also entnationalisiert, werden sollte. Jede Bank, jedes Finanzinstitut, jedes Unternehmen – eigentlich wirklich jeder – könnte seine eigene Währung erfinden und auf den Markt einführen. Dort würde es wie bei jedem anderen Gut einen Wettbewerb für das beste Produkt geben und einige wenige Währungen würden sich wahrscheinlich durchsetzen (da die Transaktionskosten bei hunderten Währungen wohl zu hoch für die Wirtschaftsakteure wären).

Besonders in Zeiten von Bitcoin und Cryptocurrencies hat dieser Vorschlag wieder an Schwung gewonnen – so manche sehen in den elektronischen Währungen schon die Erfüllung von Hayeks Vision.

 

  1. Die Unmöglichkeit sozialer Gerechtigkeit

Firing Line with William F. Buckley Jr.: Is There a Case for Private Property? (1977) (YouTube)

Der zweite Teil von Hayeks Trilogie Recht, Gesetz und Freiheit, beschäftigt sich ganz mit dem Konzept der „sozialen Gerechtigkeit“ – nicht grundlos ist es immerhin als Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit betitelt. Doch zu eben jenem Thema steht auch eines von den nur geringen Videomaterial Hayeks zur Verfügung, nämlich eine Episode der US-amerikanischen Diskussionsshow Firing Line.

Hier erklärt Hayek, dass das Konzept, dass eine Gesellschaft insgesamt gerecht oder ungerecht sein kann, ein Mythos und auch ganz einfach ein Vorwand ist, um die Kompetenzen eines Staates auszubauen. Lediglich ein Individuum könne in seinen Handlungen gerecht oder ungerecht sein.

Neben der Firing Line-Episode steht auch auf unserem Blog ein Artikel von mir zu Hayeks Argumenten gegen die soziale Gerechtigkeit zur Verfügung.

 

Die Herausforderung von Hayek

Hayeks Werke zu lesen ist eine unerwartete Herausforderung und viele sind schnell entmutigt. Andere werden mit dem Fazit schließen, dass er einfach überbewertet ist – was schon fast so schlimm ist wie diejenigen, die ihn als Sozialisten sehen (eine ganz andere, kuriose Geschichte).

Gerade deshalb ist man bei „Fritz“ gut beraten, zuerst bei leichteren Werken und Essays einzusteigen. Das soll nicht bedeuten, dass seine längeren Bücher nicht lesenswert sind – ganz und gar nicht. Tatsächlich sind diese mindestens genauso gut. Doch sie sind schwierig und gewöhnungsbedürftig.

Hayeks Ideengebilde ist so komplex wie bei kaum einem anderen Denker des letzten Jahrhunderts. Dieses kennenzulernen ist gewinnbringend nicht nur für Liberale, sondern für jeden. Es ist zu hoffen, dass diese Liste dabei hilft, einen einfacheren Einstieg in die Gedanken eines der größten Liberalen der Geschichte zu haben.

 

Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors, nicht der Organisation wieder. Dieser Blog bietet die Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Mehr zur Organisation auf www.studentsforliberty.de