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By Rama - CC BY-SA 2.0 fr, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2067181

Die Problematik epistemischer Argumente für die Demokratie

Ein viel diskutiertes Werk der letzten Jahre in der politischen Theorie ist ein Titel der Politikwissenschaftlerin Hélène Landemore: „Democratic Reason. Politics, Collective Intelligence, and the Rule of the Many“. Indirekt lässt sich dieses Werk als Antwort auf Platons Forderung nach der Philosophenherrschaft verstehen. Landemores These lässt sich gut zusammenfassen: Unter bestimmten Umständen kann inklusive Deliberation (Deliberative Demokratie zeichnet sich durch öffentliche Diskurse und öffentliche Beratung der Bürger aus) zu klügeren Urteilen führen, als Systeme, in denen Experten die Entscheidungen treffen. Dabei stützt sich Landemore auf diverse beschreibende mathematische Modelle, die an ideale Bedingungen geknüpft sind. In der Argumentation von Landmore spielt dabei das – in den Sozialwissenschaften – berühmte Hong-Page Theorem (A) eine zentrale Rolle:

We find that when selecting a problem-solving team from a diverse population of intelligent agents, a team of randomly selected agents outperforms a team comprised of the best-performing agents. This result relies on the intuition that, as the initial pool of problem solvers becomes large, the best-performing agents necessarily become similar in the space of problem solvers. Their relatively greater ability is more than offset by their lack of problem-solving diversity.[1]

Damit ist gemeint, dass eine zufällig ausgesuchte Gruppe von Menschen durchaus bessere Entscheidungen in einem spezifischen Kontext treffen kann, als eine Gruppe von Experten auf diesem Gebiet. Der Grund dafür liegt nach Hong und Page in dem Umstand, dass verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Denkweisen kreativer mit manchen Problemen umgehen können als Experten, die in ihren Denkmustern festgefahren sind.

Zwei weitere mathematische Modelle, auf die sich Landemore im Wesentlichen bei ihrer Argumentation stützt, sind das „Condorcet Jury Theorem“ (B) und das „Miracle of Aggregation“ (C). Beide sind leicht erklärt. Für B gilt: Wenn eine Entscheidung zu einer Sache entweder richtig (1) oder falsch (0) sein kann, nähern wir uns schneller der richtigen Entscheidung wenn wir mehr Menschen in den Entscheidungsfindungsprozess einbinden, wenn diese eine minimale Kompetenz von 0,51 besitzen. Das heißt, dass schon 10.001 Personen ausreichen, um eine Wahrscheinlichkeit von 0,98 zu erreichen, eine richtige Entscheidung in einem binären Kontext zu treffen, wenn diese eine minimale Kompetenz von 0,51 besitzen.

Für C gilt: Wenn Menschen Entscheidungen nach der zufälligen Normalverteilung treffen, heben alle uninformierten Menschen ihre Entscheidungen auf und nur die Entscheidung der informierten Menschen bleibt relevant.

A, B und C sind bei näherer Betrachtung allerdings aus mehreren Gründen vollkommen ungeeignet, um das System der Demokratie epistemisch zu verteidigen.

Zu A lässt sich zunächst anbringen, dass es von Mathematikerinnen wie Abigail Thompson abgelehnt wird. Das Theorem wird von ihr als Beispiel dafür wie in den Sozialwissenschaften mit Mathematik geschlampt wird, aufgeführt.[2] Da wohl niemand, der nicht Mathematik studiert hat, Thompsons Begründung dafür formal nachvollziehen kann, möchte ich auf ein weiteres Problem hinweisen. Landemore ignoriert bei ihrer Interpretation von A vollkommen die Hinweise von Hong und Page selbst:

Some nonmathematicians have stated that Lu and I “proved mathematically that diverse groups of people always outperform groups of the best.” Obviously, such a proof would be impossible.[3]

Das Theorem von Hong und Page ist also grundsätzlich mathematisch zweifelhaft und gilt zudem nur unter idealen, künstlichen Bedingungen.

