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Das Studentenmagazin

Islam und Freiheit: Eine Frage der Definition

Wer in der westlichen Gesellschaft an den Islam denkt, kommt in den meisten Fällen an ein verzerrtes Bild. Das liegt einerseits an der falschen Interpretation des islamischen Kanon, andererseits sorgen handelnde Individuen für gesellschaftliche Empörung. Aber ist der Islam mit dem freiheitlichen Gedankengut kompatibel?

Man erinnert sich noch an die Schlagzeilen aus dem Jahr 2017, als Frauen in Saudi-Arabien
offiziell Auto fahren durften. Davor war es schlicht verboten. Gründe für das Verbot sind ganz
unterschiedlich, ja absurd: Frauen am Steuer verlieren ihre Jungfräulichkeit, Homosexualität und
Prostitution würden im Land zunehmen. Noch unterhaltsamer werden solche Schlussfolgerungen
dadurch, dass sie direkt von den islamischen Gelehrten , die sich eigentlich mit der
Religion sehr gut auskennen sollten, geäußert werden. Der spannendste Moment in diesem Fall
ist, dass weder das Verbot selbst noch solche Berichte von Geistlichen kaum was mit dem Islam
zu tun haben – die Religion ist dabei das Instrument der Machtausübung.

Der Prophet würde sich im Grab umdrehen

Hätte der Prophet Mohammed beobachtet, was sich zurzeit im Nahen Osten abspielt, hätte er
wahrscheinlich unverzüglich einen Kriegszug gegen die dort ansässigen Staaten vorgenommen.
Denn im Koran, von der Perspektive der Muslime das einzig wahre Wort Gottes, gibt es keinen
einzigen Hinweis darauf, dass Frauen keine Transportmittel benutzen dürften. Vielmehr ist es die
Aussage des Propheten, dass jeder wahre Muslim Reiten, Schwimmen und Bogenschießen
beherrschen sollte – Mann wie Frau (Hâkim 7:259). Da es im 7. Jahrhundert noch keine Autos
gab, kann man davon ausgehen, dass Reiten an sich die Fähigkeit darstellt, ein Transportmittel zu
benutzen. Projizieren wir das auf die heutige Zeit, kommen wir zum logischen Schluss, dass das
Verbot für die Frauen, am Steuer zu sitzen, nichts anderes als eine staatliche Intervention,
religiöse Korruption und schlichtweg ein mangelndes Verständnis des Islam ist. Frauen das
Autofahren zu verbieten, egal aus welchen angeblich religiösen Gründen, ist im Sinne des
islamischen Glaubens einfach nur haram. Verstehen also selbst islamische Gelehrte die eigene
Religion falsch? Ja, kann man schon behaupten, denn auch sie sind Menschen mit ihren eigenen
Interessen und Fehlern. Sie sind also gewöhnliche Funktionäre des herrschenden Regimes, die
das unverfälschte Wort Gottes so drehen, wie es ihnen gerade passt.

Es ist daher umso erstaunlicher, wenn gewisse Menschen, die sich als liberal bezeichnen, den
Islam kritisieren und ihre Kritik damit begründen, dass ein Staat seinen Bürgerinnen das
Autofahren verbietet. Es heiße, der Islam sei schuld daran, dass Frauen unterdrückt werden. Aber
wer unterdrückt tatsächlich die Frauen? Der Islam – eine abstrakte Idee, eine Religion, ein Glaube
– oder bestimmte Menschen – also die Staatsmänner, die ihr Handeln mit Hilfe von religiösen
Vorwänden untermauern? Erinnern wir uns an die Praxeologie von Mises, so sollten wir uns nicht
um die Label kümmern, sondern allein um die Taten und das Handeln der Menschen. Zu
behaupten, dass eine Idee oder eine Religion handeln kann, ist absurd, denn handeln können nur
Menschen. Wie sie ihr Handeln rechtfertigen, ist zweitrangig. Es ist nur ausschlaggebend, welche
Mittel eingesetzt, und nicht, welche Ziele verfolgt werden. Im Falle des Autofahrverbots für
Frauen haben wir also einerseits mit einer oberflächlichen Kenntnis der Religion,
sowie typischer Machtausübung und andererseits mit logisch falschen Schlussfolgerungen in Bezug auf die Motive
des Handelns zu tun.
Es würde sich ebenfalls als eine völlig unvernünftige Pauschalisierung
entlarven, wenn ein Muslim aus dem Nahen Osten zum Schluss kommen würde, dass das
Kopftuchverbot in westlichen Staaten die christlichen Werte widerspiegelt und somit für die
allgemeine Einstellung der praktizierenden Christen steht. Leider entstehen solche verzerrende
Vorurteile selbstverständlich und tatsächlich durch die Verallgemeinerung.

Was ist eigentlich liberal?

