Eine herrschaftsfreie Gesellschaft, die sich in freier Kooperation selbst organisiert, ist für jeden Freund der Freiheit das erstrebenswerte Endziel. Eine freiheitliche Gesellschaft, die sich unabhängig von staatlichen Einrichtungen organisiert, sollte für Liberale wahrhaft kein Schreckgespenst sein, sondern, wie der Sozialphilosoph und Ökonom Friedrich August von Hayek 1949 schrieb: „eine liberale Utopie, ein Programm, das weder eine bloße Verteidigung bestehender Verhältnisse ist noch ein verwässerter Sozialismus, sondern ein wirklich liberaler Radikalismus, der die Mächtigen nicht schont, der nicht allzu pragmatisch ist, und der sich nicht auf das beschränkt, was heute politisch durchsetzbar erscheint.“

Herrschaft und Macht sind in der gesamten Geschichte menschlichen Zusammenlebens immer Hindernisse auf dem Weg zur freien Entfaltung des Individuums und zum Gedeihen menschlichen Miteinanders gewesen. Darum zielten liberal gesinnte Denker immer auf eine möglichst weitgehende Beschränkung von Macht: durch Gewaltenteilung, Rechtsstaat, demokratische Mitbestimmung, Marktwirtschaft, Trennung von Religion und Staat, Verfassungen und zuletzt durch soziale Medien. Wenn man dem Staat Macht zugestand, dann nur, um innerhalb eng beschriebener Grenzen als Gegenmacht zu anderen zu funktionieren.

Wie Hayek erklärte ist die wirksame Beschränkung von Macht “das wichtigste Problem sozialer Ordnung. Der Staat ist für die Bildung einer solchen Ordnung nur insoweit unerlässlich, als er jeden vor Zwang und Gewalt aller anderen schützt.“ Durchaus denkbar also – auch mit Hayek –, dass die Kreativität des Menschen, die der entscheidende Motor der ungeheuerlichen Erfolgsgeschichte der Zivilisation ist, eines Tages Methoden entwickelt, den Schutz vor „Zwang und Gewalt“ in anderer Weise zu ermöglichen als durch das staatliche Gewaltmonopol. Vor fünfhundert Jahren war schließlich auch die Vorstellung, dass man Herrscher einfach auswechseln könnte, so abenteuerlich wie vor zweihundert Jahren die Idee, dass man Frauen an diesem Prozess beteiligen könnte. Will heißen: dass wir uns ein Leben ohne Staat nicht vorstellen können, ist auf gar keinen Fall ein Beweis für die Notwendigkeit des Staates.

Die sofortige Abschaffung des Staates wird vermutlich genauso wenig funktionieren wie die allermeisten Revolutionen, die das Paradies auf Erden errichten wollten. Die tatsächlich wegweisenden Verbesserungen im Zusammenleben der Menschen haben sich meist nur sehr langsam und graduell entwickelt. Ja, wenn eine Revolution einmal wirklich dauerhaft positive Ergebnisse gezeitigt hat, dann dort, wo die Veränderung bereits lange im Voraus vorbereitet worden war, wie etwa bei der Amerikanischen Revolution oder der Friedlichen Revolution von 1989. Revolutionäre vergessen auch geflissentlich, dass sich in bestehenden Normen und Institutionen bereits Wissen angesammelt hat, wie dem Problem der Macht effektiv begegnet werden kann. Dieser Wissensspeicher ist eine wertvolle Errungenschaft, die man nicht leichtfertig beiseiteschieben sollte: Die Weisheit und das Herzblut von vielen Dutzenden Generationen steckt darin.

Wenn wir den Staat nicht sofort abschaffen können, vielleicht auch nicht sollten, aber dennoch daran festhalten wollen, dass eine herrschaftsfreie Gesellschaft und freie Kooperation das Ziel sind, auf das wir uns zubewegen müssen, dann stellt sich natürlich die Frage nach dem Weg zu diesem Ziel. Ein entscheidender Faktor ist dabei, dass dieser Weg auch für andere Menschen plausibel – oder besser noch – attraktiv sein muss. Auf dem Markt der Ideen muss sich dieser Weg im Wettbewerb durchsetzen können. Es reicht nicht, schlaue Ideen und umfassende Theorien zu bieten.

Gefragt sind Unternehmergeist und Innovationskraft, die ja gerade von Freunden der Freiheit immer wieder beschworen werden. Wir müssen daran arbeiten, dass wir den Staat in unterschiedlichen Bereichen immer überflüssiger machen, indem wir bessere Lösungen für Probleme und Herausforderungen anbieten als er das tut. Das hat historisch durchaus schon eine bedeutsame Tradition: So waren unter den Ersten, die Lösungen für die „soziale Frage“ im 19. Jahrhundert suchten, viele Liberale, die das Konzept der Genossenschaft ausarbeiteten. Mit dem Prinzip des Community Organizing haben eigentlich eher linke Aktivisten wie Saul Alinsky zutiefst libertäre Ideen zur Bürgerbeteiligung in Form gebracht. Im digitalen Bereich basteln in letzter Zeit findige Menschen an solchen Lösungen, wie beispielsweise bei Krypto-Währungen. Von solchen Ansätzen brauchen wir noch viel mehr!

Eine herrschaftsfreie Gesellschaft ist ein erstrebenswertes Ziel. Um dort hin zu kommen, müssen wir Menschen begeistern und überzeugen. Und wir müssen die besseren Lösungen anbieten. Deshalb braucht eine lebensfähige Theorie der Herrschaftslosigkeit weniger Elfenbeinturm-Debatten und Streit am Reißbrett um die reine Lehre, sondern Erfindergeist und Unternehmertum. Die Menschen müssen erkennen, dass wir ihre Fragen, Sorgen und Nöte ernst nehmen – und die besseren Lösungen präsentieren. So können wir Schritt für Schritt den Staat überflüssig machen. Und eines Tages wird man über die Existenz eines Staates vielleicht so ungläubig den Kopf schütteln wie wir das heute tun, wenn wir von Gottkönigen, Leibeigenschaft und Scheiterhaufen hören.

Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors, nicht der Organisation wieder. Dieser Blog bietet die Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Mehr zur Organisation auf: www.studentsforliberty.de