Als nächstes möchte ich zunächst einmal auf C eingehen. Weshalb Landemore dieses Theorem für geeignet hält, um inklusive Deliberation zu stützen, scheint mir völlig rätselhaft. Das Modell hat einen elitären Charakter und selbst wenn alle Wähler sogar ungefähr korrekte Auffassungen haben, würde nichts dafür sprechen, die Entscheidungen nicht den kompetenten Wählern zu überlassen.

Lediglich B wirkt überzeugend, falls es plausibel ist, davon auszugehen, dass Menschen im Durchschnitt mindestens die minimale Kompetenz von 0,51 besitzen (und ausgeschlossen wird, dass Menschen strategisch wählen). Dies ist allerdings eine empirische Frage und an dieser Stelle wird unter anderem von dem Politikwissenschaftler Jason Brennan und dem Ökonomen Bryan Caplan heftig widersprochen.

In seinem Werk „Against Democracy“ fasst Brennan die bestehende Literatur empirischer Art zu der Frage welche Kompetenz der durchschnittliche Wähler hat, zusammen und kommt zu einem vernichtenden Urteil. Eines der Beispiele, die Brennan aufführt, sind mehrere Umfragen von ANES (American National Election Studies), die darauf schließen lassen, dass 25 Prozent der Wähler in Amerika gut informiert sind, 25 Prozent der Wähler schlecht informiert sind, 25 Prozent der Wähler fast nichts wissen und weitere 25 Prozent der Wähler systematisch falsch informiert sind, also weniger als nichts wissen.[4]

Bryan Caplan hingegen untersuchte die ökonomischen Kompetenzen des durchschnittlichen Wählers. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass Vorurteile bei Wählern zu wirtschaftlichen Fragen die Regel sind, nicht die Ausnahme.[5]  Beispiele, die er betrachtet, sind unter anderem der „Antimarket Bias“ und der „Antiforeign Bias“, bei denen sich zeigt, dass Leute mit geringerer Bildung stark zu Vorurteilen gegen den freien Markt und gegen Migranten tendieren.[6]

Tatsächlich würde man also nach B, wenn Menschen unterdurchschnittlich kompetent sind, mit mehr beteiligten Personen an einem Entscheidungsfindungsprozess schneller auf eine falsche Entscheidung zusteuern. Wenn also Personen eine mangelnde Kompetenz von 0,49 aufweisen, reichen bereits 10.001 Personen aus, um mit der Wahrscheinlichkeit 0,98 eine falsche Entscheidung zu treffen (beziehungsweise um mit der Wahrscheinlichkeit 0,02 die richtige Entscheidung zu treffen). Letztlich bildet B also, falls Brennan und Caplan empirisch richtig liegen, ein epistemisches Gegenargument zur Demokratie.

Dies bedeutet aber nicht, dass wir die Demokratie, die aus guten Gründen eng mit dem Liberalismus verknüpft ist, ablehnen und eine Epistokratie (Expertenherrschaft) fordern sollten. Wir müssen uns bei der Argumentation für die Demokratie lediglich auf instrumentelle Vorteile der Demokratie und instrumentelle Nachteile anderer politischer Systeme konzentrieren.

 

[1] Lu Hong, Scott Page, Groups of diverse problem solvers can outperform groups of high-ability problems solvers; http://www.pnas.org/content/pnas/101/46/16385.full.pdf

[2] Vgl. Abigal Thompson, An Example of the Misuse of Mathematics in the Social Sciences;          http://www.ams.org/notices/201409/rnoti-p1024.pdf

[3] Scott Page, Diversity Trumps Ability and the Proper Use of Mathematics;   http://www.ams.org/notices/201501/rnoti-p9.pdf

[4] Vgl. Jasons Brennan, Against Democracy, S. 32

[5] Vgl. Bryan Caplan, The Myth of the Rational Voter, Why Democracies choose bad Policies, S. 29

[6] Vgl. Bryan Caplan, The Myth of the Rational Voter, Why Democracies choose bad Policies, S. 37-39

 

Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors, nicht der Organisation wieder. Dieser Blog bietet die Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Mehr zur Organisation auf www.studentsforliberty.de