Traditionelle islamische Werte und die offene Gesellschaft scheinen einander unversöhnlich gegenüber zu stehen. Mustafa Akyol meint: Das geht auch anders.

Für den oberflächlichen Beobachter mag es nur wenige Dinge geben, die weiter auseinanderliegen als die Werte einer weltoffenen, individualistischen Gesellschaft  und die gegenwärtig dominierenden Moralvorstellungen der muslimischen Welt. Was könnte anachronistischer als die Scharia, was illiberaler als eine heilige Schrift sein, die zur Enthauptung Ungläubiger (Koran 8:12) und zur Verfolgung von Taugenichtsen (Koran 9:5) aufruft? Nimmt man noch den im Nahen Osten weit verbreiteten Autokratismus und die zahlreichen islamistisch inspirierten Terroranschläge der letzten Jahrzehnte dazu, ergibt sich ein fraglos düsteres Bild des Islams, das zur Bildung von Vorurteilen und Ressentiments gegenüber Muslimen geradezu einlädt.  Unter diesen Umständen kommt Mustafa Akyols “Islam without Extremes: A Muslim Case for Liberty” gerade zur rechten Zeit. Seine Mission? Nicht weniger als den Beweis anzutreten, dass der islamische Glaube, richtig verstanden, durchaus mit Freiheit im klassisch-liberalen Sinne vereinbar ist.

Das Buch ist glücklicherweise kein Versuch, vom islamistischen Extremismus abzulenken, keine semantische Fingerübung, um sämtliche muslimische Selbstmordattentäter post mortem aus der Umma auszuschließen, und keine all zu verständnisvolle Rechtfertigung ihrer Taten mit Verweis auf den westlichen Imperialismus. Auch vermeidet Akyol, die Unterdrückung von Frauen und religiösen Minderheiten in vielen islamischen Ländern schönzureden. Stattdessen arbeitet er heraus, dass es – neben den momentan dominierenden Strömungen – ebenso eine aufgeklärte, humanistische Tradition im Islam gibt, die Muslimen die Möglichkeit bietet, ihren Glauben mit der Moderne in Einklang zu bringen. Zweifelsohne, schreibt er, Muslime sind verantwortlich für Unmengen an vergossenem Blut, sowohl außerhalb als auch innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft. Dass dies so hingenommen, ja oft sogar religiös begründet wurde, habe allerdings weniger mit islamischer Theologie als viel mehr mit den Zuständen der arabischen Halbinsel zur Zeit des Propheten zu tun.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Scharia, hierzulande vor allem für ihr unverhältnismäßiges Strafmaß bekannt. Akyol zitiert Noah Feldman, Professor an der Harvard Law School, um deren Entstehung zu kontextualisieren:

In prämodernen Zeiten gab es keine Gesellschaften, die über so etwas wie eine voll entwickelte Polizei verfügten, und in der klassischen islamischen Rechtsordnung gab es häufig nicht mehr als eine Hand voll Offiziere, die mit der Durchsetzung von Gesetzen beauftragt waren. Extreme und gut sichtbare Bestrafungen waren eindrückliche Warnung an die Bürger, sich ans Gesetz zu halten. Wenn die Wahrscheinlichkeit, erwischt und verurteilt zu werden, sehr gering ist – wie es typischerweise in einer Gesellschaft ohne echte Polizei der Fall ist -, muss die Strafe hart ausfallen, um dem Optimum an Abschreckung nahezukommen. Die Prügelstrafen der Scharia waren eindeutig für diese Umstände entworfen worden, ganz ähnlich wie das englische common law, das für zahlreiche mindere Vergehen die Todesstrafe vorsah.

Wenn die Aufarbeitung von Straftaten kaum möglich ist, bleiben wenig andere Möglichkeiten, um Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Der einzige Haken ist, dass diese Prämisse heutzutage nicht mehr zutrifft. Islamisten, die die Scharia wörtlich auslegen, vergessen dabei, zu welchem Zweck diese Rechtsprechung entworfen wurde.

Akyols Vision beschränkt sich nicht allein auf bürgerliche Freiheiten, sondern betont auch die Bedeutung des freien Marktes als Quelle menschlichen Wohlstands. Was dessen Vereinbarkeit mit dem Islam angeht, verweist er auf den berühmten islamischen Gelehrten Ibn Khaldun (der muslimische Adam Smith, wie die Weltbank ihn nennt) und lobt ihn für seine “Theorie des Wirtschaftsliberalismus, die die Regierungen anhält, Steuern gering zu halten, Privateigentum zu achten, den freien Markt möglichst wenig zu behindern und Schuldenberge zu vermeiden.” Anstatt den Kapitalismus als Gefahr für Anstand und Moral zu verurteilen, betont er den positiven, revitalisierenden Einfluss der Marktdynamiken für die Weiterentwicklung von Religionen.

