Aus dem Englischen übersetzt von Linus Junginger.

 

In einem 1981 veröffentlichten und anscheinend nicht online verfügbaren Essay vergleicht Sheldon Richman den Staat mit einer Zwiebel. Der erfolgreiche Weg zur Freiheit sei nicht, durch das Schälen der Zwiebel den staatlichen Einfluss Schicht für Schicht abzutragen – vielmehr müsse man, so die Überschrift des Artikels, „die Zwiebel zerschlagen“.

Ich erinnere mich, wie ich diesen Text als junger, radikaler Liberaler gelesen und geliebt habe, so wie damals auch viele meiner Freunde. Auch heute habe ich noch Sympathien für diese Stoßrichtung, denn sie sieht die Ungerechtigkeit des Staates als etwas, das wir keine Sekunde länger tolerieren können. Es greift das Zitat von Martin Luther King auf, der sagte „Wo auch immer Ungerechtigkeit geschieht, ist sie eine Bedrohung für die Gerechtigkeit überall“.

Wie bei den meisten politischen Slogans lenkt uns der reizvolle Klang und die einfache Botschaft aber davon ab, darüber nachzudenken, wie das Zurückdrängen des Staates in der Praxis funktionieren kann.

Statt als eine Zwiebel sollten wir den Staat lieber als eine tickende Zeitbombe betrachten. Liberale sind die Kampfmittelbeseitiger, die gerufen werden, um die Bombe zu entschärfen, bevor sie hochgeht. Wir könnten einfach alle Drähte herausreißen oder sogar „die Bombe zerschlagen“, aber beides würde sie wahrscheinlich zur Explosion bringen. Einen Sprengsatz zu entschärfen setzt ein wohlüberlegtes Vorgehen voraus, bei dem wir darüber nachdenken müssen, wie er gebaut wurde, welche Teile miteinander verbunden sind und was die einzelnen Kabel tun. Anders formuliert, ein sicheres Entschärfen erfordert, dass wir die Kabel in der richtigen Reihenfolge durchschneiden.

Du lehnst das Taxi-Monopol des Staates ab? Benutze Uber!

Ich möchte zunächst über zwei andere Themen sprechen. Einer der Unterschiede zwischen der Welt von 2015 und der von 1981 ist, dass wir heute viel bessere Möglichkeiten als früher haben, die Staats-Zwiebel zu umgehen, statt nur darüber zu debattieren, ob wir sie schälen oder zerschlagen sollen. Jeffrey Tucker und Max Borders zeigen in „Fifty Ways to Leave Leviathan“ auf, dass sich uns durch die Kombination von Technologie und bereits bestehenden Märkten viele Gelegenheiten bieten, ein freieres und besseres Leben zu führen. Du lehnst das Taxi-Monopol des Staates ab? Benutze Uber! Ich halte diese Vorstellung von einer sich immer weiter ausbreitenden Freiheit für großartig.

Zweitens soll mein Argument nicht so verstanden werden, dass Liberale nicht das langfristige, an Prinzipien orientierte Projekt der größtmöglichen Freiheit und des geringsten Zwangs durch den Staat oder Privatpersonen verfolgen sollen. Wir sind uns trotz verschiedener Ansichten über den richtigen Weg alle darin einig, dass das Ziel eine freie Gesellschaft ist. Es gibt eine Menge Diskussionsstoff für Liberale, wenn es darum geht, wie wir dieses Ziel am besten erreichen.

Nachdem ich diese Vorbemerkungen gemacht habe, möchte ich argumentieren, dass „die Zwiebel zerschlagen“ wahrscheinlich kein erfolgversprechendes Rezept ist, um mehr Freiheit zu erreichen, und zwar sowohl aus strategischen als auch aus prinzipiellen Gründen.

Strategisch betrachtet ist es viel schwieriger, Leute von einer liberalen Idee zu überzeugen, wenn sie ihnen als eine Alles-oder-Nichts-Entscheidung präsentiert wird. Wenn Liberale darüber sprechen, vom Status quo direkt in einen Minimalstaat oder in eine staatenlose Gesellschaft zu springen, stellen sich bei den Zweiflern die Nackenhaare auf und wir verlieren bei vielen Themen Verbündete.

In der Realität wird ein intellektueller und politischer Wandel durch Bündnisse erreicht, die geschmiedet werden, indem man Menschen von einzelnen Ideen überzeugt. Das kann zum Beispiel durch die Bearbeitung von Themen geschehen, für die wir Zustimmung von Leuten erhalten, die noch nicht liberal sind. So hat etwa die von Mises und Hayek vorgebrachte Kritik der wirtschaftlichen Planung eine Menge nicht-liberaler Akademiker davon überzeugt, zu sagen: „Mises hatte Recht“ (wie der sozialistische Wirtschaftswissenschaftler Robert Heilbronner 1990 in einem Artikel für den New Yorker schrieb). Sind diese Leute alle zu Liberalen geworden? Nein, aber die sozialistischen Ideen waren zu diesem Zeitpunkt stark in Verruf, während Mises und Hayek mit ihren marktwirtschaftlichen Positionen Geltung beanspruchen konnten. Das war ein wichtiger Schritt.

