Ich dachte, mein Philosophiestudium an der Freien Universität in Berlin würde ein Genuss werden. Philosophische Seminare sind für mich normalerweise die schöne Auszeit von den alltäglichen Dauerthemen der meist ermüdenden Tagespolitik, eine Ablenkung von verkrusteten Denkstrukturen, die uns daran hindern, das Licht am Ende des Horizonts zu sehen.

Hier kann man einmal in den weiten Diskursen der großen philosophischen Literatur schwelgen. Sich daran versuchen, die abstraktesten Denkformen zu erproben und das Wissen der Welt einzuatmen. In der Luft der Philosophie riecht es nicht nach Trump, nach einer modrigen AFD und den ratlosen Gesichtern nach einer Thüringen-Wahl. Hier werden die Stürme der Welt und der peitschende Regen vorm Fenster durch das Eingangsschild des geisteswissenschaftliches Instituts wie abgeschirmt, wie stumm geschaltet.

Doch meine Vorfreude ist bald verflogen, denn ich sitze in einem Kurs zur Geschichte der Frankfurter Schule. Wir lesen Adorno, Horkheimer und heute: Lukacs. Nun gut, dachte ich mir, Adorno sollte man schon einmal gelesen haben. Allein aus literarischem Interesse solle es sich lohnen, so rieten mir immer wieder begeisterte Anhänger. Also gehe ich hin. Es werden in diesem Semester sowieso nur Seminare zur Kritischen Theorie angeboten. Etwas anderes wollen die Professoren der politischen Philosophie hier anscheinend gar nicht lehren. Ich habe also streng genommen gar keine andere Wahl. Das Seminar ist dementsprechend brechend voll.

Man kann die Vorfreude und die Anspannung der Studenten geradezu mit Händen greifen. Jede Woche sitze ich mit 50 freudig strahlenden Kommilitonen zusammen. Etwas eng, wie ich hinzufügen muss. Mir fällt auf, dass unser Seminarzimmer so klein ist, dass sich nur wenige Auserwählte an dem Tisch in der Mitte, und damit in komfortabler Weise mit einer Schreibunterlage ausgestattet, niederlassen können. Doch der von mir erwartete Run auf oder Kampf um diese heißbegehrten Plätze fällt aus. Ja, der wirklich integre Student scheint sich gern und freiwillig auf einen der Stühle um den Tisch herum oder auf den Boden, soll heißen mit eingezogenem Kopf unter der Tafel, zu setzen, was wohl seine Gelassenheit und Ablehnung gegenüber jedwedem weltlichen Genuss symbolisiert. Ich entschuldige mich innerlich, diesem Sitz-Protestantismus nicht beizuwohnen, schließlich verträgt meine Chinohose und mein Hemd aus ägyptischer Baumwolle den proletarischen Staub des Philosophiezimmers ganz schlecht. Außer mir scheint die Greta-Generation wirklich selbstlos und zurückhaltend zu sein, immer darum bemüht, nicht zu viel Raum für sich einzunehmen. Gut für mich, denke ich, der trotz späten Eintreffens noch einen Platz an der Sonne einnehmen kann.

Ich schaue mich um. Jeder hier scheint sich zu freuen, endlich Texte zu lesen, die dem eigenen Weltbild entsprechen, ja mehr noch, Prosa zu diskutieren, die ihnen aus der Seele zu sprechen scheint.

Auch die Professorin teilt uns offen diese Geisteshaltung mit. Sie sagt, wir, die wir doch alle auf die ein oder andere Weise Marxisten und Marxistinnen seien, säßen hier zusammen, um uns die Entwicklung unserer sowieso schon vorhandenen Ideenwelt zu versichern. In ihrer Forschung führe sie fort, was Denker wie Adorno und Horkheimer begonnen hätten. Politische Neutralität ist hier nicht geboten, man kann sich offen als Neomarxist verstehen, es gehört hier sogar zum guten Ton. Ich will mich schon melden und mich des Antikommunismus‘ schuldig erklären, da besinne ich mich noch einmal eines Besseren und übe mich in der schönsten aller journalistischen Rollen: des voreingenommenen Beobachters und selbstgerechten Kritikers. Ich will wissen, was eine Professorin dazu bringt, solch unwissenschaftliche Aussagen zu treffen, was es ist, das diese jungen Menschen hier in Scharen an den intellektuellen Zitzen ihrer heiligen Kuh saugen lässt.

Die Textgrundlage der heutigen Sitzung stammt von Georg Lukacs aus den 1920er Jahren und trägt die tiefgreifende Überschrift „Das Phänomen der Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“.

