Als Jeremy Corbyn, der Parteivorsitzende der britischen Labour Party, vor Kurzem vorschlug, dass die britische Regierung doch mit einer eigenen Social Media-Plattform in Konkurrenz mit Facebook treten sollte, war die weitläufige Reaktion eine der amüsierten Verwunderung. Aber wie wir von unzähligen Fällen wissen, können sich die verrückten sozialistischen Ideen von heute gehörig schnell in die politischen Programme des Mainstreams von morgen entwickeln.

So war es nicht sonderlich überraschend, als Politico Europe vor wenigen Wochen einen Kommentar veröffentlichte, in dem argumentiert wurde, wir sollten endlich „damit anfangen, darüber zu reden, Facebook und ähnliche Plattformen zu verstaatlichen.“

Tatsächlich, schreibt der Autor Gianmarco Raddi, ein Doktorand aus Cambridge, „ist der einzige Weg Facebook auszubremsen, es aus den Händen von Menschen wie Zuckerberg zu nehmen.“ Für Raddi gibt es zwei Wege, wie wir zu einer sicheren Social Media-Welt gelangen: entweder,  wie von Corbyn vorgeschlagen, einen staatlichen Konkurrenten aufstellen – Raddi nennt es die „European Digital Corporation“ – oder die privaten Plattformen gleich sofort nationalisieren.

Egal wie, beide Vorgehensweisen würden dazu führen, dass „Facebook langsam dem Tod verdammt ist.“ Doch egal wie viele bunte Metaphern Raddi verwendet, seine Idee ist dennoch ungemein kurzsichtig und könnte zu massiven negativen Konsequenzen führen.

Kritik an Social Media-Plattformen ist gerechtfertigt

Natürlich kann an heutigen Social Media-Plattformen einiges kritisiert werden. Was sie mit den Daten ihrer Nutzer anfangen ist oftmals intransparent. Sie zensieren systematisch konservative und liberale Meinungen, in dem sie entweder Suchergebnisse in eine bestimmte Richtung anordnen oder gleich ganz Seiten und Benutzer entfernen, die vielleicht unbequeme Ansichten vertreten. Diese Plattformen sind auch sicherlich ein großer Faktor in der zunehmenden Polarisierung heutiger politischer Debatten, da sie lediglich die Ansichten bestätigen, die man bereits hat, während man Andersdenkende gar nicht zu Gesicht bekommt.

Die Macht, die sie angesammelt haben – besonders Facebook und Google – ist tatsächlich alarmierend. Mittlerweile finden sich sogar klassisch Liberale in Diskussionen wieder, ob diese Unternehmen eine Bedrohung gegenüber einer funktionierenden Marktwirtschaft darstellen. Silicon Valley, früher halbwegs libertär, erscheint heute eher wie eine Elite,die sich vollkommen vom normalen Bürger entfernt hat.

Daten in den Händen des Staates wäre gefährlicher

Trotz alledem wäre es ein gravierender Fehler, diese Plattformen, wie von Corbyn und Raddi vorgeschlagen, zu verstaatlichen. Während sich Raddi beispielsweise über das „Ausbeuten von Nutzerdaten“ von Facebook beschwert, ist es leicht zu vergessen, dass unsere Daten in den Händen der Regierung noch in deutlich größerer Gefahr wären. Genügend Geschichten aus den letzten Jahren, gar den letzten Jahrzehnten, zeigen, dass was auch immer staatliche Behörden von einem wissen, sie auch gegen einen verwenden können.

Die massive Datensammlung, die seit Anbeginn des Internets geschehen ist – zum Beispiel durch den U.S. PATRIOT Act – zeigt dies stärker als je zuvor. Während es besorgniserregend ist, dass Facebook alle Daten sammelt, die es bekommen kann, kann es nicht sonderlich viel damit anstellen – schlussendlich kann Facebook einem nur versuchen, durch Werbung Zeug zu verkaufen.

Der Staat kann im Extremfall das ganze Leben von einem zerstören, wenn es einen bestimmten Teil der Daten nach den Standards der derzeitigen Regierenden als bedenklich ansieht.

Faszinierenderweise erkennt Raddi dieses Problem auch – immerhin schreibt er, dass „niemand einen US-Präsidenten Donald Trump oder britischen Wichtigtuer Boris Johnson in der Kontrolle unserer Social Media-Feeds haben will.“ Damit bringt Raddi natürlich nur seine eigene Heuchelei zum Vorschein, da er nichts anderes sagt, als dass es natürlich toll wäre, wären alle unsere Daten in der Hand des Staates – aber nur solange wie diejenigen in der Regierung mit ihm übereinstimmen.

Es ist eigentlich unnötig zu sagen, aber das Blatt kann sich schnell wenden. In Raddis Fall, der in Großbritannien lebt, besteht eben schon eine echte Chance, dass der „britische Wichtigtuer“ Boris bald über ihn regieren könnte – oder noch schlimmer, Genosse Corbyn.

Die vernünftige Verwendung von sozialen Medien

Schließlich ist es weiterhin der Fall, dass all diese Social Media-Plattformen immer noch freiwillig verwendet werden. Niemand wird dazu gezwungen, sich bei Facebook, Twitter und Google anzumelden. Und wenn die Nachfrage besteht, werden in einer freien Marktwirtschaft Alternativen existieren (oder wenn sie es nicht tun, werden sie nur um die Ecke warten).

Es ist hier, wo wir die Lösung für das Rätsel um soziale Medien finden können. Wenn Facebook und Co. tatsächlich zu viele Daten sammeln, tatsächlich die Meinungsfreiheit einschränken und tatsächlich zu groß sind, dann ist es die Aufgabe von uns als freie Individuen zu überdenken, wie wir diese Plattformen benutzen.

Wenn wir unzufrieden sind mit dem Weg, den soziale Medien eingeschlagen haben, liegt es an uns, sich entweder von ihnen abzumelden oder sie in einer vernünftigeren Art zu verwenden. Statt wie Raddi zur Regierung zu blicken, um Probleme zu lösen, sollten wir auf uns selbst schauen und was wir besser machen können.

Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors, nicht der Organisation wieder. Dieser Blog bietet die Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Mehr zur Organisation auf www.studentsforliberty.de

Das Original ist auf Speak Freely erschienen.