Die Wahrheit ist nämlich, dass wir nicht erfolgreich sein werden, wenn wir als Vertreter der reinen liberalen Lehre herumkrakeelen, wie wichtig das Nichtaggressionsprinzip ist.

Nicht-liberale Gruppen davon zu überzeugen, Schritte in eine liberale Richtung zu unterstützen (wie etwa die freie Schulwahl, die freie Berufswahl, das Eindämmen des militärisch-industriellen und geheimdienstlichen Komplexes, eine Strafjustizreform oder das Ende der repressiven Drogenpolitik), ist notwendig, um den Staat zurückzudrängen. Keine dieser Gruppen will „die Zwiebel zerschlagen“, aber wenn wir als Liberale unsere Ideen auf die richtige Weise präsentieren, sie intellektuell in den richtigen Zusammenhang stellen und Bündnisse eingehen, in denen wir diese Reformen einfordern, dann können wir einige Schichten der Zwiebel herunterschälen. Die Wahrheit ist nämlich, dass wir nicht erfolgreich sein werden, wenn wir als Vertreter der reinen liberalen Lehre herumkrakeelen, wie wichtig das Nichtaggressionsprinzip ist.

Abgesehen vom strategischen Argument gibt es aber auch prinzipielle Gründe für einen Schritt-für-Schritt-Ansatz, die ich näher ausführen möchte.

Wenn wir wirklich begreifen, wie stark der Staat die Fähigkeit seiner Bürger beeinträchtigt, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen (vor allem bei schlechterer Ausbildung), sollten wir sehr vorsichtig sein, wenn wir darüber reden, welche Funktionen des Staates wir zuerst abschaffen wollen. „Wir müssen den Sozialstaat abschaffen“ sagt sich leicht, aber wenn wir das tun, ohne die Hürden im Arbeitsmarkt und für den sozialen Aufstieg für die zu beseitigen, die sich auf Sozialleistungen verlassen, dann nehmen wir genau den Leuten die Krücken weg, denen der Staat vorher die Beine gebrochen hat.

Es ist wesentlich sinnvoller, humaner und stärker im Einklang mit liberalen Werten, wenn wir die bürokratischen Hürden wie den Mindestlohn und andere Gesetze, die die Berufsausübung einschränken, zuerst abschaffen und dadurch Leuten erlauben, Arbeit zu finden und ihr Einkommen zu erhöhen, bevor wir die staatlichen Leistungen abschaffen, die den Unterschied für das Überleben derer machen, die der Staat wirtschaftlich gelähmt hat.

Ja, ich bin mir bewusst, dass Sozialleistungen nicht immer die beabsichtigten Ziele erreichen und ja, ich stimme zu, dass andere Formen der gegenseitigen Unterstützung besser funktionieren würden, aber wenn wir uns vergegenwärtigen, wie stark die staatlichen Eingriffe weniger gut ausgebildeten Arbeitern geschadet haben und dass sie verantwortlich für deren Armut sind, dann sollte die richtige Reihenfolge bei einer Reform sein, ihnen zunächst Möglichkeiten zur Heilung ihrer gebrochenen Beine zu geben, bevor wir ihnen irgendwelche möglicherweise nicht besonders effektiven Krücken wegnehmen.

Hinzu kommt, dass diese Art des Umgangs mit Problemen wohl eher dazu führen wird, dass Liberale die Unterstützung anderer Gruppen bekommen werden, als wenn wir dogmatisch darauf herumreiten, den Sozialstaat auf einen Schlag abzuschaffen, ohne vorher die Hürden für den sozialen Aufstieg zu beseitigen.

Außerdem ist „Schafft den Sozialstaat ab“ zwar ein netter Spruch, aber Bedürftige, die wegen staatlichen Einschränkungen kein Geld sparen können oder die für ihre Zukunftsplanung fest mit einer Sozialleistung rechnen, würde es besonders hart treffen, wenn wir ihnen die Krücken wegnehmen und nicht darüber nachdenken, wofür sie sie brauchen oder wie ein sinnvoller Übergangsplan für sie aussehen könnte.

Wenn wir für die Freiheit kämpfen, müssen wir darüber nachdenken, wie wir von A nach B kommen. Wir können uns einige Freiräume erarbeiten, indem wir den Staat umgehen, aber schlussendlich läuft es darauf hinaus, dass wir ihn zurückdrängen müssen. Diejenigen von uns, die für das stehen, was Tom W. Bell als „Revolution am Grenznutzen“ bezeichnet, wollen bei diesem Zurückdrängen sicherstellen, dass wir Bündnisse schmieden und erkennen, dass es wichtig ist, in welcher Reihenfolge wir die Drähte durchschneiden.

Unsere Analyse des Schadens, den der Staat anrichtet, sollte einhergehen mit großer Sorge um dessen Opfer. Unsere intellektuelle und politische Strategie ist davon abhängig, aber auch unsere Menschlichkeit.

 

Dieser Artikel spiegelt die Meinung des Autors, nicht der Organisation wieder. Dieser Blog bietet die Plattform für unterschiedliche liberale Ideen. Mehr zur Organisation auf www.studentsforliberty.de

Das Original ist auf Libertarianism.org erschienen.