Es geht eigentlich um etwas ganz Profanes. Lukacs will darauf hinaus, dass der Arbeiter im Kapitalismus von seiner Arbeit entfremdet werde. Er müsse stupide, immer gleiche, objektivierte Tätigkeiten vollbringen und wird damit selbst zu einem Objekt degradiert, das man beliebig einsetzen und ausnutzen könne. Subjekt wird Objekt. Soweit, so marxistisch. Nun diskutieren wir, wie aber nun nicht-entfremdete Arbeit aussehen soll? Die Kriterien für Lukacs scheinen zu sein: (1.) Die Arbeit muss der Person, welche sie ausführt, umfassend in Charakter und Art gerecht werden; (2.) sie darf nicht eintönig, nicht zu anstrengend und ganz wichtig (3.) nicht auf den Verkauf eines Produkts ausgerichtet sein, sondern (4.) nur aus Selbstinteresse heraus getan werden. Jeder Zwang zur Arbeit soll aufgegeben werden. Ich frage spöttisch, ob dann nicht nur noch Hobbys übrig blieben? Echte Arbeit sei von der Definition schlichtweg ausgeklammert. Das kommt gar nicht gut an. Ich fange mir böse Blicke ein. Schnell wird versichert, dass wir uns solche Arbeit nur nicht vorstellen könnten, weil wir eben Kinder des Kapitalismus‘ seien und daher erst fähig würden wahre Arbeit zu erkennen, sobald dieser abgeschafft sei. Ich frage mich insgeheim, was wir dann noch hier zu suchen haben, wenn wir doch zur Erkenntnis der wahren Dinge unfähig sein sollen, solange wir in dieser korrupten und bösartigen Gesellschaft leben?

Aber ich unterdrücke meinen Impuls zum Widerspruch und spiele weiter den naiven und nur genau nachfragenden advocatus diaboli und frage in die Runde, ob wirklich jede Arbeit im Kapitalismus die Fähigkeiten der Person übersieht und ignoriert? „Gibt es nicht unzählige Berufe“, sage ich, „die mit ganz bestimmten menschlichen Charakteristika zusammenhängen?“ Man denke an einen guten Vertreter, an einen Schauspieler oder Politiker? Was ist mit einem Erfinder oder Architekten? Aber auch hier gehe ich natürlich fehl in meinen bürgerlichen Annahmen. Im Kapitalismus sei das doch nur ein falscher Schein, wird mir erklärt. In Wahrheit werde das Individuum dazu getrieben, nur jene Eigenschaften von sich am Markt zu verkaufen, die sich zu einer Ware machen ließen, die wahre Person bleibe wieder auf der Strecke.

Dabei ist es interessant, dass wir es überhaupt geschafft haben, bei der verschwurbelten Prosa von Lukacs, derart konkret und am Gegenstand zu diskutieren. Lukacs stellt sich leider in die Tradition von Philosophen, die mithilfe von Sprache ihre Ideen eher vernebeln als erhellen, weil sie glauben, eine philosophische Abhandlung sei dann besonders gelungen, wenn sie den Sprachstil Kants imitiere und mit der Einfachheit und Klarheit Hegels kombiniere. Mit anderen Worten, eine Abhandlung ist dann gehaltvoll, wenn die Sätze möglichst lang und unverständlich formuliert sind. Die Tiefe des Textes zeigt sich in der bloßen Andeutung des Autors, die ein so großes Vorwissen nötig macht, so dass der Text eigentlich nur als Ausschnitt einer ganzen Bibliothek gelesen werden kann. Wer die Vorkenntnisse nicht besitzt, ist eben zu ungebildet, um an den wahren Schatz der großen Gedanken Teil zu haben. Hier eine kleine Kostprobe:

„Indem das moderne bürgerliche Denken nur die »Bedingungen der Möglichkeit« des Geltens jener Formen untersucht, in denen sich das ihr zugrunde liegende Sein äußert, versperrt es sich selbst den Weg zu den klaren Fragestellungen, zu den Fragen nach Entstehen und Vergehen, nach wirklichem Wesen und Substrat, dieser Formen.“

George Lukacs, „Das Phänomen der Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“

Anhand der Komplexität dieses Satzes komme auch ich an die Grenzen meines bürgerlichen Denkens, an die Grenzen meines Seins, meines Entstehens und Vergehens, und an den Rand der wirklich wichtigen Fragen.

Unser Seminar neigt sich dem Ende zu und unsere Dozentin erinnert uns daran, dass Lukacs auf Marx‘ Arbeitswert- und Ausbeutungstheorie aufbaue und wiederholt sie daher für uns – dankbarerweise – in kurzen Zügen. Der Arbeiter, so Marx, füge einem Ding erst durch seine Arbeit einen Wert hinzu, diese Wertschöpfung würde der Unternehmer jedoch einfach dem Arbeiter wegnehmen und ihn nur unzureichend dafür bezahlen. Deshalb sei der Kapitalismus eine Ausbeutergesellschaft. Die Unternehmer sind die Parasiten der Arbeiter, die sie im Arbeitszwang gefangen halten, ohne dass sie es merken.

Ich frage unsere Dozentin, selbstredend nur aus Erkenntnisinteresse, wie denn ein Kellner mit seiner Arbeit den Wert des Restaurants erhöhe, in dem er arbeite? Wird der magische abstrakte Wert der Arbeit in den Kaffee hineingelegt, sobald der Kellner diesen an den gewünschten Platz bringe? Aber solch ein Zynismus wird hier abgewiegelt. Natürlich sei das von Marx so nicht gemeint, sondern der Arbeiter werde hier auf andere Weise ausgebeutet. Mit anderen Worten: Meine Spitzfindigkeiten sind nicht erwünscht. Und so schweige ich nun lieber. Zum Glück sind sich die anderen alle einig und freuen sich, so derart kritisch und avantgardistisch zu sein, die Welt wirklich klar zu sehen und nicht mehr verblendet auf die Wirtschaft und unseren Staat zu blicken, in eine Zukunft, die nur eine neomarxistische sein kann. Dann kann ich nur sagen: Amen.

Der Beitrag erschien zuerst auf dem Bog des Autors: Philosophische Auszeit.

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