Anhand der Diskussion um das Kopftuchverbot lassen sich ungesunde Tendenzen erkennen, die
kaum etwas mit der Freiheit zu tun haben. Viele befürworten das Kopftuchverbot von derjenigen
Perspektive, die mit dem angeblichen Kampf gegen den Zwang im Zusammenhang steht.
Tatsächlich gibt es viele muslimische Familien, in denen Mädchen dazu gezwungen werden, ein
Kopftuch von klein an zu tragen. Dabei werden sie im eigenen Haus bestraft, wenn sie nicht
gehorchen. Hat aber der Kopftuchzwang etwas mit dem Islam zu tun? Kaum. Es wird zwar in der
Surah 24:31 erwähnt, dass gläubige Frauen ihren Schmuck (also auch die Haare) bedecken und
ihre Keuschheit bewahren, ja den Blick niederschlagen sollen, aber nur Gott über die
Vollstreckungshoheit der Gesetze verfügt, die an Menschen herabgesandt wurden. Dabei ist die
Scharia für die Vollstreckung der Gebote zuständig, die sich mit den Zehn Geboten größtenteils
überschneiden. Die Scharia kümmert sich folglich um größere Verbrechen und ausdrückliche
Verbote. Das bedeutet, dass kein Mensch auf Erden – ob Muslim oder nicht – das Privileg besitzt,
göttliche Gebote durchzusetzen. Das wird in der Surah 2:256 besonders deutlich, denn sie besagt,
dass es im Glauben keinen Zwang gibt und dass nur Gott über den Glauben der Menschen urteilt.
Ob dann Frauen ein Kopftuch tragen, ihren Blick niederschlagen oder doch diese Gebote gänzlich
vermeiden, ist die Sache nur zwischen denjenigen Frauen und Gott. Alle anderen Muslime, die
sich zum Islam wirklich bekennen, sollten sich darin nicht einmischen – vorausgesetzt, dass sie
den Koran auch richtig verstehen.

Diejenigen Mädchen, die von ihren Familien dazu gezwungen werden, muslimische Gebote
unfreiwillig zu befolgen, befinden sich also in einer sklavenähnlichen Beziehung zu ihren Eltern, die
sich selbst als angeblich richtige Muslime ansehen. Sind sie jedoch nicht konsequent.
Solche Eltern handeln schon von der islamischen Perspektive daher äußerst falsch,
da ihr Handeln nicht mit den Geboten kohärent ist und sie das Privileg Gottes für sich
beanspruchen. Wenn aber die Befürworter des Verbots gegen das Kopftuch argumentieren, sehen
sie in dieser Bedeckung ein Symbol der Unterdrückung. Das ist noch eine Verallgemeinerung, die
freiwillige sowie unfreiwillige Kopftuchträgerinnen in einen Topf zusammenwirft.
Erstens zeigt uns die subjektive Wertlehre von Carl Menger, dass Werte nunmal subjektiv sind.
Das Prinzip ist universell und gilt nicht nur für materielle Güter auf dem Markt, sondern auch für
alle subjektiven Einschätzungen. Symbole sind daher Werte, die jeder Mensch
unterschiedlich bewertet: für Hindus und Buddhisten ist die Swastika ein religiöses Glückssymbol,
für Deutsche ist das ein traumatisches Erbe des Nationalsozialismus. Ein Symbol ist deswegen
kein Attribut der materiellen Welt, sondern nur eine einzigartige Bewertung eines einzigartigen
Menschen.
Zweitens, da Symbole subjektiv sind, ist das Kopftuchverbot eine Fremdbestimmung in Bezug auf
freiwillige Kopftuchträgerinnen. Für sie ist das Kopftuch das Symbol der Souveränität, denn sie
haben sich freiwillig zum Islam und den Geboten bekannt. Kopftuchzwang sowie Kopftuchverbot
sind dagegen ein Auswuchs der Ziele, die alle Mittel heilen. „Liberale“, die das Kopftuch allgemein
verbieten möchten, sind nicht liberal. Für echte liberale und libertäre sind allein die Mittel von
Interesse, nicht die Ziele. Ob Frauen ein Kopftuch tragen, sollte allein den Frauen überlassen
werden. Freiheitsdenkende Menschen sollten sich damit nicht weiter beschäftigen, solange es sich
nicht um Zwang handelt.

Vergessen wir nicht, was Freiheit wirklich ist

Wie wir sehen, führen falsche logische Schlussfolgerungen zu verzerrten Projektionen, die uns
daran hindern, die komplexe Realität so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Nur diejenigen, die ihren
Mitmenschen alle möglichen Freiheiten einräumen, solange die Freiheiten der anderen nicht mit
Zwang eingeschränkt wird, können wirklich für die wahre Freiheit stehen. Nur diejenigen, die das
reale Handeln und nicht nur die Ideen, die dahinter stehen, beurteilen, können die Werte der
Freiheit bewahren – und zwar für alle. Wo Gewalt und Zwang mit Religion und anderen Ideologien
gerechtfertigt werden, gibt es keinen Raum für Freiheit, jedoch ist nicht der Islam an sich der Feind
der Freiheit, sondern allein der Mensch, der seinen Glauben anderen aufdrängt. Dasselbe gilt
ebenso für alle anderen Weltanschauungen. Vor allem dann, wenn die Religion mit der
Gewaltmaschinerie des Staates – oder auch mit der privaten Gewalt – zusammenwächst, verlieren
wir schnell den Überblick, wo das Friedliche vom Kriegerischen zu trennen ist. Der Islam ist eine
Religion, die sehr oft missbraucht wird, was aber nicht heißt, dass der Islam an sich
freiheitsfeindlich ist. Es sind Menschen, die ihre Mittel, Gewalt und
Zwang, mit dem Islam rechtfertigen. Eine klare Differenzierung ist dringend nötig, denn ansonsten werden wir
uns bald nicht von anderen Ideologien unterscheiden, deren Ziele alle möglichen Mittel
rechtfertigen, um das eigene Ideal zu erreichen.

Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors, nicht der Organisation wieder. Dieser Blog bietet die Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Mehr zur Organisation auf www.studentsforliberty.de