Er ist wieder da. Karl Marx wird 200, und wer dieser Tage die Zeitung aufschlägt, den Fernseher anmacht oder das Radio aufdreht, kommt kaum an dem Philosophen, Ökonomen und Aktivisten vorbei, der am 5. Mai 1818 in Trier geboren wurde. Kein Wunder, denn zweifelsohne gehört Marx zu den einflussreichsten Denkern der Geschichte. Zahlreiche Parteien und Politiker haben sich auf ihn berufen – und tun es noch immer. Schnell entwickelte er sich zum Meme, in einer Zeit, als dieses Wort noch gar nicht gebräuchlich war. Der ernste Blick, das ergraute Haar und natürlich der buschige Bart – sein unverkennbares Markenzeichen. Jeder kennt die Darstellungen aus der Sowjetunion, dem kommunistischen China, der DDR und allen anderen sozialistischen Staaten, in einer Reihe mit Engels, Lenin und Stalin, manchmal auch Mao, die so gleichsam das Gegenstück zu Washington, Jefferson, Lincoln und Roosevelt am Mount Rushmore bilden.

Marx‘ Ideen – ganz harmlos?

Es darf bezweifelt werden, ob Marx ohne seine Wirkungsgeschichte heute noch solche Aufmerksamkeit erzielen würde. Und doch bemühen sich viele Kommentatoren, diese entweder unkritisch zu ignorieren oder Marx von ihr zu trennen. Die Argumentation ist dabei immer dieselbe: Marx hatte gute Ideen, die vom bösen Lenin missbraucht wurden. Noch vor einigen Jahren galt auch Lenin vielen noch als der gute, erst Stalin sei es gewesen, der Marx ad absurdum geführt habe. Immerhin, dieser Mythos ließ sich angesichts der historischen Befunde aus der frühen Sowjetunion nicht mehr halten. Schaut man dagegen ins Kommunistische Manifest, das Marx gemeinsam mit Engels im Jahr 1848 verfasste, so stellt man fest, dass es bereits die Rezeptur für den Terror enthält.

Die kategorische Unterscheidung der Menschen in zwei Klassen – Bourgeoisie und Proletariat – und die feindliche Gegenüberstellung der beiden ist charakteristisch für das Marx’sche Denken. Anders als von manchen behauptet, ist ihm also nicht der Interessenausgleich zwischen Unternehmern und Beschäftigten zu verdanken, der etwa zu verbesserten Arbeitsschutzregelungen, Kündigungsschutz oder Altersteilzeit führten. Derlei Reformvorschläge sucht man bei Marx vergeblich. Für sie waren gemäßigte Sozialreformer genauso verantwortlich wie die Arbeitgeber selbst, die naturgemäß ein Eigeninteresse an gesunden und motivierten Arbeitskräften haben. Dass Unternehmer und Beschäftigte sich in einem Betrieb feindlich gegenüberstehen, ist eben nicht die Regel und wäre dem Erfolg des Unternehmens auch abträglich.

Zerstörte Existenzen

Diese Gegenüberstellung war es, die in den real existierenden sozialistischen Systemen die Gewalt gegen jeden rechtfertigte, der etwas mehr besaß, als er gerade zum Überleben benötigte. Solchenizyn beschreibt im Archipel Gulag eindrücklich, wie Bauern als Klassenfeinde interniert und verbannt wurden, wenn sie mehr als nur eine Kuh besaßen oder zur Ernte Saisonarbeiter anheuerten. So sahen die „despotischen Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse“ konkret aus, die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest als notwendig erachteten. An Stelle privaten Unternehmertums forderten sie: „Gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, besonders für den Ackerbau“. Und so ließe sich die Liste der Forderungen fortsetzen, die ziemlich genau von allen sozialistischen Systemen umgesetzt wurden. Doch diese Schattenseiten des großen Denkers bekommt kaum zu Gesicht, wer dieser Tage über einen Marx-Artikel stolpert.

Ein anderes Bild bot sich bei einer Veranstaltung in Marx‘ Geburtsstadt am 9. April anlässlich der Aufstellung einer 5,50 Meter hohen Statue für Marx, ein Geschenk der Kommunistischen Partei Chinas. Dass diese damit hauptsächlich innenpolitische Motive verfolgte und solche Kolossalstatuen charakteristisch für Monarchien und Diktaturen sind, nicht aber für Demokratien, hielt die Lokalpolitik nicht davon ab, der Aufstellung zuzustimmen. Neben der Ehrung des berühmten Bürgers dürfte dabei auch die Stärkung des Tourismus eine wichtige Rolle gespielt haben. Bei dieser Veranstaltung, organisiert von der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, kamen auch die Opfer sozialistischer Systeme zu Wort, aus der DDR genauso wie aus China. Sie zeigten sich entsetzt darüber, dass nun in einer westdeutschen Stadt eine Statue aufgestellt wurde, die denen der Staaten des Warschauer Pakts so gleicht. Eine Teilnehmerin, die jahrelang im Frauengefängnis Hoheneck in der DDR inhaftiert gewesen war, brachte ihre Entrüstung so auf den Punkt:

„Ich fühle mich durch dieses Denkmal ein zweites Mal gedemütigt.“

 

Video von der Veranstaltung „Ein vergiftetes Geschenk? Die chinesische Karl-Marx-Statue in Trier“ der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen:

Ein vergiftetes Geschenk? Die chinesische Karl-Marx-Statue in Trier

Gepostet von Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen am Montag, 9. April 2018

 

Ralf Nestmeyer, Vizepräsident des PEN-Clubs Deutschlands, schlug nun vor, die Enthüllung der Statue auf den Tag zu verschieben, an dem „unser Ehrenmitglied, die Dichterin Liu Xia, aus dem 2010 verhängten Hausarrest entlassen und ihr die Ausreise ermöglicht worden ist“. Ob die Stadtpolitik darauf eingehen wird, darf bezweifelt werden.