Dystopische Technophobien hat es über die letzten Jahrhunderte zur Genüge gegeben. Keine der Schreckensszenarien sind je eingetreten, doch trotzdem scheint bei jeder neuen Innovation schon eins gewiss: dass es irgendjemanden geben wird, der wieder einmal die ach so gewaltigen Gefahren jener Neuerung in den Mittelpunkt stellt – um die Welt doch wohlhabender, mit besseren Werkzeugen und gesünder wiederzufinden.

Heutige Horrorszenarien sind da nicht so anders. Nein, Roboter werden uns (wahrscheinlich) nicht unsere Jobs wegnehmen – zumindest nicht in absoluten Werten. Nein, Big Data macht uns (wahrscheinlich) nicht zu Gefangenen von Daten, die wir freiwillig preisgegeben haben. Nein, keine künstliche Intelligenz wird (wahrscheinlich) über uns herrschen wie sie es schon so oft in Sci-Fi-Filmen vorgeführt hat. Und nein, nicht einmal das Überbieten künstlicher Intelligenz über unsere menschliche Intelligenz scheint gewiss – tatsächlich aus philosophischer Sicht sogar äußerst unrealistisch.

Doch nur weil Technologie-Skeptiker – oder reaktionäre „Neo-Ludditen“, wie sie gerne süffisant genannt werden – bislang zumeist falschen Alarm geschlagen haben, muss dies nicht zwangsläufig bedeuten, dass sie für immer falsch liegen werden. Tatsächlich scheint es mir so, als ob wir mit dem Transhumanismus – mit allen möglichen Erscheinungen, von Designerbabies zur Optimierung und systematischen Verbesserung menschlicher Fähigkeiten hin zum extremsten dieser Extreme, dem Ziel der Unsterblichkeit – einen Punkt zu erreichen, wo wir uns spätestens nun genauer überlegen sollten, welche Technologien wir annehmen und welche nicht.

Der Transhumanismus ist keine einfache Fortführung des normalen technologischen Fortschritts

Befürworter nutzen gerne das Argument, dass der Transhumanismus ja nur eine Fortführung des schon lange anhaltenden Prozesses des technologischen Fortschritts sei. Die Menschheit hat ihre Fähigkeiten schon immer verbessert durch neue Innovationen. Wer also gegen Transhumanismus ist, müsste auch gegen frühere Technologien sein. Verkauf also sofort Dein Auto, schmeiß das geliebte Laptop in den Müll und ach so, wenn Du schon dabei bist: Da Du ja gegen potenzielle Heilmittel von Krebs argumentierst, versuch schnellstmöglich, Dir bestenfalls irgendwo Tuberkulose einzufangen (ja, das ist eine Übertreibung).

Doch dieses Argument schießt am Ziel vorbei. Tatsächlich schafft der Transhumanismus eine vollständig neue Dynamik und leitet eine neue Ära in Sachen technologischer Innovationen ein. Dabei ist es erst einmal wichtig, abzustecken, was überhaupt „transhuman“ bedeutet. Als Gegenargument zu einem früheren Artikel von mir meinte zum Beispiel Pastor Christopher Benek, gegen Transhumanismus zu argumentieren wäre – selbst für religiöse Menschen wie ihn und mir – zu voreilig und berichtete dabei von seinen eigenen Erfahrungen:

„Meine Gemeindemitglieder kommen zum Gottesdienst mit aufgerüsteten Hüften und Knien. Sie haben sich Herzschrittmacher mit einer Operation installieren lassen. … Transhumanismus ist bereits da. … Sollten Wissenschaftler einen Weg finden mit der CRISPR-Technologie kostengünstig menschliche Gene modifizieren zu können, um die Möglichkeit zu eliminieren, Krebs zu bekommen, würde niemand aus vernünftigen Gründen diesen technologischen Fortschritt ablehnen.“

So sehr dies stimmt – und sehr ich dieser Aussage zustimme – ist das von Pastor Benek Beschriebene einfach kein Transhumanismus. Der Transhumanismus hat es sich – wie das Wort schon sagt – zum Ziel gesetzt, den Menschen in seiner Essenz zu transformieren, hin zu einem Punkt, wo wir keine Menschen, sondern Postmenschen (posthuman) sind.

Krebs zu heilen oder sich die Hüfte auswechseln zu lassen tun dies aber nicht; sie greifen in keiner Weise die menschliche Natur an. Tatsächlich fallen diese Beispiele unter die bisherigen Effekte technologischen Fortschritts. Bislang waren diese Effekte zweierlei: Entweder hat eine Technologie externe Faktoren verändert oder das repariert, was defekt war.