Nun lassen sich die Spielregeln einer freiheitlichen Gesellschaft selbstverständlich nicht logisch zwingend aus dem Koran ableiten. Wie Akyol selbst mehrfach betont, ist seine Interpretation nur eine unter vielen, die genauso wie jede andere von seiner Lebenswirklichkeit geprägt ist und kaum Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann. An diese Maxime hält er sich allerdings nicht immer; häufig begründet er beispielsweise die Irrelevanz bestimmter Hadithen mit Verweis auf Koransuren. Dies scheint auch die von islamischen Gelehrten am häufigsten geäußerte Kritik am Buch zu sein – er spiele die Rolle der Hadithen für das islamische Glaubensverständnis zu sehr herunter. Charakteristisch dafür sei folgender Ausschnitt zitiert:

Ironischerweise hat die ahl al-hadith [eine frühe islamische Rechtsschule, D.I.], die sich so sehr gegen Vernunft als Quelle religiöser Erkenntnis wendete – sie galt als gefährliche “Innovation” -, selbst ihre eigenen Neuheiten in die Scharia eingeführt. Dazu gehören die Steinigung von Ehebrechern, die Ermordung von Ungläubigen, die sozialen Einschränkungen für Frauen, das Verbot von Kunst und Musik, Strafen für Alkoholgenuss und andere Sünden. Keine einzige davon findet sich im Koran, sie stammen allesamt aus den Hadithen.

Ich möchte ihm dieses Spiel ungern verderben, schließlich findet man es in leicht abgewandelter Form in allen Religionen. Es gibt Christen, die zu hundert Prozent davon überzeugt sind, dass einzig und allein die freie Marktwirtschaft mit den zentralen Botschaften  der Bibel vereinbar ist (Höhepunkt der Absurditäten war wohl die Behauptung, Gott hätte eine “flat tax” gefordert). Genau so kenne ich aber auch jede Menge andere, die entweder der Meinung sind, dass die Bibel überhaupt keine politische Botschaft habe, oder aber, dass sie im Kern sozialistisch sei. Als jemand, der zugegebenermaßen mit Religion nicht viel am Hut hat, finde ich das zwar alles ganz amüsant, aber dann eben doch schwer nachvollziehbar: Warum macht sich überhaupt irgendjemand die Mühe und versucht, aus jahrtausendealten Texten Leitlinien für Politik im 21. Jahrhundert zu extrahieren? Zur Entstehungszeit des Islam, als Menschen nicht einmal über einen Bruchteil unseres heutigen Wissens verfügten, als die wissenschaftliche Methode entweder unbekannt war oder nicht wertgeschätzt wurde – aus welchem Grund sollten wir hoffen, dass genau damals die großen Einsichten in die conditio humana niedergeschrieben wurden (einmal abgesehen davon, dass der Zweck dieser heiligen Schriften kaum die Wahrheitsfindung war)? Und wenn wohlmeinende, intellektuell aufrichtige Menschen aus diesen Schriften radikal unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen können – was, ja was ist dann genau der Beitrag der Katechese? Aus diesem Grund bin ich mir nicht sicher, ob es nicht erfolgversprechendere Wege gibt, um Muslime zu überzeugen, moderne, liberale Institutionen zu akzeptieren. Die wissenschaftlichen Beiträge von Ökonomen, Politikwissenschaftlern, Psychologen und Philosophen könnten hier unter Umständen mehr leisten als der mühsame Versuch, jemanden zu überzeugen, dass seine Interpretation des Islams die “falsche” ist.

Eine andere Frage, die sich mir nach der Lektüre stellte: Wen genau versucht das Buch zu erreichen – einmal abgesehen von liberalen Muslimen und ihren säkularen Geschwistern im Geiste? Die Anzahl derer, die bereit sind, ihrer Ansichten im Sinne von Akyols Ausführungen zu ändern, ist wohl zu gering, um den öffentlichen Diskurs in irgend einer Art und Weise zu beeinflussen. Selbsternannte Kreuzritter der Moderne, die in jedem Muslim eine Terrorismusversteher vermuten, werden von seiner Botschaft ebenso wenig überzeugt sein wie der Großteil der traditionellen Muslime. Passend zu letzterer Behauptung wurde Akyol selbst im Frühjahr in Kuala Lumpur am Flughafen festgesetzt, als er seine Ideen in Malaysia präsentieren wollte. Überhaupt ist die politische Entwicklung in relativ liberalen islamischen Ländern wie Indonesien, der Türkei (seinem Heimatland) oder eben Malaysia derzeit alles andere als vielversprechend.

Nichtsdestotrotz bietet das Buch eine hervorragend Einführung in die islamische Ideengeschichte, die weitaus vielschichtiger ist, als wir hier oftmals annehmen. Ich persönlich bin nach der Lektüre etwas optimistischer gestimmt, was die Evolution des Islam betrifft (auch wenn der Skeptizismus überwiegt, was die Entwicklungen in der arabischen Welt betrifft), und habe jede Menge über eine Religion gelernt, die uns so oft nur in der Form von Stereotypen begegnet. Auch Akyol ist hoffnungsvoll, was die Zukunft verheißt:

Wir brauchen diese Freiheit für uns selbst. Jeder von uns hat ein einziges Leben zu leben – eine einmalige Reise, die mit der Geburt beginnt und sich kontinuierlich weiter entfaltet, mit all den Höhen und Tiefen, die dazugehören. Wir lernen und entdecken, erreichen Ziele und genießen sie, wir scheitern und leiden…Freiheit ist, was jedes Individuum braucht, um solch ein erfüllendes Leben zu leben, basierend auf seinen eigenen Entscheidungen, Erfolgen und Misserfolgen. Freiheit ist, könnte man sagen, was wir brauchen, um Gott zu finden.

Oder eben auch, um zu entscheiden, dass Gott eine einzige große Fiktion ist.