Mit Autos oder Flugzeugen beispielsweise können wir uns viel schneller fortbewegen, wie wir es als einfache Lebewesen könnten. Doch diese Transportmöglichkeiten – sowie die meisten Technologien der letzten Jahrhunderte – änderten die äußeren Bedingungen, änderten unsere Umwelt. Sie änderten nicht uns selbst. Das Lasern von Augen oder das Austauschen der Hüfte währenddessen hat zwar einen Menschen geändert, doch lediglich das Individuum wieder in Einklang gebracht mit dem, was es heißt, Mensch zu sein. Es ging nicht darum den Menschen allgemein zu perfektionieren.

So ist es eine Sache, wenn man versucht, die Lebenserwartung von sechzig auf achtzig Jahre zu erhöhen. Es ist eine ganz andere Sache, den Tod selbst zu bezwingen. Es ist eine Sache, einem glücklichen Ehepaar durch künstliche Befruchtung dabei zu helfen, endlich ihr Kind – im Leibe der Mutter – zu gebären. Es ist eine gänzlich andere Sache, das Baby elternlos in einer Petrischale zu züchten. Es ist eine Sache, Gene zu verändern, sodass schlimme Krankheiten ausgerottet werden (sollte dies jemals problemlos möglich sein).. Es ist eine andere Sache, wenn dieses Werkzeug dafür verwendet wird, dass jeder ein Superheld – eine Kombination aus Mozart, Aristoteles, Steve Jobs, Hayek und Iron Man – wird.

Hier liegt jedoch die Essenz des Transhumanismus: Die menschliche Natur, die Menschenwürde, gar das Menschsein per se liegen auf dem Operationstisch. Solange soll am Menschen geschnipselt, die Puzzleteile in die angeblich richtige Ordnung gebracht werden, bis der Mensch endlich perfekt, bis die Erbsünde, die wir dank Adam und Evas Versuchung erlangt haben, besiegt ist und der Mensch endlich von all seinen Lasten erlöst ist. Ob vom Menschen schlussendlich noch etwas übrig ist, ist eine Frage, die gar nicht erst gestellt wird – besonders, wenn stattdessen von einer „posthumanen“ Zukunft, die logische Konsequenz des Transhumanismus, geträumt wird.

Das Argument für den Tod

Man könnte über jede einzelne der transhumanistischen Ideen diskutieren. Die Übel, welche Designerbabies, die Optimierung des Menschen oder die Kryonik hervorbringen würden, würde ich als alles andere als positive Entwicklungen bezeichnen. Doch das unschlagbare Argument der Transhumanisten scheint die Möglichkeit zu sein, selbst den Tod zu besiegen.

Die einfache Formel lautet: Leben ist gut, sterben ist schlecht. Wie schön wäre es, man könnte die nächsten Generationen, die Urenkel, die Ururenkel und so weiter, heranwachsen sehen? Wie schön wäre es, wenn man Zeit hätte alles zu verwirklichen, was man sich immer gewünscht hat, ohne die Uhr schon im Hintergrund ticken zu hören? Wie schön wäre es, ganz einfach, für immer auf Mutter Erde leben zu können? Und wenn man keine Lust hat, kann man dem Ganzen ja immer noch ein Ende setzen – aus eigener Entscheidung, durch einen Schuss in den Kopf oder einer Pille. Vielleicht will man sogar noch eine große Feier machen? „Das Ende von moi – die große Abschiedsparty mit Freibier!“

Selbst religiöse Menschen können dabei etwas ins Schwanken geraten, denn auch Gläubige lieben doch das Leben, welches Gott einem gegeben hat. Im Judentum erhebt man das Glas auf L’Chaim – aufs Leben. Der Selbstmord wird im Christentum als eine der schwerwiegendsten Sünden angesehen. G.K. Chesterton, einer der bekanntesten katholischen Apologeten, sah den Selbstmord als die schändlichste Sünde von allen an, da man damit nicht nur einen Menschen tötet (sich selbst), sondern die restliche Menschheit ebenso. Mit der Beendigung des eigenen Lebens sagt man auch, dass man keine Lust mehr hat auf die Mitmenschen. Für den Täter sind alle Menschen tot.

Wie Leon Kass aber meint, „zu argumentieren, dass das menschliche Leben ohne Tod besser wäre, wäre zu argumentieren, dass das menschliche Leben besser wäre, wenn es nicht mehr menschlich ist.“ So wie auch der Psalmist sagt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Ps 90, 12) Der Tod gibt dem Leben Bedeutung. Wie könnte man sich für etwas mit ganzem Herz einsetzen, nach Größerem trachten, wenn man weiß, dass man für immer dafür Zeit hat? Wie könnte man sein Leben für seine Geliebten, für seine Familie oder Freunde, für die Gemeinschaft, das eigene Land, für einen Zweck, geben und so seinen Mut und die Bereitschaft zur Aufopferung unter Beweis stellen, wenn man, nun ja, sein Leben niemals geben muss, solange man nicht will?

Ist es nicht überhaupt erst die Tatsache, dass das irdische Leben endlich ist, was einem erst lieben lässt? Und ist es nicht geradezu selbstsüchtig, wenn man den Tod verweigern will? Eine Generation nimmt den Platz der vorherigen ein, nur um die nächste Generation zu zeugen, welche man erzieht in der Hoffnung, dass sie diesen Platz wiederum einnehmen wird. Es ist ein unendlicher – gar unsterblicher – Prozess, in welcher die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft verknüpft wird. Wo ist dieser wunderschöne Prozess in einer Welt der Unsterblichkeit?

Der Tod, so tragisch er in der unmittelbaren Nähe verständlicherweise ist, ist ein grundlegender Bestandteil des Menschseins. Er ist das letzte Trommeln, das Finale eines einzigarten Lebens, ein Finale, welches allem vorher überhaupt erst Bedeutung gibt. Ihn zu eliminieren würde bedeuten, das Menschsein selbst neu zu definieren.

Eine schöne, neue Welt – oder doch nicht?

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert von 1984. Mit totalitären Regimes und kranken sozialen Experimente, die von staatlicher Hand ausgeübt wurden, erinnerten Regierungen wie in der Sowjetunion oder Nazi-Deutschland an George Orwells Dystopie des totalitären Staates. Blickt man auf das 21. Jahrhundert, könnte es das Jahrhundert einer anderen Art Totalitarismus werden: das Jahrhundert der Schönen neuen Welt. Aldous Huxleys Roman beginnt mit einem Besuch in der Fertilisationsstation, wo Babys im Labor gezüchtet werden. Technologie hat in dieser Welt alle Beschwerden, alle Ängste, alle Krankheiten und alles Leid eliminiert. Die Menschen sind wohlhabend und haben alles, was sie sich materiell wünschen könnten. Doch der Schein trügt: denn glücklich sind sie trotzdem nicht.

So sehr die Gefahr einer Rückkehr zu 1984 besteht – man bedenke nur, sollten diese transhumanistischen Technologien in die falschen Hände fallen – ist die Gefahr einer Schönen, neuen Welt viel größer. So sehr uns (technologischer) Fortschritt in den letzten Jahrhunderten weitergebracht hat, konnte er das in erster Linie nur materiell tun. Als Konsumenten müssten wir so glücklich wie nie zuvor sein. Doch es gibt auch andere Faktoren. „Zu leiden, durchzuhalten, sich mit Problemen herumschlagen für das eigene Zuhause, die Familie, die Gemeinschaft und einer echten Freundschaft, heißt, wirklich zu leben,“ meint Leon Kass ganz richtig.

Der Transhumanismus ist Teil einer größeren Geschichte, die sich das Technopol, wie es Neil Postman nannte, als Ziel gesetzt hat. Doch statt allen Fokus auf technologischen Fortschritt zu setzen, sich lediglich darum zu kümmern, jedes Leid und jedes materielle Unglück auf der Welt zu eliminieren – bis hin zum Tod – ist es an der Zeit, nicht nur auf materielles „Glück“ zu blicken. Stattdessen ist es nötig, sich neu auszurichten. Um ein letztes Mal Kass in Bezug auf den Tod zu zitieren:

„Menschliches Leben ist kaum nihilistisch: Wenn wir erst einmal unsere Endlichkeit anerkennen und akzeptieren, können wir uns darauf konzentrieren, gut zu leben und uns in erster Linie auf das Wohlergehen unserer Seele zu kümmern, nicht unserer Existenz alleine.“

So sehr diese Kritik auf alle Technologien bis zu einem gewissen Grad zutreffen kann, gilt sie umso mehr für den Transhumanismus. Denn der Transhumanismus würde das menschliche Leben nicht nur ändern – er würde es potenziell zerstören. Noch können wir diesem Prozess entschieden entgegentreten. Doch die Zeit rinnt.

„Ich will aber keinen Komfort. Ich will Gott, ich will Dichtung, ich will reale Gefahren, ich will Freiheit, ich will Güte. Ich will Sünde“
~ Aldous Huxley

 

Hier geht es zum Argument für den Transhumanismus:

Jetzt lesen auf:http://peace-love-liberty.de/transhumanismus-ueber-die-zukunft-der-menschlichen-existenz/

Gepostet von Peace Love Liberty am Freitag, 4. Mai 2018

 

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